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Flutkatastrophe in Deutschland Wie die Erderwärmung zu häufigeren Starkregen-Ereignissen führt

Dramatische Bilder aus Westdeutschland gehen um die Welt: Im nordrhein-westfälischen Erftstadt schwemmten die Wassermassen Häuser davon, verwüsteten ganze Landstriche
Dramatische Bilder aus Westdeutschland gehen um die Welt: Im nordrhein-westfälischen Erftstadt schwemmten die Wassermassen Häuser davon, verwüsteten ganze Landstriche
© Rhein-Erft-Kreis/dpa
Die Flutkatastrophe, die über Westdeutschland hereingebrochen ist, wurde von einer einzelnen Wetterlage heraufbeschworen: dem Tiefdruckgebiet Bernd. Sowohl Heftigkeit als auch Dauer des sintflutartigen Regens sind jedoch eng mit dem Klimawandel verbunden

Es ist eine der verheerendsten Umweltkatastrophen, die die Bundesrepublik je erlebt hat. Mehr als hundert Menschen haben bei den heftigen Überschwemmungen in Westdeutschland ihr Leben verloren, Tendenz steigend. Noch am Freitagmorgen galten weit über tausend Personen als vermisst.

Flüsse traten über ihre Ufer, Talsperren konnten die gewaltigen Wassermassen nicht mehr aufhalten, ganze Wohnsiedlungen wurden geflutet. Innerhalb weniger Stunden wandelten sich kleine Bäche zu reißenden Flüssen, die alles mitrissen, was ihnen im Weg stand. In Altenburg an der Ahr stürzten ganze Häuser ein, viele Menschen retteten sich auf ihre Dächer, die braunen Fluten stiegen teilweise bis an die Giebel. Einige Anwohner schaffen es nicht, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, auch Feuerwehrleute und Rettungskräfte wurden von den Fluten fortgerissen.

Am schlimmsten hat es Regionen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erwischt. Das Tiefdruckgebiet Bernd brachte extremen Starkregen über Westdeutschland, in Hagen prasselten binnen 24 Stunden rund 150 Liter Regenauf einen Quadratmeter Erde – im bundesweiten Durchschnitt fallen im gesamten Monat Juli normalerweise rund 80 Liter auf einen Quadratmeter hinab.

So viel Regen fiel von 8 Uhr, Mittwoch 14. Juli, bis 8 Uhr Donnerstag, 15. Juli, in Liter pro Quadratmeter
So viel Regen fiel von 8 Uhr, Mittwoch 14. Juli, bis 8 Uhr Donnerstag, 15. Juli, in Liter pro Quadratmeter
© Grafik: A: Brühl, Redaktion: J. Schneider / DPA, Quelle: Deutscher Wetterdienst

Nun hüten sich Meteorologinnen und Meteorologen sowie Klimaforschende davor, einzelne Wetterereignisse – mögen sie noch so extrem erscheinen – direkt auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen. Wetterlagen bestehen aus zu vielen kleinteiligen und vielschichtig miteinander verwobenen physikalischen Prozessen, um sie monokausal mit einem Faktor wie zum Beispiel der Erderwärmung erklären zu können.

Dennoch weiß die Wissenschaft seit Langem, dass solche extremen Wetterlagen, wie sie Tief Bernd nach Westdeutschland brachte, immer häufiger werden, wenn die Temperatur in unserer Atmosphäre weiter steigt. Denn je heißer die Luft über der Erdoberfläche flimmert, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen. Erwärmt sich die Atmosphäre um ein Grad, speichert sie rund sieben Prozent mehr Wasserdampf, schätzen Experten. Dementsprechend mehr Wasser kann abregnen. Je wärmer also der Sommer in Deutschland ist, desto wahrscheinlicher werden solch extreme Starkregenfälle wie sie in den vergangenen Tagen zu beobachten waren.

Abgeschwächter Jetstream hält Tiefdruckgebiete länger über einzelnen Regionen

Wie viel Regen auf eine einzelne Region einprasselt, hängt aber auch davon ab, wie schnell Wetterlagen über die Landschaft hinwegziehen. Der Motor hinter vorbeiziehenden Tief- und Hochdruckgebieten in unseren Breitengraden ist der Jetstream.

In neun bis vierzehn Kilometern Höhe zieht sich ein gewaltiger Kanal rund um den Globus, in dem Starkwinde mit bis zu 400 Kilometern pro Stunde von West nach Ost pfeifen. Diese Starkwinde entstehen dank der großen Temperaturunterschiede zwischen Nordpol und Äquator. Treffen die kalten Luftmassen des Nordens auf die warmen des Südens, nehmen sie Fahrt auf – die Erdrotation gibt die West-Ost-Richtung des Starkwindbands vor.

Mittlerweile ist hinlänglich erforscht, dass die Polkappen unserer Erde besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Die abschmelzenden Eismassen wirken wie ein Katalysator auf die Erwärmung an Nord- und Südpol, wo die Temperaturen schneller steigen überall sonst.

Das hat eine Vielzahl von kleinteiligen Auswirkungen auf Klima- und Wetterlagen weltweit, so auch auf den Jetstream in unseren Breiten. Denn verringert sich die Temperaturdifferenz zwischen Nordpol und Äquator, werden die Starkwinde in großer Höhe schwächer. Statt einigermaßen geradlinig von West nach Ost zu verlaufen, mäandriert der Jetstream, schlägt stärker nach Norden und Süden aus.

Das Starkwindband – und somit auch der Antrieb für Hoch und Tiefdruckgebiete, die vom Nordatlantik über Mitteleuropa hinwegziehen – wird schwächer. Sie wabern immer langsamer über Deutschland hinweg, örtlich hat das gravierende Folgen: Staubtrockene Hitzeperioden dauern länger an, sturzflutartiger Starkregen fällt länger auf einzelne Regionen, lässt die Wasserabflusssysteme immer öfter kollabieren.

Klimaforscherinnen und -forscher beginnen gerade erst, die vielen kaskadenartigen Kettenreaktionen zu verstehen, die ein sich massiv verändernder Jetstream nach sich zieht – oder welche Auswirkungen eine wärmere Atmosphäre im Detail auf lokale Wetterereignisse hat.

Seit Jahrzehnten jedoch ist sich die große Mehrheit einig: Je extremer der Klimawandel ausfällt, desto häufiger werden extreme Wetterlagen. Und dann mehren sich auch solch apokalyptischen Unwetterkatastrophen wie Tief Bernd sie über Westdeutschland gebracht hat.

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