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Themenschwerpunkt Reisefotografie: Mit der Kamera im Urlaub

In Dachstein lernen die Teilnehmer eines Fotokurses, was ein gutes Bild ist. Stefan Schomann besuchte für uns die "Schule des Sehens"

Text von Stefan Schomann

Für das richtige Licht wandern die Teilnehmer auch mal auf einen Gipfel (Foto von: Oliver Richter)
© Oliver Richter
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Für das richtige Licht wandern die Teilnehmer auch mal auf einen Gipfel

John Boom hat ein ganzes Jahr lang vom großen Glitzern geträumt. Nicht von dem blassen Himmel zu Hause in Holland, in dem die Sterne zwischen Neonreklamen untergehen, sondern von jenem funkelnden Firmament, das er vergangenen Herbst auf den Höhen des Dachsteins erlebt hat. Nun ist er zurückgekehrt, um dieses Naturwunder zu fotografieren. Während die anderen Teilnehmer des Fotolehrgangs in der Seethaler Hütte ihre Backerbsensuppe löffeln, baut er auf dem Gletscher sein Stativ auf. Stoisch trotzt er den Windstößen. Er ignoriert die Minusgrade, die hier, in fast 3000 Meter Höhe, nachts herrschen. Wie er es im Kurs gelernt hat, richtet er die Kamera auf den Polarstern aus, stellt eine Belichtungszeit von vier Stunden ein, justiert noch einmal nach und drückt auf den Drahtauslöser. Dann stapft er zurück zur Hütte, um seine Suppe zu essen. Um Mitternacht geht er wieder hinaus. Auf der Langzeitbelichtung hebt sich die Silhouette des Gipfels vor dem graugrün glimmenden Horizont ab, darüber die kreisenden Lichtspuren der Sterne. "Ein solches Foto wäre zu Hause nicht möglich", sagt der junge Versicherungsjurist. Doch Kursleiter Oliver Richter hat ihn animiert, fotografisches Neuland zu betreten. Die Aufnahme zeigt: Das Experiment hat sich gelohnt.

Hütten wie die Seethaler findet man in den Alpen nur noch selten: einfachste Ausstattung, Matratzenlager, Gemeinschaftsbad. Doch wir suchen nicht den Komfort. Wir suchen Motive: etwa den Sonnenuntergang vor der Felskanzel mit der leuchtenden Südwand im Hintergrund. Oder das Nachglühen des Himmels, das Licht nach dem Licht. Oder die Weltelite der Langläufer, die auf dem Gletscher ihre Trainingsrunden dreht. Weiter unten die knallgelben Kabinen der Seilbahn zwischen den Kalkklippen. Die Dohlen, die selbst der stärkste Blitz nicht aufzuhellen vermag. Das Gipfelkreuz! Die Flechten! Die Eisskulpturen! Der sechstägige Fotolehrgang wird von der Leica-Akademie veranstaltet. Er basiert auf einer klugen Kombination aus Theorie und Praxis. Abends wird den Teilnehmern das Programm für den Tag angekündigt – welche Ausrüstung ist nötig, mit welchen Lichtverhältnissen ist zu rechnen, wie sieht die Landschaft aus. Dann geht es in die Natur. Und am Abend trifft man sich erneut, lädt die Aufnahmen auf den Rechner, diskutiert die Ergebnisse, erhält Tipps, was man beim nächsten Mal besser machen kann.


Insbesondere im Winter haben die Berge rund um Dachstein ihren Reiz (Foto von: Oliver Richter)
© Oliver Richter
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Insbesondere im Winter haben die Berge rund um Dachstein ihren Reiz

Seit achtzig Jahren besteht die Leica-Akademie, sie hat Generationen deutscher Berufs- und Hobbyfotografen inspiriert. Die Kurse verbinden die Leidenschaft des Fotografi erens mit der des Reisens. Wer teilnehmen will, muss weder eine Leica haben noch eine kaufen wollen, dies ist keine Verkaufsveranstaltung. Die Tour rund um den Dachstein zählt zu den Klassikern im Programm. Geleitet wird sie von Oliver Richter und dem Bergführer Herbert Raffalt, selbst ein preisgekrönter Fotograf. Über ihn ist Claudia Hieckmann auf den Lehrgang aufmerksam geworden. "Mit wem könnte ich besser durch die Berge ziehen als mit einem, der so tolle Bilder davon macht?"

Die Kommunalbeamtin aus Potsdam erlebt die Fotografie als ästhetische Gegenwelt zum nüchternen Beruf. Ihr scheinbar bescheidenes Ziel sind "dreizehn gelungene Bilder im Jahr". Damit bestückt sie einen Kalender für Freunde und Familie, ansonsten fotografiert sie nur für sich. Das aber mit Ambition. Sie tigert durchs Gelände, probiert unterschiedliche Standpunkte und Kameraeinstellungen aus. Unten im Tal dient das "Sporthotel Matschner" als Basislager. Im Seminarraum übertragen wir die Tagesausbeute in die bereitgestellten Rechner, sortieren und bearbeiten sie. Später loben und tadeln wir uns gegenseitig, und der Kursleiter sagt: "Gut; aber beim nächsten Mal den Müllsack auf der Terrasse wegräumen." – "Geh näher ran; das beste Vario-Objektiv sind deine Füße." – "Nicht immer nur in Augenhöhe bleiben. Mal Frosch sein und mal Vogel." Das ABC der Bildgestaltung fließt in den Anschauungsunterricht ein. Bald schon entwickeln wir ein Gespür für "blickführende Diagonalen", "freistehende Figuren" und "gezielte Tiefenwirkung". Auch am Frühstückstisch gibt es nur ein Thema: Fotografie. Und doch hat die Veranstaltung nichts Verbohrtes.



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