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Serie: Wir Mobilitätsbastler

Wer viel rumkommt, muss noch lange kein Auto besitzen. Denn das kann man sich dank verschiedener Plattformen ganz einfach teilen. Im zweiten Teil unserer Serie zur Share Economy geht es um Mobilität


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In einer Großstadt braucht man kein eigenes Auto, der Meinung bin ich schon lange. Im Sommer nehme ich das Fahrrad, im Winter oder bei zu viel Regen Bus oder Bahn, für schnelle Wege und große Einkäufe zwischendurch ein Taxi. Ich bastle mir meine Mobilität nach Bedarf zusammen. Seit vor einiger Zeit neue Carsharing-Angebote auf den Markt kamen, miete ich mir öfter auch mal einen Smart von Car2go oder einen Mini von Drivenow. Die stehen in Berlin mittlerweile fast an jeder Ecke, einfach mit dem Smartphone orten und reservieren, einsteigen und irgendwo wieder abstellen. Je nach Anbieter kostet das etwa 30 Cent pro Minute, Benzin inklusive. Das ist günstiger als ein Taxi. Um die 2000 solcher Fahrzeuge gibt es in Berlin - für mich 2000 Gründe weniger, ein eigenes Auto zu kaufen.


Privates Carsharing funktioniert, dank Menschen wie Jules Esick (22), die ihr Auto so leichter finanzieren können (Foto von: Mirco Lomoth)
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Privates Carsharing funktioniert, dank Menschen wie Jules Esick (22), die ihr Auto so leichter finanzieren können

Autoteilen ganz spontan

Spontanes Carsharing trifft einen Nerv unserer Zeit. Es spricht Menschen an, die bestimmte Dinge lieber teilen wollen, statt sich mit Eigentum zu belasten. Vielleicht aus innerer Überzeugung, weil sie die Umwelt schonen wollen, vielleicht aus wirtschaftlichem Denken heraus: Ein gekaufter Mini Cooper, wie Drivenow ihn anbietet, kostet laut ADAC 489 Euro im Monat, wenn man Werkstattkosten und Wertverlust mitrechnet. Ganz schön teuer dafür, dass er die meiste Zeit am Straßenrand steht, wie fast alle privaten Autos.

Plattformen wie nachbarschaftsauto.de, www.tamyca.de oder www.autonetzer.de wollen auch diese unbewegte Fahrzeugmasse für gemeinschaftliche Nutzung erschließen. Die Logik dahinter: Wer wenig fährt, kann sein Auto anderen Menschen gegen Geld leihen und so vielleicht die Fixkosten decken, um Abwicklung und Versicherung kümmern sich die Verleihplattformen. Rund 9000 private Fahrzeuge bieten sie deutschlandweit bereits an und es kommen immer mehr dazu. Ich frage mich, ob dadurch am Ende wirklich weniger Autos gekauft werden oder Leute wie ich, die ohnehin kein Auto besitzen, mehr fahren. Fest steht jedenfalls, dass die meisten privaten Vermieter ältere Modelle mit weniger effizienten Motoren anbieten, als die kommerziellen Carsharer. Dennoch, es ist höchste Zeit, privates Carsharing auszuprobieren.


Die ganze Serie
  • › Share Economy

    Teilen, leihen, tauschen, verschenken - online und offline entstehen derzeit viele Angebote gemeinschaftlichen Konsums

Privates Carsharing lohnt sich

Also schaue ich online, ob in der Nähe ein bezahlbares Auto steht. Bei Nachbarschaftsauto finde ich drei Fahrzeuge im Umkreis von 600 Metern, das günstigste ist ein Citroën Saxo für 16 Euro pro Tag, bei Tamyca ein Opel Astra für 16,80 Euro. Beide frage ich an. Nach drei Stunden meldet sich der Eigentümer des Opel Astra per Mail, ich kann den Wagen ausleihen und zahle dafür vorab per Paypal die 16,80 Euro plus 9,40 Euro an Tamyca für die Versicherung. Der Citroën-Halter meldet sich nicht zurück. Die Übergabe am nächsten Morgen verläuft erfreulich schnell und unkompliziert. Der Astra gehört Julian, einem Studenten, der sich die Unterhaltskosten des Wagens aus den Einnahmen finanziert. Wir füllen ein Protokoll aus, er überreicht mir den Schlüssel und wünscht gute Fahrt. Anfangs rumpeln die Bremsen, aber das gibt sich nach den ersten Kilometern. Ich fahre quer durch Berlin zu verschiedenen Terminen, höre Julians AC/DC-Mix und fühle mich, als hätte ich mir das Auto von einem guten Freund geliehen. Am Abend tanke ich für 10 Euro, rufe Julian kurz an und gebe ihm Astra und Schlüssel zurück, Gesamtkosten mit Benzin für etwa 50 Kilometer: 36 Euro. Bei Car2go hätte ich für ein kleineres (aber neueres) Auto 59 Euro bezahlt, bei Flinkster, dem stationsgebundenem Carsharing der Deutschen Bahn, 48 Euro. Für mich steht fest: Privates Carsharing werde ich öfter nutzen, auch mal für eine Spritztour ins Umland.


Mit dem Lastenfahrrad ist man zwar nicht schneller, dafür aber umweltfreundlicher unterwegs (Foto von: Mirco Lomoth)
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Mit dem Lastenfahrrad ist man zwar nicht schneller, dafür aber umweltfreundlicher unterwegs

So wird die Angebots-Palette für Mobilitätsbastler immer größer. Einige alte Ideen bekommen Auftrieb durch die Möglichkeiten des mobilen Internets: Mit den Apps von mitfahrgelegenheit.de oder flinc.org kann man jederzeit Autofahrer finden, die in die gleiche Richtung unterwegs sind. Andere Anbieter erschließen ganz neue Mobilitätsbereiche für den gemeinschaftlichen Konsum: Bei deinbus.de teilt man sich einen Fernbus, mit der App Colexio sogar ein Taxi vom Münchner Flughafen, ab Sommer mit BetterTaxi wohl auch von den Berliner Flughäfen. Teilen hilft der Umwelt, das hört man immer wieder. Doch wer durch all die Angebote mobiler ist als vorher, verursacht schnell auch mehr Klimagase. Einige der Anbieter für spontanes Carsharing setzen daher Elektromotoren ein, während Tamyca vorrechnet, dass man mit jeder Fahrt aktiv CO2 einspart, weil das Auto im Unterschied zu "herkömmlichem Carsharing" nicht erst produziert werden müsse. Wer will, könne zudem die Wiederanpflanzung "afrikanischer Buschvegetation" mit 0,3 Cent pro Kilometer unterstützen und so den CO2-Ausstoß ausgleichen. Eine Einsparung ausgleichen? Gar nicht so einfach, durch Teilen die Umwelt zu schonen.

Möbelkauf mit Lastenfahrrad
Man darf also auch als Mobilitätsbastler öfter mal das Auto stehen lassen, auf Bus, Bahn oder eigenes Fahrrad umsteigen - oder auf ein geliehenes Lastenfahrrad. Auf der nicht-kommerziellen Plattform www.velogistics.net findet man private Lastenräder in der Umgebung, für Berlin sind 16 gelistet. Ich leihe mir eines von der "Zentralstelle für wieder verwendbare Materialien", es steht 500 Meter Luftlinie entfernt in einem Lager des ehemaligen Flughafens Tempelhof und hat vor dem Lenker eine riesige orangenfarbene Ladefläche mit zwei Rädern darunter. Ein Dreirad also. Ich bezahle 20 Euro für ein ganzes Wochenende, radle am Samstag zu einem schwedischen Einrichtungshaus und befördere mehrere Regale nach Hause. Es fährt sich einwandfrei, trotz Ladefläche und Ladung und ist noch dazu unterhaltsam, auch für die Menschen auf der Straße. Sie schauen interessiert, amüsiert, manche abschätzig. Ich jedenfalls bin zufrieden. Es ist ein weiterer Baustein für ein Leben ohne eigenes Auto.


Spontanes Carsharing: www.car2go.de (Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Köln, Stuttgart, Ulm, Wien), www.drivenow.de (Berlin, Düsseldorf, Köln, München), www.quicar.de (Hannover), www.zebramobil.de (München), www.multicity-carsharing.de (Berlin).

Privates Carsharing: In der Regel müssen Nutzer 23 Jahre alt sein und seit mindestens drei Jahren einen Führerschein haben. Die Anmeldung ist bei allen drei Anbietern kostenlos.
Nachbarschaftsauto (www.nachbarschaftsauto.de): Eine Buchung kostet die vom Vermieter festgelegte Leihgebühr plus eine Buchungsgebühr von 1,50 Euro. Die Versicherung kostet zusätzlich 4,50 Euro für drei Stunden, 5,80 Euro für 24 Stunden. Der Vermieter zahlt 15 Prozent Provision.
Tamyca (www.tamyca.de): Keine zusätzliche Buchungsgebühr, dafür ist die Versicherung ist etwas teurer: 4,90 Euro bis vier Stunden und 9,40 Euro für 24 Stunden. Wie bei Nachbarschaftsauto muss der Vermieter 15 Prozent Provision bezahlen.
Autonetzer (www.autonetzer.de): Keine zusätzliche Buchungsgebühr, Versicherung kostet 5,90 Euro bis vier Stunden, 8,90 Euro bis 24 Stunden. Der Vermieter zahlt 15 Prozent Provision.


Mehr zu den Themen: Mobilität, Teilen, Auto, Carsharing

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