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Vom wahren Wert des Waldes
Den "Deutschen Preis für Naturjournalismus" gewann 2010 die freie Journalistin Anke Sparmann - mit einer Reportage über den GEO-Tag der Artenvielfalt im gleichen Jahr
Ein lauer Sommerabend, Grillen zirpen, Frösche quaken. An einem Teich in der Nähe von Freiburg haben Biologen ein Netz gespannt. Mit Einbruch der Dämmerung werden sich darin die ersten Tiere verfangen, Fledermäuse. Die Experten wollen herausfinden, welche Arten hier unterwegs sind. Einige Dutzend Menschen sind gekommen, um dabei zuzuschauen. Darunter Talitha Müller. Sie ist strohblond, 13 Jahre alt und mit ihrer Mutter Gabriele da. Es ist ein Freitag im Juni, die beiden machen einen Frauenabend. Sie hätten auch ins Kino gehen können. Aber Talitha sagt: "Kino. Das kannst du doch hiermit nicht vergleichen!" Ein Ökonom kann das schon.

Denn Film und Fledermaus haben - zumindest an
diesem
Sommerabend - einen ähnlichen Nutzen. Ob die
Bilder laufen oder die Fledermaus fliegt: Menschen sehen
dabei zu, stillen ihre Neugier, amüsieren sich.
Ökonomen interessieren sich für alles, was ein Bedürfnis
des Menschen befriedigt - sofern diese Ware "knapp"
ist. Und "knapp" ist nach dem Verständnis von Wirtschaftswissenschaftlern
alles, was gegen ein anderes Gut
eingetauscht werden muss. Zum Beispiel gegen Geld. Auf
der Kinokarte steht ein Preis. Das Beobachten der Fledermäuse
kostet nichts. Ist es damit wertlos? Oder lassen sich
die Stunden am Teich ebenfalls in Euro ausdrücken?
Was ist die Natur wert? Was ist sie uns wert?
Am Anfang lösen diese Fragen noch leises Unbehagen
aus. Und am Ende wird man sich wundern, warum sie
nicht viel häufiger gestellt werden. Dazwischen liegen
24 Stunden, von Freitagabend bis Samstagabend: der
GEO-Tag der Artenvielfalt. In dieser Spanne geben Ökonomen
und Ökologen Antworten. Bürgerinnen und Bürger
Freiburgs, die Gastgeber der diesjährigen GEO-Hauptveranstaltung,
kommen zu Wort. Und als Erstes ein Mann,
der - zufällig - denselben Nachnamen trägt wie Talitha.
Markus Müller muss schon von Berufs wegen fast
täglich
den Wert der Natur taxieren. Müller ist Förster.
Sein Revier liegt im 2000 Hektar großen Mooswald, am westlichen Rand von Freiburg, zu einem Drittel mit
Eichen
bestanden. Der Pirol ruft, ein Specht hämmert,
als Müller am frühen Samstagmorgen ein 200-jähriges
Baumexemplar in Augenschein nimmt. Gerader Wuchs,
kaum Seitentriebe, ausladende Krone. Was mag diese
Eiche
wert sein?
Markus Müller schätzt, dass ihr Stamm einen Meter
im Durchmesser misst, neun in der Höhe. Feinstes Möbelholz
gäbe er ab. Oder Fassholz. Frankreich ist nah, Weinbauern
fragen Müller oft nach Eiche für ihre Barriques.
400 Euro kann er pro Festmeter verlangen. Das Holz der
Krone taugt als Brennholz und würde 960 Euro einbringen.
Abzüglich der Kosten für seine Arbeiter, die den
Baum fällen würden, kommt Müller auf einen Betrag von
3260 Euro. Das ist der Marktwert der Eiche.
Müller ist ein moderner Förster. Man sieht es an seiner
Designerbrille, man hört es an seinem Reden. Die Ruhe,
die gute Luft, das Vogelgezwitscher - ein "super Feeling"
gebe der Wald den Spaziergängern und Joggern, sagt Müller.
Die Eiche binde außerdem mehr Arten an sich als andere
Bäume. Der Mittelspecht etwa findet seine Insektenmahlzeiten
fast nur unter Eichenrinde. Eichen seien auch
gut an ihren Standort angepasst, daher toleranter gegenüber
Temperaturschwankungen als viele andere Bäume.
Das ist wichtig für ein stabiles Wald-Ökosystem in Zeiten
des Klimawandels. Müller weiß also längst, dass sein
Wald mehr wert ist als das Holz der Bäume.
Doch wie hoch ist dieser MehrWert zu veranschlagen?
Mit dieser sehr komplizierten Frage beschäftigt sich
derzeit eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern. Sie
arbeiten
am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
in Leipzig. Im Auftrag der Bundesregierung und der EUKommission
tragen sie dort alles Wissen zusammen, das
zum Wert von Natur existiert. Über ihrer Studie steht:
"Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität".
Nach ihrem englischen Titel (The Economics of Ecosystems
and Biodiversity) kürzt sie sich TEEB ab.
Einer der TEEB-Forscher ist Carsten Neßhöver. Fallen
in seiner Gegenwart Wörter wie Wald, Moor oder Korallenriff, dauert es nicht lange, bis ihm Zahlen in den Sinn
kommen. Meistens welche mit vielen Nullen. Zwei, fünf,
sieben Millionen, Euro, Pfund oder Dollar: Beträge, die
irgendwer
irgendwo auf der Welt als Wert für ein ganz
konkretes Ökosystem ausgerechnet hat. Die äthiopischen
Bergregenwälder etwa wurden allein für ihre Funktion
als Heimat von Wildkaffeepflanzen mit 1,45 Milliarden
US-Dollar taxiert, gerechnet über 30 Jahre.
Gebiete, für die es solche Daten gibt, nehmen in Neßhövers
Denken breiten Raum ein. Versucht man aber, sie
auf einer Weltkarte einzuzeichnen, muss man schon mit
einem sehr gespitzten Bleistift Pünktchen zeichnen. Die
wenigen durchgerechneten Ökosysteme sind nur Beispiele.
Zum Maßstab für weitere Berechnungen taugen
sie kaum. Der Wert des Freiburger Mooswalds ist nicht
durch eine einfache Rechnung zu ermitteln: Ein Quadratmeter
Mooswald gleich ein Quadratmeter Regenwald
abzüglich
Tropenfaktor, minus Kaffee, plus Eichen. So simpel
ist es nicht.
"Es gibt diese Erwartung an uns", sagt Carsten Neßhöver:
"Die TEEB-Leute sagen jetzt, was ein Hektar Wald
kostet." Der Wert eines Ökosystems aber sei in jedem einzelnen
Fall neu zu ermitteln - und hänge auch stets davon
ab, inwieweit bestimmte Leistungen nicht nur theoretisch
vorhanden sind, sondern in dem konkreten Kontext auch
genutzt werden.

Kommentare zu "Vom wahren Wert des Waldes"
- ja, dieser Artikel ist schon verdammt gut geschrieben ! - Wer war der aufrichtige Autor ? - Frau Anke Sparmann, freie Journalistin. - Glänzende Arbeit und ein wirklich guter Name für eine deutsche Ökonomin / Ökologin ! - Aber der Deutsche Wald, von dem wir hier als kleines Beispiel sprechen, ist wirklich nicht mehr als eine winzige, eher lächerliche Reservation. - Doch es ist der klägliche Rest unseres eigenen Waldes, zum Stadtwald degeneriert, umgeben von übermächtigen Wirtschafts-Interessen, - Wachstums -und Wertschöpfungs-Absichten. Ein ganz trauriges, gieriges Komödien-Schauspiel. Und eine Tragödie für die kläglichen Reste der Natur. - Doch es gibt wirklich diesen Hoffnungs-Schimmer am noch entfernten Horizont. Der Funke geht auf in unseren Kindern, wenn wir sie richtig erziehen, und sie nicht in einer virtuellen, kommerzialisierten Welt verkommen lassen, - sie nicht zum neuen, überall geforderten "homo oeconomicus" werden lassen.....
... und bei mir gab es ein pathetisches gänsehaut-feeling ganz zum schluss. wunderbar geschrieben - danke!