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Leseprobe: Interview "Der Feinste aller Sinne"

Weshalb wir manche Düfte anziehend finden, andere dagegen abstoßend, welche geheimen Botschaften unser Schweiß enthält, warum es nicht immer ratsam ist, ein Parfum zu tragen: Der Zellphysiologe Hanns Hatt erklärt, welche Macht Gerüche über uns haben - und wie jeder von uns zum Duftexperten werden kann


GEOkompakt: Herr Professor Hatt, wir haben uns vorhin zur Begrüßung die Hand gegeben, uns also berührt, nun reden wir miteinander, hören die Stimme des anderen und schauen uns an. Es wäre allerdings höchst befremdlich, wollten wir nun einmal aneinander riechen. Warum ist das so?

Professor Hanns Hatt: Als Riechforscher bedaure ich es, dass sich derlei nicht gehört. Dass uns heutzutage die kulturellen Gepflogenheiten verbieten, an fremden Menschen zu schnüffeln und so mithilfe der Düfte etwas über andere zu erfahren. Ein Hund, der darf noch unbesorgt schnuppern, der darf auch mal stinken.


Prof. Hanns Hatt
ist einer der weltweit
renommiertesten
Geruchsforscher. Als
Inhaber des Lehrstuhls
für Zellphysiologie
an der Ruhr-
Universität Bochum
ergründet er die molekularen
Mechanismen
des Riechens
und untersucht, wie
Düfte unser Leben
beeinflussen (Foto von: Achim Multhaupt für GEOkompakt)
© Achim Multhaupt für GEOkompakt
Prof. Hanns Hatt ist einer der weltweit renommiertesten Geruchsforscher. Als Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie an der Ruhr- Universität Bochum ergründet er die molekularen Mechanismen des Riechens und untersucht, wie Düfte unser Leben beeinflussen

Riechen ist offensichtlich ein sehr intimer Sinn.

So ist es. Und dieser Sinn besitzt heutzutage mehr Intimität als Sehen oder als Hören. Ich lasse mir einen Fingerabdruck abnehmen, ich lasse ein Foto von mir machen. Das gestatte ich, ich muss es sogar, etwa wenn ich in die USA einreisen möchte. Wollte mir allerdings ein Kontrolleur mit einem Wattebausch die Achselhöhle auswischen und dann diese persönliche Duftprobe in einem Gefäß aufbewahren, hätte ich wahrscheinlich etwas dagegen. Auch wenn die Prozedur theoretisch sinnvoll wäre. Denn der Körpergeruch eines Menschen ist ebenso einmalig wie sein Fingerabdruck, wie sein Abbild auf einem Foto.


Jeder Mensch hat einen ganz individuellen Körpergeruch?

Ja, der ist völlig unverwechselbar, man könnte damit eine Person zweifelsfrei identifizieren. Und wenn ich an Ihnen riechen dürfte – das ist nun das Bedauerliche, und da kommen wir auf die Frage zurück –, dann würde ich außer über diesen persönlichen Duft auch einiges über Ihr allgemeines Befinden erfahren. Ob Sie gestresst sind, sich wohlfühlen, ob Sie Angst haben. Bei einer Frau würde ich vielleicht erfahren, ob sie gerade den Eisprung hat. Es gibt ganz viele Informationen, die in unserem Körperduft enthalten sind. Dadurch, dass wir uns versagen, ihn wahrzunehmen, versagen wir uns, etwas mehr über unser Gegenüber zu erfahren. Kinder dürfen das noch, und sie tun es auch. Die gehen direkt zu Erwachsenen hin und beriechen sie.


Aber läuft denn die Weitergabe von Informationen über den Körperduft nicht gänzlich unbewusst ab?

Nein. Wir könnten durchaus bewusst Botschaften wahrnehmen, wir müssten es nur üben. Ich möchte Menschen davon überzeugen, dass sie nicht nur mit offenen Augen und offenen Ohren durch die Welt gehen, sondern auch mit einer offenen Nase. Es ist ein Training, eine Gewohnheit. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf Düfte lenken.


Weshalb tun wir das nicht automatisch?

Weil wir das nie gelernt, nie erfahren haben. Ich persönlich habe mir das bewusste Riechen erst in den letzten Jahren angewöhnt. Wenn ich etwa einen Raum betrete, blicke ich mich nicht nur um, ich rieche mich auch um. Sie sind wahrscheinlich vorhin in mein Büro gekommen und haben geschaut, wie es bei einem Professor so aussieht. Aber haben Sie auch mal geschnuppert, wie es bei mir riecht? Sie hätten Informationen über diesen Raum bekommen – mitunter liegt die Erklärung, warum man sich in manchen Räumen unwohl fühlt, obwohl sie noch so schön eingerichtet sind, im Duft.
Ein anderes Beispiel: Wenn ich im Zug oder im Flugzeug am Gang sitze und Menschen an mir vorbeilaufen, schaue ich die nicht nur an, ich versuche oft auch, eine Geruchsprobe von ihnen zu erhaschen – ich rieche sie gewissermaßen an.


Funktioniert das denn überhaupt, weil doch die meisten Menschen versuchen, ihren eigenen Körperduft zu übertünchen durch Parfums oder Deos?

Im Prinzip schon. Die Nase kann durchaus differenzieren zwischen natürlichem Körpergeruch und künstlichen Gerüchen. Der Individualgeruch ist ein ganz persönliches Parfum. Er besteht aus zahlreichen Duftkomponenten, deren Kombination tatsächlich personenspezifisch ist. Diese körpereigene, hochkomplexe Parfummischung aktiviert Riechzellen in der Nase. Für diese Zellen ist es völlig gleichgültig, ob andere Zelltypen das künstliche Parfum, das ein Mensch aufgetragen hat, erspüren. Die Zellen leiten die Information ans Gehirn weiter – wir erhalten also die spezifische Information, der restliche Geruch kommt eben noch hinzu.



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