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Fischereipolitik: "Zustand der Bestände schlechter als gedacht"

Rainer Froese, Biologe am Kieler GEOMAR-Institut, gilt als kritischer Kopf in der Fischereiforschung. Wir sprachen mit ihm über die Überfischung der Meere - und wie sie abgeschafft werden kann


Dr. Rainer Froese ist Meeresökologe am GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung in Kiel (Foto von: GEOMAR)
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Dr. Rainer Froese ist Meeresökologe am GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Herr Froese, was ist "Überfischung", streng genommen?
Man spricht von Überfischung, wenn mehr Fische gefangen werden als nachwachsen. Der Fischbestand schrumpft dann, bis er so klein ist, dass er nur noch geringe Fänge liefern kann. Ein weiterer Schwellenwert ist die Bestandsgröße, unterhalb derer die erfolgreiche Fortpflanzung gefährdet ist. Das europäische Fischereimanagement hat unsere Bestände planmäßig knapp über dieser Grenze zum Zusammenbruch gehalten.

Was genau meinen Sie mit "Fischbestand"?
Als Fischbestand werden die Fische einer bestimmten Art in einem bestimmten Gebiet bezeichnet, wie etwa der Hering in der Nordsee. Die Fische pflanzen sich überwiegend innerhalb des Bestandes fort, haben also wenig genetischen Austausch mit benachbarten Beständen, wie etwa dem Hering in der westlichen Ostsee.


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Und was kennzeichnet einen überfischten Bestand?
Ein überfischter Bestand besteht hauptsächlich aus kleinen Fischen, die nur noch einen Teil seiner natürlichen Fress- und Laichgebiete abdecken. Die Fortpflanzung ist gefährdet und der Bestand kann seine Rolle im Ökosystem nicht mehr wahrnehmen. Damit verändert sich auch das Ökosystem, vor allem, wenn man die größeren Raubfische herausnimmt. Dann wird die Nahrungspyramide von Top-Predatoren, also Räubern, zu Pflanzenfressern flacher, weniger divers, fragiler, weniger produktiv. Die Folge im Extremfall: Neue Arten wie etwa Quallen dominieren das Ökosystem. Die Fluktuationen sind insgesamt stark, wenig ist vorhersagbar. Für die Fischerei heißt das: geringe Erträge, hoher Aufwand und Kosten. Und kaum die Möglichkeit, selektive Fangmethoden einzusetzen, wie spezielle Netze oder Fischfallen. Man muss überall fischen, um überhaupt etwas zu bekommen - was die Krise verstärkt. Solche Fischereien können nur am Leben bleiben, wenn man Steuergelder hineinpumpt, wie in der EU.


Nach Angaben des WWF sind die Bestände des Gelbflossenthunfischs fast überall auf der Welt überfischt (Foto von: Jay Directo/AFP/Getty Images)
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Nach Angaben des WWF sind die Bestände des Gelbflossenthunfischs fast überall auf der Welt überfischt

Die Fischereibericht der Welternährungsbehörde FAO sieht das entspannter ...
Die Methoden und Daten, die dem Bericht zugrundeliegen, kann man hinterfragen. Zusammen mit Daniel Pauly, einem der renomiertesten Fischereiforscher weltweit, habe ich mir das internationale Niveau einmal angeschaut. Und dabei stolperten wir über einen Satz im Weltfischereibericht 2010, der besagt, dass die globalen Fänge "stabil" sind. Die Botschaft, die daraus hervorgeht: die Fänge sind nachhaltig, kein Grund zur Besorgnis. Das wollten wir nicht so stehen lassen, haben es untersucht. Und herausgefunden, dass es so nicht stimmt.

Wie sind Sie in ihrer Studie vorgegangen?
Wir haben zuerst einmal die vorliegenden chinesischen Zahlen herausgenommen, weil die sehr unsicher sind, aber einen großen Einfluss auf das Gesamtbild haben. Dabei haben wir festgestellt, dass die Fänge in den letzten Jahren geringfügig zurückgegangen sind. Man könnte aber sagen: Sie sind fast stabil. Aber wir müssen uns natürlich gleichzeitig die Zahlen zur Fischereiflotte vergegenwärtigen. Und da sehen wir, dass es bei Treibstoffverbrauch, Ausgaben für Fangtechnik und den Kosten insgesamt Anstiege gibt.

Was bedeutet das?
Der Aufwand ist enorm gestiegen, um dieselbe Menge oder etwas weniger zu fangen als früher. Der logische Schluss daraus: Es sind weniger Fische da.



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