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Mosel: Olivenhaine am Südhang

Ayse Aktül-Schäfer betreibt Deutschlands ersten und einzigen Olivenhain. Sie importierte Setzlinge aus ihrer türkischen Heimat und hofft nun darauf, irgendwann eigene Früchte ernten zu können. Eine Geschichte über Heimat, Glauben und Oliven

Text von Christoph Ruf

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Reiche Ernte, darauf hofft auch die Olivenbäuerin Ayse Aktül-Schäfer (Foto von: Michelle Garrett/CORBIS)
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Reiche Ernte, darauf hofft auch die Olivenbäuerin Ayse Aktül-Schäfer

Ein warmer Sommerwind, der über die Hügel streicht. Blätter, die in mächtigen Baumkronen sanft rascheln. Mächtige, knorrige Stämme, die in sengender Sommerhitze Schatten spenden - an solche Bilder sollte besser nicht denken, wer Ende Oktober Deutschlands ersten und einzigen Olivenhain im rheinhessischen Zell, rund 20 Kilometer westlich von Worms, besichtigt. Inmitten üppiger Weinreben, die kilometerlang die Steilhänge säumen, fällt der Blick auf einen schmalen Streifen Erde, aus dem im großen Abstand 60 Olivenbäumchen emporwachsen. Einige sind gerade einmal kniehoch und wirken zerbrechlich. Schon bald werden sie der dritten Belastungsprobe ihres noch jungen Lebens ausgesetzt sein. "2009 haben wir haben die Setzlinge angepflanzt", berichtet Ayse Aktül-Schäfer. Ihrer Stimme hört man an, dass sie eine optimistische Frau ist, "zwei Winter haben sie schon einigermaßen überstanden - und die zählten zu den härtesten der letzten Jahre."


Ein Stück Heimat nach Deutschland holen

Olivenbäume spielen von Kindesbeinen an eine besondere Rolle im Leben der 51-jährigen Lehrerin, die an einer Kölner Gesamtschule Kinder mit 34 unterschiedlichen Nationalitäten unterrichtet. Als Ayse neun Jahre alt war, holten die Eltern sie nach Duisburg-Bruckhausen nach. Der Vater hatte dort, wo das Ruhrgebiet tatsächlich in vielerlei Hinsicht dem Klischeebild entspricht, ein paar Jahre zuvor als Gastarbeiter angeheuert. Ayse, die bis dahin bei der Großmutter aufgewachsen war, sehnte sich bald zurück nach ihrer Heimat. Zurück in den kleinen Ort in der Nähe von Ephesus, zurück in die Sonne. Und zurück zu den Olivenhainen, die der Oma als Broterwerb dienten. Ayses Oma war Olivenbäuerin. Mit dem Öl, das sie damals längst nicht so schätzte wie heute, wurde man bei Erkältungen eingerieben, eine Handvoll Früchte gab es zum Brot. "Oliven waren Teil unseres Alltags, die Bäume fand ich schon als ganz kleines Mädchen wunderschön." Nach kurzer Zeit zog sie in die Türkei zurück.


Des Studiums wegen, das ihr von der türkischen Militärjunta verwehrt worden wäre, kam Ayse zum zweiten Mal nach Deutschland. Diesmal landete sie in Köln. Und auch, wenn sie die Domstadt schnell schätzen lernte - in das Heimweh, das sie dennoch immer wieder überfiel, mischten sich untrennbar die Erinnerungen an die Olivenhaine, die ihre Kindheitserinnerungen prägten. Sie beschloss, ein Stück Heimat nach Deutschland zu holen - und fand in ihrem Ehemann einen willigen Helfer. Aus Ephesus, wo selbst in den römischen Ruinen stattliche Olivenbäume wachsen, importierten sie Setzlinge. Und pflanzten sie in Pünderich an der Mosel ein.


Dieser erste Versuch schlug fehl. So malerisch der Blick auf die Mosel war, so perfekt sich die mattgrünen Blätter der Schößlinge in die malerische Landschaft einfügten - klimatisch waren die Bedingungen alles andere als optimal. Das Thermometer fällt im nördlichen Rheinland-Pfalz im Winter schon mal auf minus 15 Grad. Die empfindlichen Pflanzen vertragen aber nur minus 5 Grad. "Wir mussten den Hain leider zum 1. Oktober aufgeben", berichtet Ayse, die nun einmal im Monat im Rheinhessischen nach dem Rechten sieht und bislang guter Dinge ist: "Oliven wachsen im Süden dort, wo Wein angebaut wird. Es wäre schön, wenn das hier in Zell auch gelänge." Vielleicht hilft auch der Klimawandel irgendwann. Aber so weit ist es noch nicht.


An Oliven glauben

Während der Schulwoche wacht ein Winzerehepaar über die empfindlichen Pflänzchen. Die Biowinzer Erika und Helmut Krauß haben die Aktül-Schäfers in der Türkei kennengelernt, wo Helmut schon seit Jahren seinen Urlaub verbringt und dort mittlerweile ebenfalls einen Weinberg besitzt. Die beiden Familien sind längst befreundet. Sie teilen die Liebe zur Türkei und die Neugier, ob es gemeinsam gelingt, eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt in einem Landstrich anzusiedeln, der neben dem Kaiserstuhl (Südbaden) zu den wärmsten in Deutschland gehört. Oleander, Feigenbäume, Pfirsiche und Kiwis gedeihen hier jedenfalls prächtig. Warum nicht auch Oliven?
"Wir wollen Erfahrungen mit dem Lößboden und den klimatischen Bedingungen sammeln", sagt Ayses Ehemann Bernd, der derzeit einen deutschen Verlag für das Buch sucht, das Ayse gerade in der Türkei herausgebracht hat. "Es ist aus der Sicht unserer Tochter geschrieben", berichtet die Autorin über das "interkulturelle Buch", das - wie könnte es anders sein? - Oliven zum Gegenstand hat. Fast hätte es "Meine Mutter glaubt an Olivenbäume" geheißen. Hintergrund des Ganzen: In der Grundschule wurde Tochter Selin von der christlichen Religionslehrerin auf etwas umständliche Art und Weise gefragt, woran die Mutter denn glauben würde. Das Kind verstand die Frage nicht im religiösen Sinn und antwortete: "An Oliven!". Eine Wahrhaftigkeit, die vielleicht nur Kindern zueigen ist.


Zurück am Olivenhain in Zell. Dort lässt Helmut Krauß, der Biowinzer, noch einen letzten Blick über die Olivensprösslinge wandern. Er weiß, dass die Leute in der Region dem Experiment keine großen Zukunftschancen einräumen. Und wenn er ehrlich ist, würde er selbst keine hohen Summen auf einen Erfolg setzen. Aber Helmut Krauß will alles tun, um die Pflanze, die der zurückhaltende Mann überraschend emphatisch als "wunderschön" bezeichnet, heimisch werden zu lassen.



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Seit nun einigen Wochen denkt er mit den Aktül-Schäfers darüber nach, wie es gelingen könnte, die Pflanzen auch dann am Leben zu halten, wenn das Thermometer auch diesen Winter wieder kein Pardon kennen sollte. "In Burgund und in Württemberg", weiß Krauß, "hat man Reben in klirrend kalten Nächten schon mit Gasflammen und Umluft gewärmt." Er schüttelt den Kopf. Als zertifizierter Biowinzer wäre das doch zu viel der Energieverschwendung. Zumal Ayse Aktül-Schäfer im fernen Köln längst eine umweltfreundlichere Variante ausbaldowert hat: "Vielleicht stellen wir uns nachts ja mit großen Kerzen zu den Pflanzen." Ein Scherz, ganz offenbar. Oder doch nicht?


Dieser Text erscheint im Rahmen des Türkisch-deutschen Mediendialogs 2011. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 31. Oktober 2011 tauschen sich führende deutsche und türkische Medien untereinander aus. Redakteure verfassen Inhalte, die dann im jeweils anderen Medium erscheinen. GEO.de arbeitet mit der türkischen Tageszeitung "Zaman" zusammen.



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