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Kuh-Altersheim: Animal Farm

Dies ist die Geschichte einer 23-jährigen Kuh, einem Schwein, das immer im Mittelpunkt stehen will, und 50 Hühnern, die alle Bärbel oder Elvira heißen. Und es ist die Geschichte von Jan Gerdes und Karin Mück, die einen Bauernhof zu einem Altersheim für Tiere gemacht und eine Entscheidung getroffen haben: Landwirtschaft ja, Tierwirtschaft nie wieder

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Weit im Nordwesten Niedersachsens, wenige hundert Meter bevor das Meer beginnt, wächst Gras und sonst nicht viel. Der Boden des Wesermarschlandes ist weit über 1000 Jahre alt und durch die Landwirtschaft längst ausgezehrt. Das Einzige, was hier noch halbwegs funktionieren kann, ist die Haltung von Milchvieh. Es sind satte Weiden mit weitem Blick bis zum Horizont, der hier ein mit Gras bewachsener Deich ist. Grüne Wiese, flaches Land - vermutlich ist Butjadingen, die kleine Halbinsel zwischen Wilhelmshaven und Bremerhaven, der schönste Platz, den eine Kuh sich vorstellen kann. Vielleicht sogar ein Ort, wo sie alt werden wollte, wenn man sie ließe.


Jan Gerdes und Karin Mück mit Lui, dem ehemaligen Zirkusschwein, und zweimal Bärbel (Foto von: Oliver Lück)
© Oliver Lück
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Jan Gerdes und Karin Mück mit Lui, dem ehemaligen Zirkusschwein, und zweimal Bärbel

Inmitten dieser Flachlandidylle gibt es tatsächlich einen Ort, wo Kühe nicht gemolken und Pferde nicht geritten werden, wo Hühner ihre Eier behalten dürfen und Schweine nicht zu Wurst werden sollen - wo Tiere nicht gehalten werden, weil sie einen Nutzen haben müssen, sondern einfach leben dürfen. Anderswo heißen vergleichbare Projekte Gnadenhof. Jan Gerdes und Karin Mück finden Lebenshof schöner. Oder Kuhaltersheim, wie sie selber sagen. Die beiden Mittfünfziger leben hier mit 35 Kühen, zwei Pferden, acht Katzen, fünf Hunden, vier Schweinen, 50 Hühnern, acht Enten, vier Gänsen und zwei Dutzend Kaninchen.


Jedes Tier hat einen Namen

Viele der Tiere haben sie aus Zuchtanlagen und Legebatterien befreit oder Versuchslaboren abgekauft. Mastercard, Zwergenmann, Gisela, Herr und Frau Karger - alle Tiere bekommen einen Namen. Aus zwei von Millionen Mastschweinen werden Else und Erna. Beide groß wie Badewannen, beide mit einer Rippe mehr, als die Natur es vorgesehen hat - hinzugezüchtet für die Fleischtheke im Supermarkt. Und nur bei den vielen Hühnern muss es mit dem Namen einfacher gehen: Die Weißen heißen alle Bärbel, die Rotbraunen Elvira. Nur das eine mit der besonders tiefen Stimme haben sie Frau Klemm genannt, nach der kettenrauchenden Staatsanwältin aus dem Münsteraner Tatort.


Else (r.) und Erna sind Ex-Laborschweine. Beide haben eine Rippe mehr gezüchtet bekommen - für die Fleischtheke (Foto von: Oliver Lück)
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Else (r.) und Erna sind Ex-Laborschweine. Beide haben eine Rippe mehr gezüchtet bekommen - für die Fleischtheke

Anfangs mussten sie die schreckhaften Hühner noch bei jedem Schritt begleiten. Sie waren zwar an Menschen gewöhnt, Wind und Regen aber waren ihnen fremd. Die Enten mussten erst schwimmen lernen, sie kannten kein Wasser. Und auch Manuela, eine Kuh aus dem Versuchslabor einer Universität, hatte vier Jahre lang nur gekachelte Räume gesehen. Sie wurde mit einem Loch im Bauch, so große wie das Bullauge einer Waschmaschine, nach Butjadingen gebracht. Diese Öffnung, eine so genannte Pansenfistel, wird den Tieren seitlich herausgeschnitten. Es gibt einen Schraubverschluss, durch den man in den Pansen der Kuh greift und den Mageninhalt herausnimmt und untersucht. So kann Futter entwickelt werden, das die Milchkühe noch effizienter werden lässt. Heute hat Manuela nur noch ein kleines Loch, aus dem hin und wieder Pansensaft herausspritzt, oder es zischt, da Gase entweichen. Das Geld für die nächste Operation wird noch gesammelt.



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