Hauptspalte:
Städtereise: Städtereise: Bonn
Wo die Macht zu Hause war: Die Spuren von 40 Jahren Hauptstadtleben lassen sich jetzt besichtigen - im Kanzlerbungalow etwa, in einem Kultlokal und im Rosinenbomber
"Bonn ist wie ein 55 Jahre alter
Junggeselle, der stets bei seinen
Eltern
gewohnt hat", sagt Sam Auinger - es klammere an der Vergangenheit.
Ein Jahr lang hatte der Österreicher die
gute Stube der Bonner Republik durchstreift,
als erster von der Beethovenstiftung
bestellter "Stadtklangkünstler",
mit dem Mikro immer auf der Suche nach
dem typischen Bonn-Sound und Plätzen
für Klanginstallationen. Sein Fazit:
"Seit Bonns Eltern starben, ist die Stadt
orientierungslos."
Dabei erbte sie üppig:
1,44 Milliarden Ausgleichszahlung nach
ihrem Ende als Bundeshauptstadt und
dem Regierungsumzug nach Berlin
ab 1999.
Doch renoviert hat Bonn kaum,
Bahngleise und die "Diplomatenrennbahn"
B 9 durchschneiden die Stadt noch
immer, vorbei am Bonn-Center, einem
18-stöckigen Stahlbetonschrank.
Auch Beethoven ist eine Ikone der
Geschichte, in die Bonn sich eingebettet
hat, ihr Allzeit-A-Promi, gesegnet mit
Geburtshaus
an der Bonngasse, Denkmal auf dem Münsterplatz,
Klassik-Festival und
dem inzwischen gestoppten
Projekt "Beethoven-Festspielhaus".
Das sollte die
Vielzweckhalle am Rhein
ersetzen, die seit 1959
Kulisse
für Ü-30-Partys,
Bundespräsidentenwahlen
und Kaninchenschauen
ist. Ob als Riesendiamant
von Star-Architektin Zaha Hadid oder,
nach einem anderen Entwurf, als Betonwelle
ans Rheinufer geschwappt: Bonn
hätte ein Design-Crescendo zum Billigoptiker-Preis bekommen, fast ohne
Zuzahlung.
75 Millionen wollten Post,
Postbank und Telekom für den Bau spendieren,
39 Millionen der Bund für den
Betrieb. Doch Bonn lehnte ab, lässt erst
mal alles, wie es ist. Oder besser: war.
Damals, als man noch Hauptstadt hieß.
Ansehen:
Kühle Bescheidenheit statt
Reichskanzlei-Protz hieß die Vorgabe
von Ludwig Erhard an seinen Architekten
Sep Ruf für den Entwurf des Kanzlerbungalows
unweit des Bundeskanzleramts
an der Adenauerallee. Wie es sich
für eine sparsame Stadt gehört, können
Besucher ihn kostenlos besichtigen, allerdings
nur sonntags, angemeldet und in
Begleitung eines Personalausweises. Mitten
im Park, unter Platanen und Buchen,
haben die Kanzler seit 1964 gewohnt, in
einer geduckten Haus-Schachtel.
Innen beigefarbener
Klinker und bodentiefe
Glasscheiben - 570 Quadratmeter
für zwei
Millionen
Mark. Beklemmend
zurückhaltend
gestaltet ist
das enge, palisanderverkleidete
Arbeitszimmer: "Wurden wir
von einem Sachbearbeiterregiert?", entfährt es einem Besucher.
Umso überraschender das weitläufige
Empfangszimmer - so restauriert,
wie Bauherr Erhard es einweihte, mit
zeitlos modernen weißen und schwarzen
Sofas in Waffel-Optik. Hätte man dem
gemütlichen Zigarrenkanzler gar nicht zugetraut.
Hier also saßen schon die
Queen, Nixon und Gorbatschow. Und
hinterm Flügel nicht nur Helmut Schmidt,
sondern auch Udo Jürgens, als er 1969
"Merci, chérie" für Kiesinger klimperte,
damit der Kanzler als Jugendversteher
rüberkam.
Im Esszimmer beginnt das
Achtzigerjahre-Museum: Stofftapeten
verhüllen die Klinker, die Deckenlampen
über braunen Samtsofas sehen aus wie
Whiskygläser. Die Renovierung à la Helmut
Kohl wurde von den Kuratoren
bewusst
konserviert, als Gegenpol zum
Stil Erhards. Der wurde beim Bau schon
beschimpft - wegen des 3 x 6-Meter-Mini-Pools. "Palais Schaumbad", ätzte die
Presse - in Anlehnung ans Palais Schaumburg,
den prunkvollen Dienstsitz des
Kanzlers im selben Park
( www.hdg.de ).
Mehr solche Geschichten gibt's bei
Jürgen Rausch im Bundes-Büdchen, der
Kiosk-Institution im Regierungsviertel - auch nach dem Regierungsumzug immer
noch am ehemaligen Kanzleramtszaun
gelegen. Bei selbstgekneteten Frikadellen
für 1,40 Euro erzählt Rausch, wie Graf
Lambsdorff morgens oft die Zeitungen mit
auspackte, Kohl immer Bürochefin Weber
zum Einkauf schickte, Genscher stets Gummibärchen wollte und Joschka
Fischer
beim Joggen mal von Rauschs
Hund gebissen wurde.
Heute wirkt
das Regierungsviertel, als ob es nach dem
Abzug der Regierungstruppen nach Berlin
von gelben und rosa Besatzern erobert
worden wäre: Post und Telekom haben
ganze Straßenzüge übernommen, ein
magentafarbener Telekomexpress saust
hindurch, der rundum verglaste Post-Tower
erstrahlt abends mit Lichtinstallationen.
Und zwischen den Besatzern
sind Blauhelmtruppen stationiert: Die
Uno ist mit 18 ihrer Organisationen
ins ehemalige Abgeordneten-Hochhaus
eingezogen, darum das blaue Logo am
Dach. Früher residierten im Langen
Eugen
hohe Tiere wie Wehner oder Barzel,
nun haben hier unter anderem die
Schützer der Kleinen Hufeisennase und
anderer Fledermausarten ihre Büros.
Gegenüber, im Wasserwerk, ist noch ein
Hauch vergangener Bundestagsdebatten
zu erahnen (Platz der Vereinten Nationen,
Führungen samstags und sonntags 14 und
15 Uhr; 4 Euro; Touristinfo Tel. 0228-77 50 01).
Ansonsten wirkt das Regierungsviertel
historisch besenrein. Der Rundgang "Weg
der Demokratie" zeigt vor allem Erklärschilder
vor Ex-Ministerien. Dann lieber
ins Haus der Geschichte, zum langen
Marsch durch Deutschland ab 1945.
Ein Rosinenbomber und das Siebzigerjahre-
Arbeitsamt mit Wertmarken-Automat und schrillem Gong sind zu besichtigen,
die erste "HörZu" darf man
durchblättern ( www.hdg.de ).
Ein Haus
weiter: die Bundeskunsthalle. Gedacht
als Spiegel einheimischer Kunst, zeigt
sie auch mal afrikanisches Weltkulturerbe.
Im Innenhof gibt’s im Sommer Open-
Air-Konzerte, im Winter eine Eisbahn
( www.bundeskunsthalle.de ).
Essen:
Wer gedrechselte Stühle, Kassettendecke
und Silberlöffel-Sammlung an
der Wand aushält, wird im Maternus belohnt,
dem Godesberger Ex-Treffpunkt
der Politprominenz. Hans-Dietrich Genscher
sitzt oft noch an seinem Stammplatz
links neben der Tür, und die Kellnerin
Monika reicht zur Frittatensuppe
gern das Fotoalbum mit Brandt, Scheel &
Co (Löbestr. 3, www.maternus-godesberg.de ).
Beste Lage mit genialem Rheinblick
und ebensolchen Pizza- und Pasta-Preisen bietet der Biergarten Alter
Zoll (Am Brassertufer, Tel. 0228-24 12 43). Essen aus der "Gerüchteküche"
und ein WC namens "Ausschußsitzung" - die Kneipe Bonner Republik
serviert vom handsignierten
Adenauer-Teller bis zum indischen Botschaftsschild
reichlich Erinnerungen. Außerdem Dorade alla Griglia und Rinderfilet
mit Rotwein-Zwiebelsauce (Adenauerallee 70).

Kartenansicht wird
geladen ...
Übernachten:
Im einst exklusiven
Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg residiert heute ein
Steigenberger Grandhotel mit Erinnerungsfotos
an den Wänden, gut renoviertem
Fünfzigerjahre-Schleiflack-Ambiente,
vergoldeten Türgriffen und bestem
Blick über die Stadt. Auf der Serpentinen-
Zufahrt fuhr Breschnew übrigens das
Mercedes-Coupé zu Schrott, das ihm
Willy Brand geschenkt hatte (Tel. 02223-7 40, www.steigenberger.com).
Solide, familiär und zentral am Hofgarten
gelegen ist das Hotel Mercedes
(Maarflach 17 a, Tel. 0228-91 80 04 90,
www.hotel-mercedes-bonn.de).
Das Kameha Grand, Hotel des Jahres
2011, hat eine Art Flughafen-Empfangshalle
als Lobby und Deckenlampen vom
Typ XXL-Trockenhaube. Ein Blumenmuster
mäandert durchs ganze Haus, alle
Flure sind rot, "die Adern des Hotels",
meint der Designer, der auch Themensuiten
wie "Beethoven", "Diva" (mit Makeup-Tisch) und "Fair Play" (mit Kickertisch)
schuf (Am Bonner Bogen 1, Tel.
0228-43 34 50 00, www.kamehagrand.com).
Momentan sind zu dem Artikel "Städtereise: Bonn" keine Kommentare vorhanden.

