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GEO Magazin Nr. 09/14 Seite 1 von 2


Artenvielfalt: Europas letzter wilder Fluss

Die Vjosa im Süden Albaniens ist der letzte ungezähmte Fluss Europas. Und bietet vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten eine Heimat. Seine beeindruckende Artenfülle untersuchten Biologen beim GEO-Tag der Artenvielfalt im Sommer 2014

Text von Tilman Botzenhardt

An manchen Stellen ist das Flussbett der Vjosa mehr als zwei Kilometer breit. Dieser wilde Flussabschnitt nahe Tepelena könnte in einem geplanten Stausee bei Kalivaç untergehen (Foto von: Romy Durst)
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An manchen Stellen ist das Flussbett der Vjosa mehr als zwei Kilometer breit. Dieser wilde Flussabschnitt nahe Tepelena könnte in einem geplanten Stausee bei Kalivaç untergehen

Der Star des Vormittags misst gerade mal einen Zentimeter, leuchtet gelb in der Sonne und landet auf dem Arm einer albanischen Studentin. Aufregung unter den Experten aus Deutschland und Österreich: „Nicht wegfliegen lassen!“ Wenig später liegt das Tier unter dem Mikroskop von Wolfram Graf, einem Experten für aquatische Insekten von der Wiener Universität für Bodenkultur: Xanthoperla apicalis, eine seltene Spezies aus der Gattung der Steinfliegen. Seit Jahren, sagt Grafs Münchner Kollege Ullrich Heckes sichtlich bewegt, sei ihm diese Art nicht mehr begegnet.

Kein Wunder: Denn Xanthoperla ist wählerisch, wenn es um ihren Lebensraum geht. Richtig wohl fühlt sich die Steinfliege nur an ursprünglichen, intakten Fluss-Ökosystemen. Und die sind selten geworden in Europa. In Mitteleuropa gibt es sie fast gar nicht mehr.


Rosaflamingo (<em>Phoenicopterus roseus</em>) in der Narta-Lagune im Vjosa-Delta (Albanien) (Foto von: Ferdinand Bego)
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Rosaflamingo (Phoenicopterus roseus) in der Narta-Lagune im Vjosa-Delta (Albanien)

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Auf dem Balkan aber existieren sie noch - Flüsse, die sich auf ihrem Weg von den Bergen ins Meer ungestört einen Pfad durch Schluchten, Täler und Ebenen wühlen können. Die ihren Lauf nach Frühlingshochwassern mal hierhin, mal dorthin verlegen, sich immer neue Wege durch die von ihnen selbst angeschwemmte Kies- und Sedimentlandschaft suchen. Und dabei in Altarmen, auf Schotterbänken oder unter Auwäldern zahlreiche Biotope für Lebensraum-Spezialisten wie Xanthoperla schaffen.

Die Vjosa im Süden Albaniens ist so ein Fluss. Über 270 Kilometer, vom Grenzgebirge zu Griechenland bis hinab zum Mündungsdelta an der Adria, bahnt sie sich frei ihren Weg. Bis zu zwei Kilometer breit ist das Schotterbett, in dem sich ihr Flusslauf im Tal hin- und herwühlt: Kein Deich, keine Mauer, kein Staudamm engen ihn ein. Stattdessen: natürliche Lehmwände, in denen Uferschwalben und Bienenfresser nisten. Zeitweilig trockenliegende Inseln und Flussränder, auf denen Tamarisken und Strauchplatanen wachsen, Altarme und Nebengewässer, in denen Kaulquappen wuseln, Jungfische schwärmen und Libellen taumeln. An jedem Stück Totholz, unter jedem Stein wimmelt das Leben.


Damit das so bleiben möge, hat sich an diesem Juni-Wochenende eine Gruppe von rund 40 Wissenschaftlern, Studenten und Naturschützern im kleinen Ort Poçem an der Vjosa versammelt. Anlässlich des GEO-Tags der Artenvielfalt wollen Experten aus Albanien und Mazedonien, aus Frankreich, Österreich und Deutschland gemeinsam einen Eindruck von der Biodiversität an diesem weitgehend unerforschten Flusslauf gewinnen. Initiiert hat das Treffen der in Wien lebende Biologe Ulrich Eichelmann, dessen Organisation Riverwatch beharrlich für den Erhalt der Wildflüsse des Balkans kämpft: "Zurzeit wissen wir wahrscheinlich mehr über die Artenvielfalt am Amazonas", sagt Eichelmann, "als über die an der Vjosa - dem letzten großen unberührten Fluss in Europa."

Gemeinsam mit der Stiftung Euronatur und dem albanischen Naturschutzverband PPNEA möchte Eichelmann die Vjosa zum Nationalpark erklären lassen - damit sie frei bleiben kann von Wasserkraftwerken, der größten Gefahr für die Flussbiotope des Balkans. Mehr als 570 Staudämme sollen in den nächsten Jahren in der Region entstehen, acht davon an der Vjosa. Die Anrainerstaaten setzen große Hoffnungen in die erneuerbare Energie aus Wasserkraft. Und laufen dabei Gefahr, Ökosysteme zu vernichten, die so nirgendwo sonst auf unserem Kontinent mehr existieren. Noch befinden sich mehr als 80 Prozent der größeren Flüsse und Bäche des Balkans in einem ökologisch guten oder sehr guten Zustand. Mit der Kampagne "Rettet das blaue Herz Europas" wollen die Naturschützer zumindest die besten von ihnen erhalten.



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