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GEO Magazin Nr. 08/13 Seite 1 von 2


Werkstatt Zukunft: El Hierro wird Ökomodell

Die kleinste kanarische Insel rüstet sich für die Zukunft: Erneuerbare Energie sorgt für Elektrizität und Trinkwasser; Autos fahren mit Windstrom - oder aufbereitetem Frittieröl

Text von Ute Scheub

Kommt die kleinste der Kanareninseln bald groß raus mit ihrem Energiekonzept? (Foto von: Roman Sigaev - Fotolia.com)
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Kommt die kleinste der Kanareninseln bald groß raus mit ihrem Energiekonzept?

Ein riesiger Lorbeerbaum hat die bimbaches, die Ureinwohner von El Hierro, der Legende nach mehrfach vor dem Verdursten gerettet. Hoch oben auf der wasserarmen Vulkaninsel mit ihren bizarren Felsküsten und grünen Feuchtwäldern stand er, und an seinen Blättern kondensierte so viel Feuchtigkeit aus den Wolken des Nordostpassats, dass sich Tümpel unter ihm bildeten. Der heilige Baum, der Garoé, ist deshalb heute noch das Wahrzeichen der kleinsten der sieben kanarischen Inseln. "Und der Garoé des 21. Jahrhunderts, das ist unser Pumpspeicherkraftwerk. Es kämmt mit Windkraft ebenfalls Wasser aus dem Himmel", sagt Juan Manuel Quintero aus El Hierros 5000-Seelen-Hauptstadt Valverde.


Der Mittfünfziger ist der Chef des Wind-Wasser-Kraft-werks "Gorona del Viento", das in der Nähe des Hafens in das schwarze Vulkangestein hineingebaut wurde. Wenn es demnächst in Betrieb geht - dem Plan nach noch im Sommer 2013 -, wird es die 280 Quadratkilometer große Insel mit ihren knapp 11 000 Bewohnern fast vollständig mit erneuerbaren Energien und Wasser versorgen.

Pumpspeicherkraftwerke nutzen Energie in Zeiten, wo sie im Überfluss vorhanden ist, um Wasser in höher gelegene Becken zu pumpen. Dort steht es für Zeiten bereit, in denen das Energie-Angebot knapp ist. Während es durch Fallrohre bergab stürzt, treibt das Wasser dann Turbinen und Generatoren an und produziert Strom. Die Technik ist auch in Deutschland verbreitet, doch die Kombination mit Windkraft und Meerwasserentsalzung macht die mit Umweltpreisen ausgezeichnete El-Hierro-Anlage einmalig - und weltweit übertragbar.

Energieautark mit deutscher Technik
Mit ausgetüftelt hat sie der frühere Wasserbauingenieur Quintero. Nun steht er vor Kakteengewächsen und erklärt die Komponenten: Fünf 70 Meter hohe Enercon-Windanlagen aus Deutschland werden 11,5 Megawatt Strom liefern - weitaus mehr, als die Spitzennachfrage auf der Insel, sieben Megawatt, erfordert. Vor allem in der Nacht, wenn der Stromverbrauch gering ist, wird ein Teil des zusätzlich erzeugten Windstroms die drei Meerwasserentsalzungsanlagen betreiben, die bisher mit Dieselenergie Süßwasser herstellen. Ein anderer Teil wird die Pumpen versorgen, die Wasser aus einem unteren Depot in Küstennähe über zwei Röhren in das obere Speicherbecken auf etwa 700 Meter Höhe hieven.

Türkisblau leuchtet dessen Wasser in der Sonne - es dient gleichzeitig als Trink- und Brauchwasserreservoir der Insel. Bis zu 380 000 Kubikmeter Inhalt kann das Becken aufnehmen; es ist ein ehemaliger Vulkankrater, der mit Folien abgedichtet ist. Wenn der Wind nicht weht, öffnen Mitarbeiter die Ventile und lassen Wasser in das tiefer liegende Becken rauschen. Mit diesem System übersteht die abgelegene Insel im Atlantik vier Tage Flaute. Nur wenn diese länger anhält, müsste die alte Dieselanlage wieder angefahren werden. "Eine natürliche Batterie, wow! Das ist eine Goldmine", entfährt es einem US-Geschäftsmann, der das Werk besichtigt.

Chefingenieur Quintero ist optimistisch, dass sich die rund 65 Millionen Euro teure Investition innerhalb weniger Jahre amortisiert. Die Inselgemeinde besitzt 60 Prozent des modernen "Wunderbaums", der spanische Energiekonzern Endesa 30 und das Kanarische Technologie-Institut zehn Prozent. Gewinne sollen in neue Ökoprojekte reinvestiert werden. Gleichzeitig, erklärt der Technikpionier, werden pro Jahr zwei Millionen Euro für Öl sowie rund 20.000 Tonnen des Treibhausgases CO2 eingespart. Und die Bevölkerung, die bei sinkendem Grundwasserspiegel schon mehrfach von dramatischer Wasserknappheit heimgesucht wurde, bekomme eine nachhaltige Wasser- und Energieversorgung. "Die Fantasie verwandelt sich auf El Hierro in Realität", freut sich Quintero.



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Kommentare zu "El Hierro wird Ökomodell"

Markus Haefner | 16.08.2013 12:56

Ich wäre interessiert an einem längeren Studienaufenthalt .. 2-5 Jahre, Dipl.-Ing, bei Kostendeckung
+49 971 4395
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ESTHER WEINZ | 14.08.2013 10:51

ICH WAR 2013 FÜR 4 WOCHEN ZU EINER STUDIENREISE AUF EL HIERRO UND HABE DIE INSEL LIEBEN GELERNT. NACH MEINER RECHERCHE IST ES WICHTIG, DASS ÖKOLOGISCH DENKENDE MENSCHEN DIE INSEL BESUCHEN UND ACHTSAM MIT DER WUNDERBAREN NATUR UMGEHEN. DER VULKANAUSBRUCH 2011 VOR DER SÜDSPITZE DER INSEL HAT VIELE TOURISTEN ABGESCHRECKT. ES GIBT WEITER BEBEN, DIE JEDOCH KAUM WAHRNEHMBAR SIND - DIE HERRENIOS GEHEN DAMIT SEHR GELASSEN UM UND DAS HAT SICH AUCH AUF MICH ÜBERTRAGEN. ICH LADE DESHALB MENSCHEN EIN, DIE NATUR PUR ERLEBEN WOLLEN, HIERHER ZU KOMMEN. DAS IST ES, WAS EL HIERRO IM MOMENT AUCH BRAUCHT.
VIELE INFORMATIONEN, U.A. EIN INTERVIEW MIT DEM O.G. J. MORALES UND DIE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG DES ÖKOLOGISCHEN MANIFESTES FINDEN SIE HIER:
http://www.accakassel.de/ACCA/El_Hierro.html
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