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Naturtalente: Insel im Meer der Moderne
Frank Dähling ist Sammler und Naturschützer, Volkskundler und Widerstandskämpfer. Seit 36 Jahren lebt er in einer alten Wassermühle im Kraichgau. Heute gilt sein Hof als europäisches Kulturdenkmal und hat sich zu einer ökologischen Insel für seltene Pflanzen und fast 50 Vogelarten entwickelt. Er sagt: "Die Zivilisation schafft Oasen, wo früher keine Wüste war."
Wer mit Frank Dähling ein Interview führt, muss damit rechnen, nach zwei Tagen Besuch über zwölf Stunden Gespräch auf Band zu haben. Frank Dähling ist jemand, der gerne redet. Er weiß allerdings auch viel zu erzählen: Er könnte zum Beispiel erklären, wie er zu seinen über 20.000 Büchern gekommen ist. Er könnte vieles über die deutsche Studentenbewegung der sechziger Jahre verraten. Darüber, wie er in Frankreich und Spanien gelebt hat. Oder wie er das Leben seiner Vorfahren bis in das Jahr 531 zurückverfolgen konnte. Doch davon soll diese Geschichte nicht erzählen - es soll um eine Insel gehen, die nicht von Wasser umgeben ist. Und um eine Sammlung von über 800 Mausefallen.
Wer den Innenhof der Raußmühle betritt, muss ein schweres, schmiedeeisernes Tor aufschieben. Die Scharniere quietschen, als wären sie seit Jahrhunderten nicht geölt worden. Es ist der passende Ton für das, was dahinter zu entdecken ist. Vor bald 700 Jahren soll das Mühlengehöft gebaut worden sein. Uralte Bäume umgeben die Mauern der ehemaligen Wassermühle, die westlich der 20.000-Einwohner Stadt Eppingen zwischen Heilbronn und Karlsruhe liegt. Seit über 36 Jahren lebt Frank Dähling gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin auf dem Hof. Mit Hund und Kater, Gänsen, Enten und Hühnern. Mit 43 Schafen und acht Ziegen. Die Pullover werden zwar schon seit Jahren nicht mehr selbst gestrickt, aber viele Nahrungsmittel wie Käse, Wurst und Milch, Eier oder Brot selbst hergestellt. Frank Dähling sagt: "Wir versuchen, möglichst wenige Maschinen einzusetzen und bewusst mit der Natur zu leben." Insgesamt sind es sechs Hektar Land, die der bald 70-Jährige mit einfachsten Mitteln bewirtschaftet. Das Heu wird mit der Sense geschnitten. Als zusätzliches Futter holt er von einem Supermarkt die Lebensmittel, die weggeworfen werden sollen. Täglich sind das säckeweise Brot und Kisten voll mit Gemüse und Obst.
Wie eine Insel liegt die Raußmühle im Meer der Monokulturen, sie ist umgeben von konventionell genutzten Äckern. Auch das Eppinger Gewerbegebiet ist längst auf Sichtweite herangewachsen. Frank Dähling sagt: "Obwohl wir hier zivilisiert leben, wird die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation bei uns besonders deutlich." In den letzten vier Jahrzehnten hat er viel dafür getan, dass sein Hof zu dieser ökologischen Insel werden konnte. Er hat über 600 Bäume gepflanzt, darunter seltene Arten wie Speierling oder Elsbeere. Er hat Pflanzen wieder heimisch gemacht, darunter Wild- und Heilkräuter wie Herzgespann oder Beinwell. Er hat Teiche angelegt. Biotope sind entstanden. Entlang der Elsenz, die im Rücken der Mühle fließt und die über Jahrhunderte das Mühlrad angetrieben hatte, hat sich eine intakte Auenlandschaft entwickelt. Vor allem hat Frank Dähling aber eines getan: Er hat die Natur größtenteils sich selbst überlassen. Das Ergebnis ist eine überwältigende Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen. Pirol, Nachtigall, Eule, Turmfalke, verschiedene Arten Kleiber, Spechte und Baumläufer, Zilpzalp, Zeisig und Zaunkönig. Im Umkreis von 50 Metern um den Hof haben sich 48 Vogelarten angesiedelt. Insgesamt hat man 465 Pflanzen gezählt. So ist zumindest der Stand der letzten Zählung von vor 15 Jahren. Wie viele es heute sind, weiß der gebürtige Heidelberger nicht genau. Die Zahlen sind ihm auch gar nicht so wichtig.
Man glaubt zu sehen, dass Frank Dähling viel nachgedacht in seinem Leben. Seine Stirn zieren beeindruckende Falten - Denkfalten. Er hat lange, weiße Haare und trägt einen langen, weißen Vollbart. Er sieht aus wie ein gealterter Widerstandskämpfer. Er ist ein in die Jahre gekommener Widerstandskämpfer. Und wenn er in seinem wild wuchernden Garten beim Frühstück sitzt, hebt er manchmal tatsächlich noch drohend die Faust, wenn wieder einmal eines der riesigen Erntemonster vorbeirauscht und man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. "Das ist die moderne Landwirtschaft", ruft er in das Dröhnen des Mähdreschers hinein. "Und dort hinten", jetzt deutet er auf das benachbarte Maisfeld, wo alles in Reihe wächst, "da endet die ökologische Vernunft." Frank Dähling ist das, was man ein Unikum nennt, ein Solitär, der seine Macken und Marotten hat und auch auslebt, der beharrlich Widerstand leistet gegen den Triumph der Industrialisierung.





Kommentare zu "Insel im Meer der Moderne"
Dazu fällt mir nur ein einziges Wort ein, dass diese ganze Idee und das Lebenswerk dieses Mannes beschreiben kann: beeindruckend! Es sollte mehr solche Leute geben, auch wenn ich glaube, dass wir dann erst recht Probleme mit der Ernährung hätten - andererseits; eigentlich produzieren wir zu viel und werfen es lieber weg als es denen zu geben, die es am nötigsten haben....ein endloses Thema, über das ich mich jedes Mal aufregen könnte. MfG E. Renje