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Städtereise: Drei Tage Lissabon
Die alte Seefahrerstadt am Tejo hat längst Brücken zur Moderne geschlagen. Und da sie ihren Weltschmerz in der Musik bannt, im Fado, bleibt reichlich Platz für Lebenslust. Wir haben an einem Wochenende in Portugals Hauptstadt mit wenig Geld verborgene Schätze ihrer Vergangenheit entdeckt, Shoppinglisten abgebummelt und uns am Atlantik von Wellen überrollen lassen
Tag 1: Lissabon von einst
Erster Tag. Pflastermüde wird niemand in der Stadt der sieben Hügel. Dafür sind die Ornamente ihrer steilen Gassen viel zu kunstvoll und treppauf, treppab halten Kirchen, Paläste und bunt geflieste Fassaden die Geschichte von Jahrhunderten wach. Der Fado vertont dazu die Sehnsucht.
STUFENMODELL
Wir schreiten über Wellen und
Windrosen, Schiffe und Sterne, folgen mal
geraden, mal verschlungenen Linien-
faustgroße dunkle Basaltklötzchen zeichnen
Ornamente in das helle Lissaboner
Straßenpflaster. Die Calçada Portuguesa
ist eine Form der Straßenmalerei, ein
Kunstwerk, das man mit Füßen tritt. Es
adelt die Schritte der Gehenden. Schon
vor mehr als 500 Jahren wurden die ersten
Straßen der Stadt so kunstvoll gepflastert,
die schönsten Werke der Calceteiros
entstanden im 19. Jahrhundert.
Die Straßentattoos sind auch eine Huldigung
an die Kunst des Flanierens, und
so klettert man die unzähligen Treppen
andächtig mit gesenktem Haupt auf und
ab. Lissabon erstreckt sich über sieben
Hügel, es ist eine Stadt der Stufen.
Um eine Pause zu machen auf den Wegen
zwischen Unter- und Oberstadt, stärken
wir uns in einer Pastelaria auf einem Treppenabsatz.
Wir nippen an einer bica,
dem für Portugal typischen Espresso,
einer Pfütze würzigen Kaffees, die man
aus winzigen, dickwandigen, immer
sehr heißen Tassen trinkt, und begreifen,
dass Lissabons Treppen in Wahrheit
seine Gassen sind.
IN DIE GESCHICHTE BLICKEN
Wer ständig aufsteigt, möchte irgendwann oben stehen. Und während sich Touristen aus aller Welt in den eisernen ELEVADOR DE SANTA JUSTA
quetschen (Rua de Santa Justa/Ecke Rua de Oura), folgen wir den Stufen durch das Kloster MOSTEIRO DE SÃO VICENTE DE FORA (Largo de São Vicente). Die Kirche ist ein Symbol für die Zähigkeit Lissabons, hier wurden im 12. Jahrhundert die maurischen Besatzer besiegt, das Kloster überstand sogar das große Erdbeben von 1755. Wir passieren die Sarkophage portugiesischer Könige, ein Marmorengel trauert davor, und erreichen die Dachterrasse. Einen wundervollen Blick haben wir von hier oben: auf den Tejo und die weiße Kuppel des Seefahrermonuments PANTEÃO NACIONAL und auf die FEIRA DA LADRA. Sie gilt als einer der ältesten Flohmärkte Europas und war einst Umschlagplatz für Diebesgut (beides am Campo de Santa Clara). Vom Dach zeigt sich eine weitere Eigenheit dieser Stadt: Sie hat kein Zentrum, keine spektakulären Hochhäuser, keine weiten Plätze. Zu unseren Füßen knäueln sich die Gassen der ALFAMA, und wir machen uns auf den Weg in die historische Altstadt, vorbei an einem Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert, in dessen Innenhof es eine SNACK-BAR mit den typischen Tapas gibt, etwa panierten Geflügelwurstbällchen ("Alfândega no Museu", Largo das Portas do Sol 2, Tel. 21-881 46 45). Ein kleines Museum zeigt hier portugiesisches Design und Kunsthandwerk.
SICH TREIBEN LASSEN
Die Alfama ist der Stadtteil, in dem Lissabon dem eigenen Klischee zu entsprechen scheint, die Tram quietscht durch enge Gassen, schmale Häuser lehnen sich aneinander, von aufwändig geschnitzten Holztüren blättert der Lack, die gefliesten Fassaden stehen seltsam schräg in den steilen Straßen, wie sinkende Boote. Während der maurischen Herrschaft war die Alfama das Zentrum der Stadt. Doch ab dem 17. Jahrhundert zogen die wohlhabenden Portugiesen einfach fort, nach Westen, in Stadtteile wie die elegante BAIXA oder in das weit entfernte, in anmutiges Grün aus Rhododendren und Palmen eingebettete BELÉM. Die Alfama entwickelte sich zum Wohnort der Armen, der Stadtteil verfiel, wurde zum Ruinenfeld, in dem es abends dunkel blieb und düster wurde. Ihre Wiederauferstehung begann nach dem Ende der Salazar-Diktatur in den frühen Achtzigerjahren. Häuser wurden saniert, Plätze wiederhergestellt. Inzwischen gibt es hier zahlreiche Kneipen und Restaurants. Und wer mit der Tram der Linie 28 durch die Alfama schaukelt, möchte ständig aussteigen und entdecken. Wir lassen uns durch die Gassen treiben, essen im RESTAURANTE SANTO ANTÕNIO DE ALFAMA (Beco de São Miguel 7, Tel. 21-888 13 28, www.siteantonio.com) mit anfänglicher Skepsis und zunehmender Begeisterung eine Portion blauen Haifisch. Das zweigeschossige, mit gerahmten Fotos von Schauspielern geschmückte Restaurant liegt so abgeschieden am Ende einer Treppe, dass kaum ein Fremder es findet. Später begrüßen wir den Abend in der Bar BELA VINHOS E PETISCOS (Rua dos Remédios 190, Tel. mobil 96-467 09 64) mit einer kalten Flasche Superbock; sonntags treten hier auch Fado-Sänger auf.
DER WEHMUT LAUSCHEN
Der Fado entstand nicht nur in der Alfama, sondern auch im benachbarten MOURARIA, ebenfalls ein Maurenviertel. Dort leben in beengten Verhältnissen Einwanderer aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien Macao und Mosambik, Goa und den Kapverdischen Inseln. Mouraria, in eine Bergflanke gepresst, erinnert an die Souks Nordafrikas, verwinkelt, eng, laut. Lehmbraun sind die Mauern, die Türen scheinen aus Treibholz gehämmert, dazwischen glühen lilafarbene Klematis und rosarote Bougainvillea. Aus offenen Fenstern wehen afrikanische Liedfetzen. Winzige Läden bieten Früchte an, kleine, aber sehr saftige Orangen, große Quitten und gelbe Nêspera, die in Farbe und Form Aprikosen ähneln, aber süß-säuerlich schmecken. Andere Auslagen offerieren Glasvasen, Marien-Statuen als Kerzen, Bilderrahmen und Fotoalben, die das Leben von Unbekannten zeigen. Im Gewirr dieser Gassen und Treppen mischten sich vor einigen hundert Jahren die melodramatischen Liebeslieder der Mauren und Juden mit portugiesischen und brasilianischen Volksweisen: Daraus entstand der Soundtrack der Stadt - der Fado. Die Lieder handeln von Liebe, vor allem der unglücklichen, kreisen um Sehn sucht und Heimweh. Auf Portugiesisch gibt es für diese Gefühlsmischung sogar ein Wort: saudade.
Es lässt sich am ehesten übersetzen mit Wehmut und Weltschmerz. Einige Schelme behaupten allerdings, saudade beschreibe, wie sich der Winter in Lissabon anfühlt, wenn bei 12 Grad der Wind durch die Gassen fegt und man bis auf die Knochen durchfriert in der feuchten Altstadt-Wohnung ohne Heizung. Ein Gespür für den Fado, für die vertonte saudade, bekommt man am besten in einem Lokal wie dem SÃO CRISTÓVÃO (Rua de São Cristóvão 28-30, Tel. mobil 91-475 21 02). Die Kaschemme mit kapverdischer Küche - köstlich: vegetarische Maisteigtaschen pastel de milho und der angolanische Geflügeleintopf muamba de galinha - liegt auf der Grenze zwischen Alfama und Mouraria. Hier spielt man seit mehr als 30 Jahren den traditionellen Fado, begleitet wird der Sänger von mindestens zwei Gitarristen, oft hält ein akustischer Bass die Melodien zusammen, die in langen Strophen vorgetragen werden. Wer sich auf die unvergleichliche Stimmung in dem kleinen Lokal einlassen kann, verbringt hier einen beglückenden Abend, zu dem er unbedingt mehrere Gläser ginjinha trinken sollte, denn der süße Kirschlikör ist der perfekte Begleiter für so viel professionell vorgetragenen Trübsinn. Wem der Fado aber zu sehr aufs Gemüt schlägt, der macht sich über die nahe Treppe auf den Weg in Richtung des CASTELO DE SÃO JORGE, der respektheischenden mittelalterlichen Zita delle mit ihren Zinnen und Türmen hoch über der Stadt, und nimmt dort einen Drink auf der 1000 Quadratmeter großen Terrasse des Clubs PORTAS DO SOL (nahe dem Aussichtspunkt Largo das Portas do Sol, an dem einst eines von sieben Stadttoren stand). Von hier genießen wir eine großartige Aussicht über die im Dämmerlicht leuchtenden Dächer. Und lassen einen Tag im Auf und Ab der Hügelstadt ausklingen. Tram an der Rua Paiva de Andrade Pflasterornamente Die Rua Augusta bei Nacht Hieronymus-Kloster
KOSTEN FÜR DIESEN TAG (PRO PERSON):
Tageskarte für die Straßenbahn 3,95 Euro
Bica auf der Treppe 0,60 Euro
Tapas in der "Alfandega Menü im "Santo Antonio de Alfama" 15,00 Euro
Flasche Superbock von "Bela Vinhos e Petiscos" 2,50 Euro
Abendessen im "São Cristóvão" 12,00 Euro
Eintritt ins Mosteiro de São Vicente de Fora 4,00 Euro



Kommentare zu "Drei Tage Lissabon"
Sind Sie sich wirklich sicher, dass von Santa Apolonia ein Zug nach Estoril geht? Besser waere doch allemal in Cais de Sodre die direkte Verbindung gen Westen zu nehmen, als erst in Richtung Osten zu fahren. Bica und Teilchen in Estrela und dann ins Pois Cafe? Ihe Auswahl ist gut und hochinteressant, aber meines Erachtens zusammenhanglos und wild gemischt. Wer sich auf Ihre sprunghafte Route einlaesst wird sich verlieren. Aber das ist schliesslich das Beste, wasdem Besucher Lissabons passieren kann.