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GEO Magazin Nr. 10/11 Seite 1 von 2


Invasive Arten: Was heißt hier "fremd"?

Warum wir endlich aufhören sollten, Tier- oder Pflanzenarten als "fremd" oder "heimisch" zu beurteilen. Ein Plädoyer des Biologen Josef Reichholf

Text von Josef Reichholf

Josef Reichholf lehrte bis 2010 als Professor an beiden Münchner Universitäten zum Thema Naturschutz, Ökologie und Evolutionsbiologie. Seine hier vorgestellten Thesen vertieft er
unter anderem in seinem Buch "Die Zukunft der Arten" (Foto von: picture-alliance/dpa)
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Josef Reichholf lehrte bis 2010 als Professor an beiden Münchner Universitäten zum Thema Naturschutz, Ökologie und Evolutionsbiologie. Seine hier vorgestellten Thesen vertieft er unter anderem in seinem Buch "Die Zukunft der Arten"

Die Protagonisten der Ausrottung nehmen kein Blatt vor den Mund: Die Fremden, sagen sie, sind ein riesiges Problem. Für Einheimische und Wirtschaft. Sie kosten Geld, verderben das vertraute Bild und bergen die Gefahr der Ansteckung. Ihrem Vormarsch muss Einhalt geboten werden. Am besten wäre es, sie wieder ganz auszurotten und den alten Zustand, den guten, wiederherzustellen. Für dieses edle Ziel sind Übertreibungen erlaubt. Sonst wird die Gefahr womöglich zu spät erkannt, und die "Aliens", die "Invasiven", die "gebietsfremden Arten" haben sich unausrottbar bei uns eingenistet - neben dem Klimawandel die größte Bedrohung für die Lebensvielfalt im 21. Jahrhundert. Sie gehören einfach nicht hierher, weil ihr Platz anderswo ist; im Fernen Osten, Westen oder Süden. Wir wollen sie nicht, weil sie sich auf unsere Kosten "wie ein Krebsgeschwür ausbreiten, infiltrierend, metastasierend!". So war es in der Zeitschrift "Nationalpark" vor über 20 Jahren zu lesen. Kaum weniger zurückhaltend äußern sich die Autoren im soeben erschienenen Buch "Unheimliche Eroberer" über invasive Pflanzen und Tiere in Europa und treffen damit die Grundstimmung breiter Kreise in Naturschutzorganisationen und -behörden.


Bisamratte: Im Bayerischen Wald konnte der Fischotter nur dank dieses Einwanderers aus Nordamerika überleben (Foto von: picture alliance / Reiner Bernhardt )
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Bisamratte: Im Bayerischen Wald konnte der Fischotter nur dank dieses Einwanderers aus Nordamerika überleben

Harte Fakten sind bei dieser Wertung allerdings kaum im Spiel. So mahnten denn auch im Wissenschaftsmagazin "Nature" kürzlich der Biologe Mark Davis und 18 weitere international führende Ökologen zu weniger Emotion und mehr Vernunft: "Beurteilt die Arten nicht nach ihrer Herkunft". Die Annahme einer geradezu apokalyptischen Bedrohung der Biodiversität durch eingeführte Spezies sei überhaupt nicht durch entsprechende Befunde gestützt. Die hohen Kosten der versuchten Wiederausrottung, wie etwa der Kaninchen in Australien oder der Ziegen auf Galapagos, hätten nicht gelohnt. Die Aktionen waren, abgesehen von den speziellen Fällen auf kleinen ozeanischen Inseln mit besonderen Arten, letztlich nutzlos - und unnötig.

So mancher Naturschützer mag das vielleicht nicht begreifen wollen, aber gebietsfremde Arten haben auch Vorzüge. So ernähren sich Zigtausende von Tauchenten von vorderasiatischen Wandermuscheln, die sich im vergangenen Jahrhundert stark in Europa ausgebreitet haben. Die einst in den Südbuchenwäldern Patagoniens für den Pelzhandel ausgesetzten kanadischen Biber schufen mit ihren Dämmen neue Brutgewässer für seltene Wasservögel. In den fischfreien Bächen des Bayerischen Waldes überlebten die letzten Fischotter nur dank einer neuen Beute, der Bisamratte - einem Fremdling aus Nordamerika. Und derzeit geht es den ansonsten global in Bedrängnis gekommenen Honigbienen gut in den Städten, weil dort im Gegensatz zur öden Flur fast das ganze Jahr jede Menge ausländischer Blumen blühen.


Ein Umdenken ist nötig
Die Feinde, die unsere Vielfalt wirklich bedrohen, sind nicht die fremden Arten, sondern vielmehr höchst erfolgreiche "Einheimische" und die Hochleistungslandwirtschaft. Erst der industrielle Ackerbau hat einige wenige fremde Spezies "invasiv" gemacht, weil er ihnen im wahrsten Sinne des Wortes den Nährboden bereitet hat. So wuchern etwa Riesenbärenklau, Drüsiges Springkraut und Riesenknöterich nicht, weil sie "böse Arten" sind, sondern weil sie Unmengen von Nährstoffen serviert bekamen, die sie zum prächtigen Wachstum verleiten. Mehr als dreieinhalb Meter hoch wird der Riesenbärenklau, entfaltet halbmetergroße Blütenteller und bildet schier undurchdringliche Wälder. Im 19. Jahrhundert zur Verbesserung der Bienenweide aus Asien eingeführt, locken seine Blütenstände viele Insekten. Naturschützer, die ihn nun wieder bekämpfen wollen, brauchen Schutzanzüge, weil die Pflanzen bei Sonnenschein und Berührung mit nackter Haut heftige phototoxische Reaktionen mit schlecht heilenden "Brandwunden" hervorrufen.

So rücken manche Rodungstrupps wie in Science-Fiction-Filmen dem Riesen mit Flammenwerfern zu Leibe. Vergleichsweise harmlos sind dagegen das aus Asien stammende Drüsige Springkraut und der Riesenknöterich. Sie wuchern nur. Das Springkraut galt mit seinen schönen weißen, rosafarbenen und roten Blüten Anfang des 20. Jahrhunderts als die "Orchidee des Kleingärtners".



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Kommentare zu "Was heißt hier "fremd"?"

Fritz Raddatz | 19.05.2013 13:37

Ja da hat Jemand mal ein wahres Wort gesprochen.

Denn fremde Arten können nur erfolgreich sein, wenn die Einheimischen keine Abwehrmechanismen haben bzw. entwickeln.
Das gehört mit zur "Gottgewoltenen Evoulution", falls Es einen "Schpöfer gibt"?

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