Hauptspalte:
Leseprobe: Gettysburg
Am 1. Juli 1863 entwickelt sich aus einem Scharmützel die größte Schlacht des Krieges, die bald auch die berühmteste sein wird. Denn das Gemetzel im Süden Pennsylvanias ist beispielhaft für viele Waffengänge dieses Konflikts: der Kampf um wenige Hügelkuppen, der Todesmut der Soldaten beider Seiten, das Sterben auf Wiesen, zwischen Bäumen, auf reifen Feldern

Seit dem frühen Morgen
marschieren Henry
und Isaac Taylor mit
ihren 300 Kameraden
vom 1. Minnesota-Regiment durch die
hügelige, dichtbewaldete Landschaft
Pennsylvanias. Die Juliluft ist heiß und
feucht, die Männer schwitzen in ihren
blauen Wolluniformen. Am Horizont
sehen
sie Rauchwolken aufsteigen, und
mit jeder Stunde, die sie laufen, wird
das Dröhnen der Artillerie lauter.
Der
Kampf, der seit Stunden in der 2400-Seelen-Gemeinde Gettysburg tobt, ist
nicht mehr weit entfernt.
Die beiden größten Armeen der
Nord- und Südstaaten bewegen sich an
diesem 1. Juli 1863 auf die Kleinstadt im
Süden Pennsylvanias zu, insgesamt rund
170.000 Mann. Dort wird sich in den folgenden
zwei Tagen die blutigste Schlacht
entwickeln, die je auf dem amerikanischen
Kontinent geschlagen wurde.
Noch aber sind viele Einheiten in der
ländlichen Umgebung der Stadt verstreut.
Beide Armeen sind seit Wochen
Richtung Norden marschiert; manche
Regimenter sind weiter voraus, andere
zurückgefallen. Die Streitmächte bilden
keine zusammenhängenden Züge mehr.
Auch das 1. Minnesota-Regiment gelangt
an diesem Tag nicht bis nach Gettysburg.
Gegen 22 Uhr erhält es fünf
Kilometer
südlich des Ortes den Befehl
zum Rasten. Die Kämpfe sind abgeklungen,
und die Soldaten dürfen sich einige
Stunden Ruhe gönnen.
Die Männer sind erschöpft vom
Marsch. Unter den wenigen, die nach
dem eilig gebrühten Kaffee noch länger
als ein paar Minuten wach bleiben, sind
Henry Taylor, ein zierlicher Mann, auf
dessen Wangen helle Barthaare sprießen,
und sein älterer Bruder Isaac, der
einen dunklen Schnauzbart trägt.
Die beiden Lehrer, 24 und 26 Jahre
alt, haben sich nach dem Ausbruch des
Krieges freiwillig zur Unionsarmee gemeldet.
Eigentlich sollte Isaac seinen Bruder in der Schule vertreten. Doch als
Henry sich entschied, Soldat zu werden,
hielt es auch Isaac nicht. Unter den zwölf
Taylor-Geschwistern sind sich die beiden
besonders nah.
Weil Männer aus einer Gemeinde oft
der gleichen Einheit zugeteilt werden,
dienen die Brüder gemeinsam mit vielen
Bekannten aus Minnesota.
In den vergangenen zwei Jahren hat
ihr Regiment in einigen der blutigsten
Gefechte des Krieges gekämpft: First
Bull Run, Ball’s Bluff, Antietam, Fredericksburg.
Es ist kampferprobt, gut
ausgebildet, diszipliniert. Henry, Isaac
und ihre Kameraden haben bewiesen,
dass sie Stellungen auch unter starkem
Beschuss halten können.

Nun, kurz vor Gettysburg, sitzen die
Brüder im fahlen Licht des Mondes und
sprechen über ihre Freunde und ihre
Familie.
Sie sind sich einig: Sollten sie
die folgenden Tage überleben, besteht
die Hoffnung, dass sie ihre Heimat wiedersehen.
Dieses Gefecht, glauben sie,
könnte die Entscheidung bringen.
Tatsächlich aber steht ihnen eine
Schlacht bevor, die schlimmer ist als
alles, was sie bisher im Bürgerkrieg erlebt
haben. Und nur die wenigsten ihrer
Kameraden werden heimkehren.
Das Regiment soll helfen, eine Invasion
abzuwehren: Denn General Robert
E. Lee, der Befehlshaber der Army of
Northern Virginia, des schlagkräftigsten
Heeres des Südens, ist vor neun Tagen
in Pennsylvania eingefallen.
Er will dem Norden eine Entscheidungsschlacht
aufzwingen und die größte
Streitmacht des Nordens auf ihrem
eigenen Territorium besiegen: die Army
of the Potomac unter General George
Meade. Ein solcher Triumph, hofft Lee,
würde Großbritannien und Frankreich
endlich dazu bringen, die Konföderation
als souveränen Staat anzuerkennen.
Mehr noch: Er würde die Moral des
Nordens brechen.
Lee will mit einem einzigen Gefecht
den Krieg für den Süden entscheiden. Es
klingt wie der Plan eines Größenwahnsinnigen.
Doch der General hat schon
häufig bewiesen, welch militärisches
Genie in ihm steckt. Der 56-Jährige,
privat
ein bescheidener, tiefgläubiger
Familienvater, ist auf dem Schlachtfeld
ein risikofreudiger Befehlshaber, der die
Pläne seiner Gegner oft durchschaut
und sie mit unorthodoxen Truppenbewegungen überrascht. Seinen Kommandeuren
gibt er die kühn erdachten Züge
oft nur grob vor und überlässt ihnen
dann vor Ort die genaue
Ausführung.

