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GEO Magazin Nr. 09/10 Seite 1 von 5
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Vom wahren Wert des Waldes

Den "Deutschen Preis für Naturjournalismus" gewann 2010 die freie Journalistin Anke Sparmann - mit einer Reportage über den GEO-Tag der Artenvielfalt im gleichen Jahr

Text von Anke Sparmann

Ein lauer Sommerabend, Grillen zirpen, Frösche quaken. An einem Teich in der Nähe von Freiburg haben Biologen ein Netz gespannt. Mit Einbruch der Dämmerung werden sich darin die ersten Tiere verfangen, Fledermäuse. Die Ex­perten wollen herausfinden, welche Arten hier unterwegs sind. Einige Dutzend Menschen sind gekommen, um dabei zuzuschauen. Darunter Talitha Müller. Sie ist strohblond, 13 Jahre alt und mit ihrer Mutter Gabriele da. Es ist ein Freitag im Juni, die beiden machen einen Frauenabend. Sie hätten auch ins Kino gehen können. Aber Talitha sagt: "Kino. Das kannst du doch hiermit nicht vergleichen!" Ein Ökonom kann das schon.


Moos fühlt sich gut an, weiß doch jedes Kind. Dass der grüne Teppich auch als Nährstofffilter und Wasserspeicher dient, erklärt
Botaniker Michael Lüth seinen Zuhörern. Und was ist der Preis
dieser Naturleistung? Wie viel wären wir bereit, dafür zu zahlen? Um solche Fragen drehte sich der GEO-Tag der Artenvielfalt in Freiburg (Foto von: Berthold Steinhilber/laif)
© Berthold Steinhilber/laif
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Moos fühlt sich gut an, weiß doch jedes Kind. Dass der grüne Teppich auch als Nährstofffilter und Wasserspeicher dient, erklärt Botaniker Michael Lüth seinen Zuhörern. Und was ist der Preis dieser Naturleistung? Wie viel wären wir bereit, dafür zu zahlen? Um solche Fragen drehte sich der GEO-Tag der Artenvielfalt in Freiburg

Denn Film und Fledermaus haben - zumindest an diesem Sommerabend - einen ähnlichen Nutzen. Ob die Bilder laufen oder die Fledermaus fliegt: Menschen sehen dabei zu, stillen ihre Neugier, amüsieren sich. Ökonomen interessieren sich für alles, was ein Bedürfnis des Menschen befriedigt - sofern diese Ware "knapp" ist. Und "knapp" ist nach dem Verständnis von Wirtschaftswissenschaftlern alles, was gegen ein anderes Gut eingetauscht werden muss. Zum Beispiel gegen Geld. Auf der Kinokarte steht ein Preis. Das Beobachten der Fledermäuse kostet nichts. Ist es damit wertlos? Oder lassen sich die Stunden am Teich ebenfalls in Euro ausdrücken? Was ist die Natur wert? Was ist sie uns wert?

Am Anfang lösen diese Fragen noch leises Unbehagen aus. Und am Ende wird man sich wundern, warum sie nicht viel häufiger gestellt werden. Dazwischen liegen 24 Stunden, von Freitagabend bis Samstagabend: der GEO-Tag der Artenvielfalt. In dieser Spanne geben Ökonomen und Ökologen Antworten. Bürgerinnen und Bürger Freiburgs, die Gastgeber der diesjährigen GEO-Hauptveranstaltung, kommen zu Wort. Und als Erstes ein Mann, der - zufällig - denselben Nachnamen trägt wie Talitha. Markus Müller muss schon von Berufs wegen fast täglich den Wert der Natur taxieren. Müller ist Förster. Sein Revier liegt im 2000 Hektar großen Mooswald, am westlichen Rand von Freiburg, zu einem Drittel mit Eichen bestanden. Der Pirol ruft, ein Specht hämmert, als Müller am frühen Samstagmorgen ein 200-jähriges Baumexemplar in Augenschein nimmt. Gerader Wuchs, kaum Seitentriebe, ausladende Krone. Was mag diese Eiche wert sein?

Markus Müller schätzt, dass ihr Stamm einen Meter im Durchmesser misst, neun in der Höhe. Feinstes Möbelholz gäbe er ab. Oder Fassholz. Frankreich ist nah, Weinbauern fragen Müller oft nach Eiche für ihre Barriques. 400 Euro kann er pro Festmeter verlangen. Das Holz der Krone taugt als Brennholz und würde 960 Euro einbringen. Abzüglich der Kosten für seine Arbeiter, die den Baum fällen würden, kommt Müller auf einen Betrag von 3260 Euro. Das ist der Marktwert der Eiche. Müller ist ein moderner Förster. Man sieht es an seiner Designerbrille, man hört es an seinem Reden. Die Ruhe, die gute Luft, das Vogelgezwitscher - ein "super Feeling" gebe der Wald den Spaziergängern und Joggern, sagt Müller. Die Eiche binde außerdem mehr Arten an sich als andere Bäume. Der Mittelspecht etwa findet seine Insektenmahlzeiten fast nur unter Eichenrinde. Eichen seien auch gut an ihren Standort angepasst, daher toleranter gegenüber Temperaturschwankungen als viele andere Bäume. Das ist wichtig für ein stabiles Wald-Ökosystem in Zeiten des Klimawandels. Müller weiß also längst, dass sein Wald mehr wert ist als das Holz der Bäume. Doch wie hoch ist dieser MehrWert zu veranschlagen?

Mit dieser sehr komplizierten Frage beschäftigt sich derzeit eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern. Sie arbeiten am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Im Auftrag der Bundesregierung und der EUKommission tragen sie dort alles Wissen zusammen, das zum Wert von Natur existiert. Über ihrer Studie steht: "Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität". Nach ihrem englischen Titel (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) kürzt sie sich TEEB ab. Einer der TEEB-Forscher ist Carsten Neßhöver. Fallen in seiner Gegenwart Wörter wie Wald, Moor oder Korallenriff, dauert es nicht lange, bis ihm Zahlen in den Sinn kommen. Meistens welche mit vielen Nullen. Zwei, fünf, sieben Millionen, Euro, Pfund oder Dollar: Beträge, die irgendwer irgendwo auf der Welt als Wert für ein ganz konkretes Ökosystem ausgerechnet hat. Die äthiopischen Bergregenwälder etwa wurden allein für ihre Funktion als Heimat von Wildkaffeepflanzen mit 1,45 Milliarden US-Dollar taxiert, gerechnet über 30 Jahre.

Gebiete, für die es solche Daten gibt, nehmen in Neßhövers Denken breiten Raum ein. Versucht man aber, sie auf einer Weltkarte einzuzeichnen, muss man schon mit einem sehr gespitzten Bleistift Pünktchen zeichnen. Die wenigen durchgerechneten Ökosysteme sind nur Beispiele. Zum Maßstab für weitere Berechnungen taugen sie kaum. Der Wert des Freiburger Mooswalds ist nicht durch eine einfache Rechnung zu ermitteln: Ein Quadratmeter Mooswald gleich ein Quadratmeter Regenwald abzüglich Tropenfaktor, minus Kaffee, plus Eichen. So simpel ist es nicht. "Es gibt diese Erwartung an uns", sagt Carsten Neßhöver: "Die TEEB-Leute sagen jetzt, was ein Hektar Wald kostet." Der Wert eines Ökosystems aber sei in jedem einzelnen Fall neu zu ermitteln - und hänge auch stets davon ab, inwieweit bestimmte Leistungen nicht nur theoretisch vorhanden sind, sondern in dem konkreten Kontext auch genutzt werden.



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Kommentare zu "Vom wahren Wert des Waldes"

Jan Haman | 29.01.2011 02:43


- ja, dieser Artikel ist schon verdammt gut geschrieben ! - Wer war der aufrichtige Autor ?
- Frau Anke Sparmann, freie Journalistin. - Glänzende Arbeit und ein wirklich guter Name für eine deutsche Ökonomin / Ökologin !
- Aber der Deutsche Wald, von dem wir hier als kleines Beispiel sprechen, ist wirklich nicht mehr als eine winzige, eher lächerliche Reservation. - Doch es ist der klägliche Rest unseres eigenen Waldes, zum Stadtwald degeneriert, umgeben von übermächtigen Wirtschafts-Interessen, - Wachstums -und Wertschöpfungs-Absichten. Ein ganz trauriges, gieriges Komödien-Schauspiel. Und eine Tragödie für die kläglichen Reste der Natur.
- Doch es gibt wirklich diesen Hoffnungs-Schimmer am noch entfernten Horizont. Der Funke geht auf in unseren Kindern, wenn wir sie richtig erziehen, und sie nicht in einer virtuellen, kommerzialisierten Welt verkommen lassen, - sie nicht zum neuen, überall geforderten "homo oeconomicus" werden lassen..... Beitrag melden!

lukas | 12.12.2010 19:10

... und bei mir gab es ein pathetisches gänsehaut-feeling ganz zum schluss.
wunderbar geschrieben - danke! Beitrag melden!

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