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GEO Magazin Nr. 11/07 Seite 1 von 4


China: Der schwarze Riese

Aufgestiegen zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Erde, Rekorde brechend in Produktion und Export - nichts scheint die Erfolgsgeschichte der Volksrepublik China aufhalten zu können. Außer China selbst. Denn immer deutlicher zeigt sich, wie eine ohne Rücksicht auf Menschen und Umwelt betriebene Industrialisierung die Lebensgrundlagen des 1,3-Milliarden- Volkes zerstört. Zum Beispiel in der boomenden Kohleregion Wuhai

Text von Tilman Wörtz und Florian Hanig

Baggerschaufeln reißen Löcher in Ziegelwände, ein Schornstein sackt in sich zusammen, Staubwolken wallen auf. Einem Kleinbus entsteigen Männer in blauen Uniformen, begutachten die Trümmerhaufen, machen sich Notizen. Blende. Und nun sehen wir neue Fabriken aus blitzendem Stahl in die Höhe schießen, auf grüner Wiese, und der Himmel ist blau auf diesem Videofilm, der den Abriss von Dreckschleudern und den Aufbau moderner Industrien dokumentiert. Das Licht im Konferenzsaal des Umweltamtes von Wuhai geht an, sieben Beamte lächeln uns zu: So wie uns vorgeführt sieht es im Norden Chinas jetzt aus, sollen wir glauben. Doch als wir, unangemeldet, im 40 Kilometer entfernten Industriepark von Wuhai ankommen, stehen wir in einem anderen Bild: einer Albtraum-Landschaft aus Fabriken, Kraftwerken und Minen. Kein Sonnenstrahl dringt durch diese Abgase.


Hunderte von Kokereien, Fabriken, Minen und Kraftwerken, deren Abgase den Himmel verdunkeln: Das ist Chinas neuer Industriekorridor, der sich in den Autonomen Regionen
Ningxia und Innere Mongolei zu beiden Seiten des Gelben Flusses erstreckt (Foto von: Lu Guang)
© Lu Guang
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Hunderte von Kokereien, Fabriken, Minen und Kraftwerken, deren Abgase den Himmel verdunkeln: Das ist Chinas neuer Industriekorridor, der sich in den Autonomen Regionen Ningxia und Innere Mongolei zu beiden Seiten des Gelben Flusses erstreckt

Der Gestank beißt zu

Wir begegnen Kindern, bei denen sich der Kohlenstaub so tief in jeder Hautfalte festgesetzt hat, dass sie wie kleine Greise aussehen; Fabrikarbeiterinnen, die sich Kopf und Gesicht zum Schutz vor dem Smog mit Baumwolltüchern umwickelt haben, und deren rot entzündete Augen unter dem Stoff zu glühen scheinen. Ein ganz anderes China als jenes auf dem Video der Umweltbehörde, noch aber das wahre. Sein rasanter Aufstieg zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt in nur drei Jahrzehnten hat China in großen Teilen verwüstet. 23 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen besitzt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser; nur ein Prozent der 560 Millionen Stadtbewohner atmet Luft, die etwa nach den Grenzwerten der Europäischen Union verträglich ist. 20 der 30 Städte mit der höchsten Luftverpestung weltweit liegen nach Auskunft der Weltbank in China.


Nach Ende der Schicht an einem Kalkofen kehrt ein Ehepaar
in seine Unterkunft zurück - die Frau noch mit Verbandsmull
und Wollschal gegen den ätzenden Staub vermummt: zwei von
Millionen chinesischer Wanderarbeiter  (Foto von: Lu Guang)
© Lu Guang
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Nach Ende der Schicht an einem Kalkofen kehrt ein Ehepaar in seine Unterkunft zurück - die Frau noch mit Verbandsmull und Wollschal gegen den ätzenden Staub vermummt: zwei von Millionen chinesischer Wanderarbeiter

Und all das, obwohl Premierminister Wen Jiabao und Parteichef Hu Jintao, im Amt seit 2002, den Schutz der Umwelt zur Chefsache erhoben haben. Und jeder Gouverneur, jeder Bürgermeister, so heißt es, soll fortan nicht nur über den ökonomischen, sondern auch über den ökologischen Fortschritt Rechenschaft ablegen. Sein Land, behauptete Wen Jiabao beim Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel im August 2007, werde "nicht den Fehler wiederholen, erst zu verschmutzen und dann zu sanieren". Es hat diesen Fehler längst begangen. Und anders als die Gesellschaften in Europa, den USA und Japan, die sich dem Umweltschutz zuwenden konnten, nachdem sie es zu Wohlstand gebracht hatten, droht China an den Nebenwirkungen der Industrialisierung zu ersticken, noch bevor es einen vergleichbaren Lebensstandard nur annähernd erreicht hat.


Der größte Industriepark Chinas

"Willkommen im größten Industriepark Chinas für Energie-intensive Produktion", ist auf einem Schild am Rande der Nationalstraße 109 zu lesen. Der Name Wuhai, "Schwarzes Meer", verweist auf die riesigen Kohlevorkommen, die in dieser Region schon wenige Meter unter der Erdkrume lagern. Die Stadt wurde 1958 auf Befehl Maos in die Steppe gebaut, mit Kokereien, die Kohle für ein Stahlwerk im sechs Stunden entfernten Baotou veredeln sollten. Das Ende der sozialistischen Planwirtschaft bedeutete in den 1990er Jahren zunächst den wirtschaftlichen Kollaps für die Region Wuhai. Einwohner berichten, dass sie nicht einmal genug zum Essen hatten, während die Menschen in den Metropolen entlang der Küste zur selben Zeit einen enormen Wohlstandsschub erlebten. Die Stadtoberen lockten Investoren aus Shanghai, Wenzhou oder Beijing an, indem sie andeuteten, dass man es mit Auflagen hier nicht so genau nehme. "Es ging nur um Wachstum, Wachstum, Wachstum", erinnert sich Zhu Jianhong, Vizedirektor der Umweltbehörde in der geschundenen Stadt. Weniger Zulassungen hätten das Wachstum gedrosselt, die Zahl der Fabriken nicht von vier auf 400 in nur acht Jahren anwachsen lassen.



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Kommentare zu "China: Der schwarze Riese"

Steffen | 13.11.2007 16:15

Der Bericht ist ziemlich erschreckend. Es ist schon sehr traurig, wozu wir Menschen im Namen des Wachstums fähig sind. Man sollte dabei nicht die globalen Zusammnehänge vergessen, d.h. alle führenden Industrienationen profitieren sehr wohl von dem Wirtschaftsriesen China, und zwar in nicht unerheblichen Maße. Was im Artikel beschrieben wird, sind die Auswirkungen im Land selbst, alles zu Lasten derer, die keine "Stimme" haben. Und man möge bitte beachten, 2006 war die USA der führende Produzent von CO2. Beitrag melden!

Floh | 13.11.2007 12:15

Sehr guter Artikel. Wenn mehr Interesse an der Problematik besteht kann ich nur die Veranstaltng "Eine Welt - Eine Zukunft: Dicke Luft über Asien" empfehlen welche am 21.11.2007 in der Berliner Kalkscheune stattfindet. Dort findet eine Podiumsdiskussion mit führenden Vertretern aus Umwelt, Politik und Medien statt zu genau dem Thema was im Artikel angesprochen wird. Der Autor des Artikels wird ebenfalls an der Diskussion teilnehmen. Genauso wie das Publikum dass herzlich dazu eingeladen ist mitzudiskutieren. Weitere Infos gibts unter: www.einewelteinezukunft.de Beitrag melden!

dotti | 12.11.2007 11:10

Ich bin zurzeit in China und erlebe, was hier beschrieben wird, direkt oder indirekt mit einigen Augen.
Das Problem liegt meiner Meinung nach an grundlegenden - zwar auch kulturell begruendeten, aber auch sehr veralteten - Denkweisen und Einstellungen.

Der Umgang der Menschen miteinander hier und auch deren Bezug zur Natur und deren mangelde langfristige Denkensweise sowie die traurige Tatsache, dass man hier in diesem Land offensichtlich mit "linken" Mitteln schneller und guenstiger zu Erfolg und Wohlstand kommen kann, ist sicher einer der Hauptgruende.
Dieser Artikel zeigt mir eher, dass man dieses Land dennoch viel mehr (aber mit Vor- & Nachsicht) unterstuetzen muss und mit westlichen Erfahrungen bereichern sollte. Leider laesst die Chinesische Regierung dies nur begrenzt zu und beschaeftigt sich vielleicht erschreckend viel mit dem Ansehen des Landes nach aussen hin, als nach innen.

Produkte "Made in China" stehen ebenso fuer Hilferufe, wie: "Ich will doch nur ueberleben!" Beitrag melden!

Saakow Valerij | 06.11.2007 13:28

Vielen Dank für diese Artikelreihe, die uns deutlich zeigt, auf welche Weise chinesische Regierung das Leben des eigenen Volkes "verbessert". Ich lebe in der Ukraine und habe schon als Kind dasselbe in meinem Heimatland gesehen, wenn die Kommunisten im Namen des "Fortschrittes" und "Wohlstandes" unsere Umwelt zerstört haben. Die chinesischen Kommunisten haben zu ähnlichen Methoden gegriffen, um dei Welt mit den erstaulichen Wachstumsraten zu bewundern. Aber nach dem Lesen Ihren Artikel bin ich auch fest entschlossen, chinesische Produkte, die bei uns auch in Hülle und Fülle sind zu meiden. Beitrag melden!

Sandra | 04.11.2007 09:14

Dieser Artikel bestätigt uns , dass was wir schon längst über China kennen oder kennen gelernt haben, es ist der Maßen zu schockieren. So ein Ereigniss gibt es noch nicht mals in den ärmsten Ländern der Welt. Aber das schockierende ist wie sich die chinesiche Regirung über den Namen des Wirtschaftswachstumes und den "Fortschritt" mit Mensch un Natur aber sowohl auch mit Ihrem eigenem Land angeht. Es ist daher besser wenn man auf den Produkt kauf dieses Jahres oder in der Zukunft darauf achtet, MAde in China nicht mehr zu kaufen..
Beitrag melden!

one world-one love | 02.11.2007 10:13

Dieser Artikel bestätigt, was viele schon lange wissen: nämlich dass der vielgepriesene Wirtschafsaufschwung in China gewaltige soziale und ökologische Schäden verursacht. Eine manipulative und in ihrem ökologischen Bewusstsein sehr ignorante "Wirtschaftselite" will uns glauben machen, in Ländern wie China oder Indien und Brasilien würde billiger produziert, und verschleiert dabei in kriminell zu nennender Weise die ökologischen und sozialen Folgeschäden.
Vorallem Lebensmittel aus China und den anderen Schwellenländern meiden - unbedingt einheimische Produkte bevorzugen und die lokale Land- und Gartenwirtschaft fördern.
Beitrag melden!

Jörg Labeau | 01.11.2007 18:09

Unglaublich intensiver und schockierender Artikel!
Man fühlt sich direkt in die Epoche der Industrialisierung zurückversetzt!
Dank an das Geoteam! Beitrag melden!

Dirk Donning | 31.10.2007 07:11

Sehr geehrte GEO-Redaktion,
als langjähriger GEO-Abonnent hat mich lange kein Artikel mehr so geschockt und betroffen gemacht, wie dieser Bericht über China. Es ist unfassbar wie die chinesische Regierung im Namen von Wirtschaftswachstum und "Fortschritt" mit Menschen und Natur umgeht. Ihr Bericht erinnert mich an einen in meinen Augen sehr guten Autoaufkleber, der da lautet: "Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen und der letzte Fluß verseucht ist, werdet Ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann!" (sinngemäß).Ich werde in Zukunft noch mehr als sonst darauf achten, keine Produkte mehr mit dem Zusatz "Made in China" zu kaufen. Beitrag melden!


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