Adé, E.ON und RWE?

Haben große Stromanbieter bald ausgedient? Zwei Wohnmodelle aus Norddeutschland zeigen den Weg in eine energieautarke Zukunft

Die Aussicht, von der Preispolitik der großen Strom- und Gasanbieter unabhängig zu sein, dürfte vielen Verbrauchern gefallen. Aber ist diese Vision realistisch? Häuser werden immer energiesparsamer und nun auch zu Produzenten von Strom und Wärme. Möglich wird das Ganze durch die Nutzung von hauseigenen Sonnen- und Windenergieanlagen. Knackpunkt der Entwicklung ist jedoch das Speichern von überschüssiger Energie für Zeiten, in denen weniger Strom generiert als verbraucht wird. In diesem Fall muss weiterhin Strom aus öffentlichen Netzen bezogen werden.

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Ein wissenschaftliches Projekt der 90er-Jahre: Im energieautarken Solarhaus Freiburg lebte eine Familie über vier Jahre zu Testzwecken

Doch nun entstehen Konzepte in Deutschland, die das Problem der Energiespeicherung berücksichtigen und energieautarkes Wohnen möglich machen sollen - und bezahlbar. Denn ganz neu ist die Idee keinesfalls.

Schon 1992 hat ein Wohnhaus-Projekt vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg gezeigt, dass die eigenständige Energieversorgung möglich ist. Allerdings betrugen die Kosten für das erste energieautarke Haus damals stattliche 1.700.000 Euro.

Fast zwanzig Jahre später sind die Kosten erheblich gesunken. 363.000 Euro kostet heute ein energieautarkes Musterhaus im niedersächsischen Lehrte. Für Wärme und Strom im 162 Quadratmeter großen Haus sorgen Solarkollektoren und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Die Wärme wird von einem 9,3 Kubikmeter großen Langzeit-Warmwasserspeicher aufgenommen. 65 Prozent des jährlichen Wärmebedarfs sollen so mit Sonnenenergie gedeckt werden. Den restlichen Wärmebedarf liefert ein hoch effizienter Holzofen, der 90 Prozent seiner Heizenergie an den Pufferspeicher abgibt.

Einen anderen Ansatz verfolgt ein Hamburger Unternehmer. In Norderstedt bei Hamburg entsteht zurzeit eine energieautarke Wohnsiedlung mit 50 Einfamilien- und Doppelhäusern. Initiator des Projektes ist Sirri Karabag, der in seinem Unternehmen Fiat-Serienfahrzeuge umrüstet. Sein Bauvorhaben unterscheidet sich nicht nur in der Größenordnung von dem in Lehrte. Es verbindet zwei Elemente, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Haus und Auto.

Die Häuser werden mit Sonnenkollektoren und Photovoltaikanlage auf dem Dach Energie produzieren, vor allem Strom. Überschüssige Energie, werde, so Karabag, im Haus gespeichert - damit in sonnenarmen Perioden oder auch in der Nacht nicht externe Energie zugeführt werden muss. Bislang war vor allem die Speicherung ein Problem, mit dem sich die Forschung beschäftigt hat. In Lehrte wird das Mehr an Energie, laut Konzept, in einer herkömmlichen Bleibatterie am Haus gespeichert. In Norderstedt auch, aber nur ein geringer Teil: Hauptenergiespeicher, und das ist das Novum, soll die Lithium-Polymer-Batterie eines Elektrofahrzeugs sein.

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Die energieautarke Elektrohausauto-Siedlung in Norderstedt: Bis April 2012 werden hier 50 Einfamilien und Doppelhäuser errichtet

Die Batterie des zum Haus gehörenden Elektroautos fasse elf Kilowattstunden, erläutert Karabag. Dies sei genug, um Kühlschrank und andere Elektrogeräte die Nacht über zu versorgen. Morgens wäre die Autobatterie dann aber immer noch bei 85 Prozent ihrer Ladekapazität. Damit könne man den Tag über kürzere Strecken fahren: etwa zum Einkaufen oder um Kinder in die Schule zu bringen. Längere Fahrten hingegen wären dann nicht mehr möglich. Denn das Haus benötigt die Energie des Elektrofahrzeugs. Bedeutet das, dass Familien, die ein Auto mehr nutzen wollen oder müssen, einen Zweitwagen brauchen? Ökologisch wäre das Konzept so sehr fragwürdig: Auf der einen Seite "saubere" Energiegewinnung, auf der anderen zwei Autos pro Haushalt. Unter Umständen, so Karabag, komme man auch mit einem Auto aus, wenn man das öffentliche Verkehrsnetz konsequent nutzte. Sicherlich die unbequemere, aber auch umweltfreundlichere Alternative.

29.000 Euro kostet der Wagen, der zum Haus mitgekauft werden muss - ein Karabag 500e. Nach vier oder fünf Jahren könne sich der Hauskäufer dann ein Elektrofahrzeug seiner Wahl hinstellen, sagt Karabag.

Da der Hamburger Unternehmer mit der Selbstversorgung aber auf "Nummer sicher" gehen will, wird die Wohnanlage zusätzlich an ein Biogas-Blockheizkraftwerk angeschlossen. Das wird nur für diese Siedlung errichtet und "funktioniert auf ökologischer Basis", betont der Unternehmer. Landwirte aus dem Umkreis sollen das Kraftwerk mit Bioabfall versorgen. Die Wärmeenergie sei dadurch CO2-neutral, sagt Karabag.

Entscheidend ist, betont der Bauherr, "dass die Wohnsiedlung und damit jedes einzelne Haus nicht auf Energiezulieferung angewiesen ist. Das stinkt den großen Energieunternehmen natürlich sehr". Es gebe im Gegensatz zu den Passiv- und Niedrigenergiehäusern nicht mehr die Notwendigkeit, Energie ins Netz einzuspeisen und im Gegenzug abends wieder Strom zu einem hohen Preis aus dem Netz zu entnehmen.

20 Prozent mehr müssen Käufer für eines von Karabags energieautarken Häusern im Vergleich zu einem konventionellen bezahlen. Das Haus inklusive Auto werde, je nach Größe, zwischen 230.000 und 300.000 Euro kosten. Doch mittel- und langfristig, verspricht Karabag, amortisiere sich das Ganze durch die Strom- und Wärmeeinsparungen.

David Wedepohl vom Bundesverband Solarwirtschaft sieht gespannt auf das Norderstedter Projekt: "Das Auto bietet sich auf jeden Fall als Speicher an", sagt er. Die Forschung beschäftige sich weiter intensiv mit Speichertechnologie.

Bleibt nun abzuwarten, ob sich Karabags Haus-Auto-Modell auch in der Praxis bewährt. Bis zur Fertigstellung bleiben Fragen offen: Ist sein Konzept wirklich energieautark? Wie viel Strom muss durch das angeschlossene Blockheizkraftwerk geliefert werden? Sollten die Bewohner neben dem Elektroauto auch noch Kraftstoff betriebene PKW nutzen, wäre wieder Unabhängigkeit von Energiekonzernen verloren. Und auch ökologische Vorteile.