Erdgasförderung Fracking: Das sollten Sie wissen

Die Regierung hat einen Gesetzentwurf für Fracking vorgelegt. Doch vor der Abstimmung im Parlament gibt es Streit zwischen Fracking-Befürwortern und - Gegnern. Wir beantworten die wichtigsten Fragen: Was ist Fracking eigentlich? Wie riskant ist es? Und ist Schiefergas gut fürs Klima?

1. Was ist Fracking eigentlich?

Fracking ist keine Bohrtechnik, sondern ein Verfahren, mit dem sich Erdgas aus undurchlässigem Gestein lösen lässt. Dieses Gas nennt man auch "unkonventionelles Erdgas". Bei dem Gestein handelt es sich oft um Tongesteine, darum spricht man umgangssprachlich auch von Schiefergas.

Vor dem Fracken wird zunächst bis zu fünf Kilometer in die Tiefe gebohrt, dann horizontal in die gasführende Gesteinsschicht. Anschließend wird in die horizontale Bohrung mit einem enormen Druck von bis zu 1000 bar ein Gemisch aus Wasser, Quarzsand oder Keramikkügelchen und diversen Chemikalien gepresst. Der Flüssigkeitsdruck sorgt dafür, dass das Gestein aufgesprengt und damit gasdurchlässig wird. Festkörper und Chemikalien halten die entstandenen Risse offen.

Das Verfahren wurde erstmals 1949 in den USA eingesetzt - um konventionelle Öl- und Gasvorkommen besser ausbeuten zu können. Seit etwa 2005 wird es im großen Stil genutzt, um Schiefergas zu fördern. Seither erlebt Nordamerika einen regelrechten Gas-Boom.

Auch in Deutschland wird schon lange gefrackt, wenn auch nicht in Schiefergas. Hierzulande wurden seit 1961 rund 300 Fracking-Maßnahmen durchgeführt, vor allem in tiefen und dichten Erdgasvorkommen (sogenanntes "Tight Gas"). Einen ersten Fracking-Test in Tongestein führte die Firma ExxonMobil 2008 in der Nähe der niedersächsischen Ortschaft Damme durch. Gefördert wurde hier bis heute: nichts.

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In Nordamerika wird schon an hunderttausenden Bohrlöchern Schiefergas gefrackt. Experten warnen, dass die Risiken zu wenig erforscht sind

2. Welche Chemikalien werden eingesetzt?

Die Chemie dient beim Fracken vor allem dazu, das Gemisch aus Wasser und Quarzsand homogen zu halten und Keime abzutöten. Über Anzahl und Art der eingesetzten Substanzen gibt es widersprüchliche Angaben.

Die Anzahl schwankt, je nach Quelle, zwischen einigen Dutzend und einigen hundert. In einem Bericht an den US-Kongress wurden die Namen von rund 750 Chemikalien genannt. Einige von ihnen sollen giftig oder sogar krebserregend sein. Wie viele und welche genau es sind, das bleibt vorläufig ein Geheimnis der Gasunternehmen. Denn der Chemiecocktail, den sie in die Gesteinsschichten pressen, unterliegt keiner Veröffentlichungspflicht - auch nicht in Deutschland. So waren selbst die Gutachter des Umweltbundesamtes bei der Beurteilung der Giftigkeit der eingesetzten Stoffe auf freiwillige Auskünfte von Herstellern angewiesen.

ExxonMobil gibt nach eigenen Angaben als einziges deutsches Gas-Unternehmen freiwillig Auskunft über die verwendeten Substanzen. Demnach besteht die Frack-Flüssigkeit, je nach geologischer Beschaffenheit des Untergrundes, zu rund 95 bis über 99,8 Prozent aus Wasser und Stützmitteln, also Sand oder Keramikkügelchen. Hinzu kommen bis zu 30 Chemikalien. Die Frack-Flüssigkeit als solche sei weder giftig noch umweltgefährdend, schreibt das Unternehmen. Sie sei nach Chemikalienrecht nicht kennzeichnungspflichtig und kein Gefahrgut.

Giftig oder nicht giftig?

In einem Gutachten des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2012 liest sich das so: "In der Bohrung Damme 3 wurden z. B. bei drei Fracks rund 12.000 Kubikmeter Wasser, 588 Tonnen Stützmittel und 20 Tonnen Additive (davon 460 Kilogramm Biozide) verpresst. Die Auswertung der verfügbaren 80 Sicherheitsdatenblätter ergab, dass 6 Zubereitungen als giftig, 6 als umweltgefährlich, 25 als gesundheitsschädlich, 14 als reizend, 12 als ätzend eingestuft sind."

Auf seiner Internetseite schreibt ExxonMobil, man arbeite daran, in Zukunft auch die (in ihrer Reinform) giftigen Frack-Chemikalien zu ersetzen. Nach Ansicht des Umweltbundesamtes würden aber auch ungiftige Frack-Chemikalien das Fracken für das Grundwasser nicht weniger riskant machen. Siehe dazu "Risiken".

3. Welche Risiken sind mit dem Fracken verbunden?

Je nach Interessenlage scheinen die Risiken des Frackens beherrschbar (Gasunternehmen) bis unabsehbar (Umweltschützer) zu sein. Belastbare Daten sind zuerst aus den USA zu erwarten, wo seit einigen Jahren intensiv gefrackt wird.

Der Argwohn der Kritiker richtet sich vor allem gegen den giftigen Frack-Cocktail. Ein Teil davon wird zwar an der Bohrstelle als sogenannter Flowback zurückgewonnen. Doch der Rest bleibt für immer in der Tiefe. Ob und wie viel Schaden er hier anrichten kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Fracking-Befürworter glauben, dass die Frack-Flüssigkeit unter einem Deckel dicker und undurchdringlicher Gesteinsschichten verschlossen bleibt.

Umweltschützer befürchten dagegen, dass die Flüssigkeit über kurz oder lang durch Risse unkontrolliert in darüberliegende Grundwasserschichten eindringen könnte. "Es kann sein, dass die Chemikalien erst in einigen Monate oder Jahren ins Grundwasser dringen, wenn die Erdgasunternehmen schon längst weitergezogen sind", sagt Sebastian Schönauer vom Arbeitskreis Wasser des BUND. Im UBA-Gutachten liest sich das so: "Nach aktuellem Erkenntnisstand kann die Möglichkeit großräumiger, dauerhafter und irreversibler nachteiliger Auswirkungen solcher Vorhaben auf die Trinkwasserversorgung und den Naturhaushalt nicht von der Hand gewiesen werden."

"Unkontrolliertes Gesundheitsexperiment"

Gefahr geht aber auch vom Flowback aus, denn er könnte durch eine undichte Bohrloch-Ummantelung direkt in wasserführende Schichten gelangen - oder direkt in die Landschaft. Im April 2011 kam es in Bradford County, Pennsylvania, zu einem Blowout, einem unkontrollierten Austritt von Flowback und Erdgas aus einem Bohrloch. Zwölf Stunden lang ergoss sich das giftige Gemisch auf die umliegenden Landwirtschaftsflächen. Aber selbst bei voller Kontrolle ist der Flowback problematisch. Denn wohin damit?

Mit der notwendigen Aufbereitung dürften selbst Klärwerke überfordert sein. Das gängige, weil kostengünstigste Verfahren ist die sogenannte Disposal-Bohrung: Man lässt den Cocktail einfach in einer ausgedienten Bohrung verschwinden. Das UBA bemerkt dazu: "Aus Sicht der Gutachter sind mit der Entsorgung des Flowback durch Verpressung in den Untergrund Risiken verbunden, die nur im Rahmen von standortspezifischen Risikoanalysen fundiert analysiert und bewertet werden können."

Einigkeit gibt es bei den Kritikern vor allem darüber, dass zu wenige Erkenntnisse über mögliche Umwelt- und Gesundheitsgefahren des Frackens vorliegen. Zwei amerikanische Forscher, eine Tierärztin und ein Professor für Molekularmedizin, monierten 2012 in einem Bericht ebenfalls die unzureichende Datenlage und kamen zu dem Ergebnis: "Ohne gründliche Forschung wird der weltweite Gasboom ein gigantisches, unkontrolliertes Gesundheitsexperiment bleiben."

4. Darf in Deutschland Schiefergas gefördert werden?

Die Schiefergasgewinnung mithilfe von Fracking ist in Deutschland nicht verboten. Ein Verbotsantrag von SPD, Grünen und Linken scheiterte im Dezember 2012 im Bundestag. Trotzdem wird zurzeit in Deutschland kein Schiefergas gewonnen - nicht zuletzt wegen des Widerstands der ortsansässigen Bevölkerung. Doch das könnte sich bald ändern.

Im Februar 2013 einigten sich Umweltminister Peter Altmaier und Wirtschaftsminister Philipp Rösler auf einen Gesetzentwurf zur Schiefergas-Gewinnung. Danach wäre die Technik grundsätzlich erlaubt - wenn auch nur unter bestimmten Auflagen. So sollen solche Fracking-Aktivitäten einer obligatorischen Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) unterzogen werden und in Wasserschutzgebieten generell untersagt sein. Eine "Beruhigungspille" nennt Dirk Jansen vom BUND Nordrhein-Westfalen diesen Vorschlag. "Mir ist kein einziges Großprojekt bekannt, das nach dem Bundesberggesetz genehmigt wurde und an einer UVP gescheitert wäre. Mit UVPs werden in Nordrhein-Westfalen ganze Landschaften umgegraben, siehe Braunkohletagebau", sagt der Umweltschützer.

Zahnlose Umwelt-Auflagen

Ähnlich sieht es der Grünen-Politiker Oliver Krischer. Dass in Trinkwasserschutzgebieten die Verwendung von giftigen Substanzen, wie sie beim Fracken eingesetzt werden, verboten werden solle, sei so sinnvoll, wie das Skifahren in der Sahara zu verbieten, meint der Sprecher für Energiewirtschaft der grünen Bundestagsfraktion.

Dirk Jansen rechnet noch in dieser Legislaturperiode mit einer bundeseinheitlichen Gesetzgebung. Und fürchtet um den nordrhein-westfälischen Sonderweg: In dem Bundesland gilt zurzeit ein Moratorium für Fracking-Vorhaben. "Wenn wir erst eine bundeseinheitliche Gesetzgebung haben, wird der Spielraum für einen Sonderweg der Bundesländer immer kleiner", sagt Jansen.

Aktuell liegt ein Paket von Gesetzesänderungen von Umweltministerin Barbara Hendricks vor, über das das Parlament wohl erst nach der Sommerpause abstimmen wird. Danach sollen Probebohrungen unter Auflagen erlaubt sein. Der BUND befürchtet, dass solche Forschungsvorhaben praktisch nahtlos in eine Förderung im industriellen Maßstab übergehen könnten.

In der Europäischen Union gibt es keine einheitliche Haltung zum Thema Fracking. Das EU-Parlament lehnte im November 2012 einen fraktionsübergreifenden Antrag für ein Moratorium ab. Jetzt liegt die Verantwortung bei den Mitgliedsländern. In Frankreich etwa ist das Fracken seit 2011 verboten. Aber auch hier wächst der Druck der Industrie auf die Regierung.

5. Wie viel Schiefergas gibt es wirklich?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. In den USA wird seit einigen Jahren im großen Stil gefrackt: in 30 Bundesstaaten, an rund 500.000 Bohrlöchern. In der Folge ist die Gas-Produktion seit 2006 um fast ein Viertel gestiegen - und der Preis für Erdgas um ein Drittel gesunken. Die USA sind im Gas-Fieber. Das unkonventionelle Gas könnte die ganze amerikanische Wirtschaft umkrempeln, glauben Wirtschaftsexperten.

Doch die Party könnte schon bald vorüber sein. 2011 meldete die staatliche U.S. Geological Survey: Die riesige gasführende Marcellus-Formation, die mehrere Bundesstaaten quert, könnte vielleicht nur ein Zehntel der Gasmenge liefern, die einmal als förderbar galt. Die Energieagentur EIA hatte schon im Januar 2012 die Zahlen nach unten korrigiert. Insgesamt könnte 42 Prozent weniger Gas förderbar sein als gedacht. Die Korrekturen basieren auf Daten aus den zahllosen laufenden Bohrungen.

In Deutschland schätzen Experten des Bundesamtes für Geowissenschaften und Rohstoffe das Vorkommen auf 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter. Das klingt viel, wenn man es den 0,15 Billionen Kubikmeter konventionellen Erdgasressourcen gegenüberstellt. Ist aber Theorie. Denn noch wird in Deutschland ja gar kein Schiefergas gefördert. Realistischere Schätzungen wird es erst geben, wenn auch hierzulande im großen Stil unkonventionelles Erdgas gefrackt wird.

6. Ist Schiefergas gut fürs Klima?

Fracking-Befürworter argumentieren, Gas sei klimafreundlicher als Kohle. Deshalb spiele der Energieträger beim Übergang ins Zeitalter der erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle. Damit meinen sie konventionelles ebenso wie unkonventionelles Erdgas. Der Vorstandsvorsitzende von ExxonMobil, Gernot Kalkoffen, glaubt sogar, dass die Energiewende ohne unkonventionelles Erdgas gar nicht zu meistern sei.

Klar ist: Gas setzt beim Verbrennen pro Energieeinheit weniger CO2 frei als Kohle. Aber ist es darum "klimafreundlich"? Nein, sagen amerikanische Forscher. In ihrer Studie aus dem Jahr 2011 kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass der CO2-Fußabdruck von Schiefergas sogar wesentlich schlechter ist als der von Kohle: mehr als doppelt so groß in einem Betrachtungszeitraum von 20 Jahren. Ähnlich schätzen britische Forscher in einer Studie aus demselben Jahr die Lage ein: Die Wissenschaftler resümieren, dass Schiefergas-Förderung und -Nutzung im großen Stil den Klimawandel beschleunigen könnte.

Verheerende Klimabilanz

Der Grund ist nicht nur das CO2, das bei der Verbrennung von Erdgas entsteht. Erdgas besteht zu einem großen Teil aus Methan, einem Gas, das sogar um den Faktor 20 klimaschädlicher ist als Kohlendioxid. Und schon während der Arbeiten am Bohrloch und bei der Förderung von Schiefergas entweichen beträchtliche Mengen Methan ungehindert in die Atmosphäre - bis zu acht Prozent der Gesamtmenge.

Hinzu kommt: Auch wenn die Fracking-Bohrlöcher längst aufgegeben sind, kann noch Methan austreten. Im US-amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania haben Privatpersonen es sich zur Aufgabe gemacht, verwaiste, nicht dokumentierte Bohrlöcher aufzuspüren. 150.000 sollen es sein. Aus einigen von ihnen entweicht immer noch Methan.

Die Förderung von Schiefergas hätte in Europa noch weiter reichende Folgen für das Klima, schreiben die britischen Autoren: Das billige Erdgas würde die Energiewende ausbremsen. Denn für Unternehmen würden Investitionen in erneuerbare Energien und emissionsarme Innovationen unrentabel. Sämtliche Investitionen in die Schiefergas-Förderung dagegen seien - nehme man internationale CO2-Reduktionsverpflichtungen ernst - "verlorenes Geld".

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