IM ISLÄNDISCHEN HOCHLAND: auf den Spuren der Edda-Dichtung

Reisebericht

IM ISLÄNDISCHEN HOCHLAND: auf den Spuren der Edda-Dichtung

Reisebericht: IM ISLÄNDISCHEN HOCHLAND: auf den Spuren der Edda-Dichtung

Wir wussten, dass wir angekommen waren. Alles kam uns bekannt vor, die Textstellen aus der Edda schwirrten mir durch den Kopf. „Ich bin so geschafft, dass ich von Kopf bis Fuß vibriere“ sagte ich zu meinem Mann, als ich nach sieben Stunden Fußmarsch über Felstrümmer endlich in unserem Zelt im Dyngjufjalladalur zur Ruhe kam. „Das sind nicht deine Nerven, das ist ein Erdbeben“, antwortete Horst. Mehrere Wochen lang durchstreiften wir den zum Teil weglosen Bereich des isländischen Hochlandes zwischen der letzten bewohnten Farm Svartárkot im Norden, den Gletschern an der Südküste und dem Askja-Massiv mitten in der Wüste.
Gerade diese Mischung aus Legende, Dichtung, Geologie und Geografie machte diese Reise für uns so unvergesslich – so unvergesslich, dass wir im Sommer 2008 wiederkommen werden.

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Fahrspur im isländischen Hochland

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Inspiriert von Walter Hansens Buch „Asgard – Entdeckungsfahrt in die germanische Götterwelt Islands“, hatten wir es uns in den Kopf gesetzt, diesen sicherlich unbekanntesten Teil des isländischen Hochlandes kennenzulernen. Und unser kleiner grüner Lada Niva, liebevoll von uns „Karl-Heinz“ genannt, trug uns ohne Murren über die abenteuerliche Piste.

So ganz ernst und wissenschaftlich sollte man unseren Ausflug in die Welt der germanischen Götter aber nicht sehen.



Die EDDA als Wegweiser durch die germanische Götterwelt Islands

'Bók þessi heitur Edda, hana hefir saman setta Snorri Sturluson'. So beginnt das literarischen Meisterwerk, das auch in mehreren deutschen Übersetzungen vorliegt.
Die Edda nimmt innerhalb der europäischen Literatur des Hochmittelalters eine besondere Stellung ein, weil sie eine umfassende Darstellung der mythologischen Überlieferung und religiösen Weltanschauung des ausgehenden 10. Jahrhunderts vereint.



Brennisteinsalda in Landmannalaugar im isländis...



List und Tücke der alten Götter

Schaut man sich die Texte der Edda einmal genauer an, so ist man von den Sagen sofort gefesselt. Da kämpfen mit List und Tücke die alten Götter gegeneinander, da erzählen Verse von Dämonen, Riesen und Zwergen. Dicht nebeneinander die Komödien und Tragödien vom Weltanfang und Weltuntergang. Aus der Edda kennen wir Göttervater Odin, der auf seinem achtbeinigen Schimmel „Sleipnir“ reitet. Auf seiner Schulter sitzen die beiden Raben Hugin und Munin, die ihm tagtäglich alle Neuigkeiten der Welt zutragen. Bekannt ist natürlich auch der Gewittergott Thor, der donnergrollend am Himmel entlang fährt und blitzezuckend seinen Hammer Mjölnir zur Erde schleudert.



See im isländischen Hochland

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Sagenhafte Orte in Bilderrätseln versteckt

Skogafoss an der isländischen...

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Aber die Edda ist bis heute auch ein literarisches Werk, das von verschlüsselten Geheimnissen nur so wimmelt. Meisterhaft haben es die alten Dichter verstanden, sagenhafte Orte in Bilderrätseln, Symbolen und geheimnisvollen Namen zu verstecken. Um die in der Edda beschriebenen Schauplätze in der isländischen Landschaft zu suchen und zu dokumentieren, hatten wir uns insgesamt sieben Wochen Zeit genommen. Natürlich mussten wir auf unserer Reise immer wieder das unwegsame und unbewohnte Hochland verlassen, um Diesel zu Tanken, Lebensmittel einzukaufen oder einfach einmal wieder unter Menschen zu kommen.



Bereits zu Hause hatten wir uns auf die Spurensuche im Hochland vorbereitet. GPS, Kompass und gutes Kartenmaterial waren selbstverständlich. Auch die gängigen Edda-Texte wurden durchforstet, Merkzettel mit Notitzen vollgeschrieben. Ausrüstung für den Geländewagen, wie HiJack-Wagenheber, 100 Liter Diesel extra, zwei Ersatzreifen und die wichtigsten Ersatzteile waren an Bord. Da wir ja in Europas größter Wüste unterwegs sein wollten, mussten auch entsprechende Wasservorräte mit. Lebensmittel für mehrere Tage und auch ein gutes, sturmerprobtes Zelt gehörten zu unserer Ausrüstung.



Zeltplatz im isländischen Hochland

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Das Abenteuer beginnt

Bis zur Farm Svartakórt war die Strecke noch einfach zu befahren. Danach endete die Straße abrupt. Und auch das Wetter kippte. Dichte Nebelschwaden, später auch Nieselregen umwallte uns. Absolut kein Fotowetter. Also warten.
Ein kleiner See lud zur Rast ein. Schnell das Zelt aufgebaut und dann gemütlich im Schlafsack noch einmal die Geländekarten studieren. Am nächsten Morgen war keine Wetterbesserung in Sicht. Undurchdringlich der Nebel. Nur einige Goldregenpfeifer ließen ihre charakteristischen Rufe am See ertönen. Was tun? Weiterwarten und ein bisschen Angeln. Am späten Abend klart es dann auf. Dunkel wird es hier im Norden Islands im Juli sowieso nicht. Die Sterne funkeln plötzlich über uns. Am nächsten Morgen dann Rauhreif auf unserem Zelt, aber dafür auch blauer Himmel und Sonnenschein. Jetzt kann das Abenteuer endlich beginnen.



Wetterwechsel im isländischen Hochland

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Uralte Steinmännchen als Wegweiser

Steinmännchen

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Südostwärts führten die Steinmännchen als Wegweiser. Dicht bewachsen ist hier die Lava mit Zipfelzackenmoos. Ganz in der Ferne taucht die Silhouette der Herdubreid auf. Majestätisch thront Islands Berg der Berge wie eine überdimensionale Geburtstagstorte in der Landschaft. Der Nachtfrost hat sie wie mit Puderzucker bestäubt. Obskur verdrehte Lavaströme, die stark an geflochtene Zöpfe oder Wellen erinnern, beherrschen das Bild und auch unser Auto. Wir schaukeln wie im Sturm über die Lavakanten.



Zipfelzackenmoos



In der Missetäterwüste

Wanderhütte in der Lava

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Útbruni heißt dieses Gebiet im Ódádahraun, der Missetäterwüste. Nach wüster Fahrt über Platten- und Strukturlava kommt die Wanderhütte Bótni in Sicht. Kaffeepause und den Blick über die völlig ungewohnte Lavalandschaft genießen. Bevor wir weiterfahren, hisst Horst noch die isländische Flagge am Fahnenmast vor der Hütte. Ab jetzt wird die Strecke richtig übel. Ich gehe mittlerweile voraus, räume die Steinbrocken aus dem Weg und suche die bestmögliche Piste für unser Auto. Sieben Stunden benötigen wir für die kommenden 30 Kilometer. Die atemberaubende Landschaft entschädigt für die Plackerei.

Abends dann im Zelt noch eine Überraschung: Plötzlich zittern Gestänge und Isomatte. Töpfe klappern in der Apsis. Uns hat eines der vielen Erdbeben in dieser Gegend erwischt. Es ist schon ein bisschen beängstigend hier zu liegen und einfach nur abzuwarten. Die Natur hat hier das Sagen.



Haben hier die germanischen Götter Würfel gespi...

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Endlich mündet unser Trek in eine flache Wüstenebene. Wir halten uns südlich und bereits nach kurzer Zeit taucht das sagenumwobene Dyngjufjalladalur vor uns auf. Fast bekommt man den Eindruck, in einen Canyon einzutauchen. Bläulich-violett leuchtet das Gestein in der Abendsonne. In einer felsgeschützten Ecke bauen wir das Nachtlager auf. Das ist jetzt der dritte Tag, an dem wir keinem einzigen Menschen begegnet sind.

Aber die Trolle und Elfen müssen wohl in der Nähe sein. Mehrfach höre ich in der Nacht einen Reißverschluss zippen. Am nächsten Morgen steht unser Zelteingang sperrangelweit offen......



In Europas größter Wüste: die isländische Ódada...

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Europas größte Wüste

Die Lavafelder verlieren nach und nach jegliche Vegetation – wir sind in Europas größter Wüste angekommen. Es regnet hier zwar häufig und ausdauernd, die Lava kann jedoch kein Wasser speichern. Pflanzen haben keine Chance. Das Handy hat auch keinen Empfang mehr. So muss es auf dem Mond sein. Und mindestens so einsam ist es hier auch.


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Kommentare

  • Michael.Thaler

    Eine tolle Idee, mit einem solchen "Reiseführer" Island zu erkunden - und aus meiner Sicht beneidenswert, so viel Zeit "am Stück" dafür zur Verfügung zu haben. Es macht Lust darauf, Island zu entdecken, zumal wir ja auch Fans von Norwegen und Schweden sind... Und ein sehr interessant zu leseneder Bericht mit dramatisch schönen Bildern und viel Detailkenntnis. Mich haben die genauen Bezeichnungen von Vögeln und Flechten fast noch mehr verblüfft als die Sagenkenntnis.

  • Berndthesi

    In meinem Bücherschrank steht das Buch ebenfalls. Es zu lesen ist schon abenteuerlich. Mein Traum: Eines Tages die Zeit nehmen und ebenfalls mit dem Buch als Reiseführer das Land zu erkunden. Ein toller Bericht der wirklich Lust macht.

  • Eviwild

    Sehr schöner Bericht und schöne Bilder !

  • ulandra

    Schön, daß es noch Menschen wie Euch gibt, die nicht wie Schafe mit ihrem "Reiseführer mit Insider-Tips" oder wie sich die einschlägigen Touristenbilderbücher nennen, die Sehenswürdigkeiten abklappern, sondern mit fundierten Kenntnissen über Natur und Kultur die schönsten und interessantesten Stellen suchen, auch wenn der Weg dahin steinig ist. Toller Bericht und sehr schöne Fotos, bring´ uns mehr davon mit, wenn Du wieder hinfährst, sie machen süchtig!

  • epmal54

    Lesenswerter Bericht, imponierende Bilder, gelungene Verknüpfungen zur nordischen Mythologie - fast schon eine kurze Einführung in diese Thematik. Da wir 2005 Island bereist und bewundert haben, kamen mir hier doch viele Erinnerungen dieses spannenden Aufenthaltes. Eure Fahrt zur Askja ist jedoch schon nichts mehr für "Normaltouristen". Deshalb Respekt vor Eurer Leistung.

  • AndyH

    Ein wunderbar geschriebener Bericht, ateberaubende Bilder und eine wirklich außergewöhnliche Reise! Ich habe neulich einen Diavortrag über Island gesehen und bin fasziniert von den Kontrasten und der Landschaft! Dein Bericht ist noch das "Tüpfchen auf dem I" meiner Faszination!

    Viele Grüße,
    Andy

  • poseydon

    Ein schöner Bericht, eine tolle Reiseidee und schöne Bilder!

  • nach oben nach oben scrollen
  • windweit

    Was für eine Landschaft! Klasse Bilder und ein guter Bericht.
    Grüsse, Gabi

  • lautine

    Hallo Beate,
    sieben Wochen auf Island, das nenne ich Glück. Ihr habt in dieser Zeit gerade die schwierigen Teile auf eure eigene Art erforscht. Danke für die vielen geologischen Hinweise und die schönen Fotos.
    Nachdem wir Island im Juli 2008 auch zwei Wochen lang entdecken durften, schätzen
    wir euren Bericht noch mehr.
    LG von den Lauties

  • RdF54

    Einfach ein klasse Bericht über einen, nicht allzu bekannten Teil von Island!
    Toll - anders - faszinierend!
    Mit super Fotos unterlegt, die einen in die Mythologie der Zwege, Riesen und Götter führt!

    LG Robert

  • Kongo

    Vielen Dank für diese kleine Entführung in die nordische Sagenwelt und Geologie dieser faszinierenden Insel. Sehr bildhaft und kurzweilig geschrieben. Und übrigens eine tolle Idee mit dem schönen Abschlussfoto.

    Gruß von Kongo

  • Raudi

    Einfach Klasse Dein Reisebericht ! Ich beneide Dich um diese Erlebnisse . Wunderschön wie Du uns auf deine Reise mitgenommen hast ! LG Hans

  • Blula

    Liebe Beate!
    Es hat sich für mich wieder mal mehr als gelohnt, mit Dir auf eine Reise zu gehen. Dieser Island- Bericht ist was ganz Besonderes. Deine Idee auch noch, mit der EDDA als Wegweiser durch die germanische Götterwelt zu streifen... Toll. Das hat mir ganz große Freude gemacht zu lesen. Nicht zu vergessen... Deine Fotografien sind wunderschön!!!
    LG Ursula

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  • Vinni

    Wunderbarer Bericht! Das macht wirklich Lust auf Island - gut, daß Flug und Mietwagen für den Sommer schon gebucht sind. :) Ihr Glücklichen, die ihr die Zeit für so intensive Abenteuer hattet! Danke, daß du uns teilhaben läßt!

    Liebe Grüße
    Vinni

  • cirrus

    Mit sehr viel Genuss und Freude habe ich auf der Reise viel gelernt und miterlebt.
    Es war wunderschön und ich habe die Zwerge genau gesehen....
    Vielen Dank LG Christel

  • RELDATS

    Einfach Klasse, Bericht und Fotos.
    Nette Grüße von Josef

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