Hauptinhalt
GEO Magazin Nr. 05/11 Seite 1 von 1

Energiesparkonzept für Kommunen: Kein Geld für Klimaschutz? Egal. Andere helfen gern

Für Kommunen sind hohe Investitionen in Energieeffizienz oft zu teuer. Realisieren lassen sie sich trotzdem. Wie, das zeigt ein Modellfall aus Baden-Württemberg. Mit drei Gewinnern

Text von Thomas Salter

Abseits des Spiels: Win-Win-Win-Situation für Kommunen, Investoren und die Umwelt (Foto von: Ralf Kreuels)
© Ralf Kreuels
Foto vergrößern
Abseits des Spiels: Win-Win-Win-Situation für Kommunen, Investoren und die Umwelt

Anfangs waren die Gemeinderäte mehr als skeptisch. Was ihnen der Energieberater da vorschlug, klang allzu sehr nach der Quadratur des Kreises. Auf einen Schlag könne Edingen- Neckarhausen die öffentlichen Gebäude auf den neuesten Stand der Energie- und Heiztechnik bringen - ohne einen Cent neue Schulden zu machen. Im Gegenteil. Die Gemeinde würde am Ende Geld übrig haben. Ein sperriges Wort brachte der Vertreter der Klimaschutz-Beratungsagentur aus Heidelberg (Kliba) dafür ins Spiel: Energiespar-Contracting.

Roland Marsch, Sozialdemokrat und seit 20 Jahren Bürgermeister des 14 000-Einwohner-Ortes am Neckar, fand Gefallen am Plan. Aus dem Fenster seines Amtszimmers blickt er auf eine Solarzellenreihe vor der Rathausfassade; eine elektrische Anzeigetafel am Eingang meldet jedes getankte Kilowatt.

Andere hätten bei der Kliba-Idee an Überstunden und Ärger gedacht; Marsch sah sie als Chance: Die Agentur bot an, gemeinsam mit der Gemeinde Energiesparmöglichkeiten aufzuspüren. Finanzieren und umsetzen würde die notwendigen Umbauten dann ein Unternehmen. Das würde sich seine Investitionskosten aus den eingesparten Kosten zurückholen. Die Räte ließen sich überzeugen, der Beschluss erfolgte einstimmig. Den Auftrag erhielt 2007 die Wisag Energiemanagement GmbH aus Nürnberg. Vertragsinhalt: rund 1,5 Millionen Euro Erstinvestitionen zur Modernisierung des Freizeitbades, der Pestalozzischule samt Turnhalle und Kleinhallenbad, der Graf-von-Oberndorffschule, der Großsporthalle, eines Feuerwehrgerätehauses und von Schloss Neckarhausen.

Raimund Hartmann, Sachbearbeiter des Bau- und Umweltamts, steigt hinab in den Keller des Freizeitbads, um dort das gasbetriebene Blockheizkraftwerk zu zeigen. Es erzeugt nicht nur Strom, sondern speist die nebenher entstehende Wärme in das Heizungssystem ein und gibt überschüssigen Strom an das öffentliche Netz ab. Die Ventilatoren in der Lüftungsanlage sind drehzahlgeregelte Energiesparmodelle. Auch die Pumpen, die das Wasser im Becken umwälzen, haben "intelligente" Motoren; wenn niemand badet, drosseln sie die Kraft. Eine programmierbare Steuerung sorgt dafür, dass die Heizungsund Lüftungsanlagen nicht gegeneinander arbeiten. Der Erfolg: Allein hier spart die Gemeinde 270 000 Kilowattstunden im Jahr. "Ohne Hilfe hätten wir das nicht stemmen können. Nicht nur wegen der Kosten, auch weil wir auf das Know-how angewiesen sind", sagt Hartmann. Im Technikraum beugt sich Wisag-Ingenieur Ralf Schrauder über seinen Laptop und studiert die Wassertemperaturen der vergangenen Wochen. Sein Service gehört zum Gesamtpaket. Dabei muss er nicht immer vor Ort sein; per Computer kann er jederzeit und überall auf die Gebäudeleittechnik zugreifen.

Per Energiespar-Contracting lässt sich das Paradox lösen, dass der überschuldete Staat zu arm zum Sparen ist: Zwar amortisieren sich Investitionen in Energieeffizienz schnell, aber zunächst müssten die Kommunen, die Länder und der Bund neue Schulden machen. Mit dem Kooperationsmodell ergibt sich eine Win-win-win-Situation: Der Staat spart Energie und Geld, die Unternehmen machen Umsatz, das Klima wird geschont. Im Fall Edingen-Neckarhausen sieht die Kalkulation so aus: Vor der Sanierung betrugen die Energiekosten 420 000 Euro pro Jahr, seither sind es im Durchschnitt 190 000 Euro weniger. Davon bezahlt die Gemeinde jährliche Raten von 157 000 Euro für die Investitionen und die Wartung.

Mindestens 22 271 Euro der Einsparsumme landen laut vertraglich vereinbarter "Erfolgsgarantie" in der Gemeindekasse. Sind die Energiekosten so niedrig, dass mehr Geld übrig bleibt, erhält Wisag 20 Prozent dieser Mehrersparnis als Bonus. Nach 14 Jahren ist die Investition abbezahlt. Pro Jahr werden außerdem 831 Tonnen CO2 gespart - gegenüber den Jahren vor der Sanierung sind das 37,2 Prozent.

Etwa zehn Firmen teilen sich den deutschen Markt in diesem Feld, darunter Großkonzerne wie Siemens und Hochtief. Mit dem bisher erwirtschafteten Umsatz von geschätzten 100 Millionen Euro pro Jahr ist das Potenzial längst nicht ausgereizt. 186 200 öffentliche Liegenschaften gibt es in Deutschland - Schulen, Arbeitsämter, Krankenhäuser, Museen, Ministerien; errichtet, als Energieeffizienz noch ein Fremdwort war. Beispiel Pestalozzischule in Edingen-Neckarhausen, ein zweistöckiger Bau aus den 1960er Jahren, voll großzügiger Fensterfronten. "Das bringt viel Licht, aber mit herkömmlichen Fenstern ist es für die Heizung fatal", sagt Wisag-Techniker Schrauder. In den Kellerraum hat er ein sparsames Blockheizkraftwerk eingebaut - mit Augenmerk auf Details. Knapp unter der Decke verläuft ein Rohr, das die Abluft ins Freie befördert.

Schrauder zeigt auf eine Temperaturanzeige: 130 Grad. Einige Meter weiter, kurz bevor das Rohr nach draußen verschwindet, sind es nur 50 Grad: "Ein Wärmetauscher nutzt die Abgaswärme für die Heizung, sonst würde sie verpuffen." Bausubstanz von gestern Energieeffizienz zu lehren, setzt solche Liebe zum Detail voraus. Informationen, Wissensaustausch und Beratung bietet die Deutsche Energie-Agentur (Dena) in Berlin. Sie hat Contracting-Erfahrung bei der Betreuung von 33 Projekten gesammelt, dazu gehören das Jüdische Museum in Berlin und die Agentur für Arbeit in Frankfurt, die Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe und das Zollkriminalamt in Köln. Im Durchschnitt wurden 36 Prozent der Energiekosten und 33 Prozent der CO2-Emissionen gespart. Allein für das Kulturforum in Berlin bedeutet das jährlich 751 000 Euro und 6000 Tonnen CO2 weniger. Jetzt ist, als erstes Ministerium, das Auswärtige Amt an der Reihe.

Auf alle öffentlichen Gebäude hochgerechnet, ließen sich deutschlandweit bis zu 410 Millionen Euro Heiz- und Stromkosten im Jahr sparen. Mindestens bei einem Drittel der Liegenschaften lohnt sich der Aufwand. Die Dena denkt schon weiter. Für Energietechnik, Heizung und Wärmedämmung zieht sie Contracting-Vertragsmodelle nun auch für Privatgebäude in Erwägung. Und lockt damit die Eigentümer der über elf Millionen privaten Einfamilienhäuser zu Investitionen in umweltfreundlichen Umbau - ganz ohne neue Schulden.


Nützliche Adresse: www.kompetenzzentrum-contracting.de

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Momentan sind zu dem Artikel "Kein Geld für Klimaschutz? Egal. Andere helfen gern" keine Kommentare vorhanden.

GEO im Abo

Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!


Bitte geben Sie eine Empfänger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empfängers werden ausschließlich zu Übertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!