Die Meldung im Dezember hat mich getroffen. "Digitales Dänemark hängt seine letzten Briefkästen ab", war da zu lesen. Und ich traute meinen Augen kaum. Doch es stimmt. Vor einigen Monaten schon hatte das Postunternehmen Postnord des dänischen Staates das Aus für die öffentliche Briefzustellung angekündigt. Seit dem Sommer 2025 wurden im ganzen Land die traditionellen roten Briefkästen abmontiert. Begründung: "Die Dänen sind immer digitaler geworden, und das, was früher als Brief verschickt wurde, erhalten die allermeisten heute digital", so die Auskunft von Postnord gegenüber der Deutschen Presse Agentur. In den vergangenen 25 Jahren sei die Menge der transportierten Ansichtskarten und Umschläge mit Schriftstücken um mehr als 90 Prozent gesunken – und wenig deutet darauf hin, dass sich dieser Trend ändern wird.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich liebe Briefkästen. Sie vermitteln das Gefühl von Ordnung, von Verlässlichkeit, Stabilität und je nach Alter des jeweiligen Exemplars mit dem charakteristischen Schlitz auch von Nostalgie. Ihre landestypischen Formen und Farben verraten einem sofort, wo man ist. Und dann das Gefühl, wenn man einen handgeschriebenen Brief oder eine Postkarte eingeworfen hat. Diese Mischung aus Freude, einem anderen Menschen persönliche Zeilen zugedacht zu haben – nur Du und ich. Und der kleine Zweifel, ob man sich passend ausgedrückt hat, und ja, auch ob diese Zeilen überhaupt ihr Ziel erreichen werden.
Nur ein Mensch, ein Stift und Papier
Wer Briefe oder Karten schreibt, der kennt diesen Zustand des Zweifels. Er ist nur noch von dem Moment zu übertreffen, wenn man ein Geldstück in einen Automaten steckt und für Bruchteile einer Sekunde nicht weiß, ob die gewünschte Ware auch wirklich von der Mechanik im Inneren der Maschine freigegeben wird. Doch ich schweife ab. Das kann passieren, wenn man Briefe schreibt.
Man teilt Gedanken, Gefühle, Ideen, Pläne. Idealerweise hat man es sich dazu gemütlich gemacht, sich einen Moment der Ruhe verschafft im Trubel zwischen all den großen und kleinen Herausforderungen des Alltags. Nur ein Mensch und der Stift und das Papier. Man beginnt, schreibt die ersten Zeilen, hält inne, man überlegt, korrigiert, fängt neu an. All dies gehört dazu. Etwas anders gelagert sind die Bedingungen bei der Postkarte, bei der der Platz begrenzt und eine Grundidee des Textes von Vorteil ist.
Ein postalischer Gruß zeigt: Jemand hat an mich gedacht
Ganz gleich, ob kurzer Kartengruß oder mehrseitiges Werk, am Ende ist ein Unikat entstanden, ein stiller, privater Dialog, der seine Resonanz erst erfahren kann, wenn er sein Ziel erreicht hat. Denn genauso bereichernd wie das Schreiben ist das Empfangen von persönlicher Post. Jemand hat an mich gedacht, hat sich die Mühe gemacht, sich hinzusetzen, Papier und Umschlag oder eine Karte auszusuchen, mir zu schreiben, was ihn oder sie umtreibt, mir sein Vertrauen geschenkt, ist losgelaufen zu einer Poststelle, hat vielleicht sogar eine thematisch passende oder hübsche Briefmarke besorgt. All das zeugt von Wertschätzung und im Gegensatz zu einer SMS, Signal- oder WhatsApp-Nachricht ist diese physisch. Ich kann sie in der Hand halten, sie an die Wand hängen, sie sammeln und mit einem Schleifenband umwickelt in einer Schublade verstauen und noch Jahre später hervorholen, wieder und wieder lesen. Das Schreiben meines Gegenübers ist in meinen Besitz übergegangen. Dazu war es gedacht.
Die Kommunikationsform des Briefes ist fast so alt wie die Erfindung der Schrift, die etwa zeitgleich um 3300 v. Chr. in Ägypten und Mesopotamien erfolgte. Die alten Ägypter waren der Meinung, dass der Gott Thot vor dem Anbeginn der Zeit Briefe geschrieben hat. Zahlreiche Briefe sind aus dem Land am Nil erhalten, als Original etwa auf Papyrus oder Keramikscherben, als Abschriften in Hieroglyphen in Stein gemeißelt oder an Wände geschrieben. Viele davon sind offizieller Natur, so wie die in Keilschrift auf Tontafeln verfasste Korrespondenz des Pharaonenhofes mit den Fürsten des östlichen Mittelmeerraumes, die man im heutigen Tell el-Amarna gefunden hat, der einstigen Hauptstadt des sogenannten Ketzerkönigs Echnaton, der um 1340 v. Chr. beschloss, dass es nur noch einen Gott anstelle eines überbordenden Pantheons in Ägypten geben solle.
Keine Gesellschaft auf der Welt, die der Schrift mächtig ist, in der keine Briefe geschrieben wurden. Bis zur Einführung von Telegrafie und Telefon sind sie das Kommunikationsmittel schlechthin. Der Briefroman gilt als eigene Literaturgattung. Bahnbrechende Entdeckungen wurden per Brief veröffentlicht, etwa die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen 1822 durch den Franzosen Jean-François Champollion in seinem "Lettre à M. Dacier relative à l'alphabet des hiéroglyphes phonétiques". Allein von dem 1832 verstorbenen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe sind mehr als 15.000 Briefe erhalten. Er korrespondierte mit 1400 Personen. Noch größer aber ist laut dem Literaturwissenschaftler Frieder von Ammon, einem der Herausgeber der historisch-kritischen Edition der Goethe-Briefe, die Zahl der Schreiben, die an den Dichter selbst gerichtet waren: etwa 20.000.
Ungezählte Briefe und auch Karten haben die Jahrhunderte überdauert. Sie legen Zeugnis ab, von der damaligen Zeit, von den Menschen, ihren Befindlichkeiten und Moden, von Beziehungen jeglicher Art, von Alltäglichem und Hochpolitischem. Sie sind erhalten geblieben, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes aufgeschrieben wurden.
Mein Vorsatz: mehr Briefe schreiben
Ich mag aber nicht nur Briefkästen, das haben Sie bis hierhin natürlich längst gemerkt, ich bin eine begeisterte Brief- und Postkartenverschickerin. Es gibt Freunde, mit denen korrespondierte ich bis vor ein, zwei Jahren ausschließlich postalisch. Doch ich muss gestehen, auch ich greife mittlerweile öfter in die Tastatur als zum Füllfederhalter. Das möchte ich ändern. Für mich. Und für die anderen.
Denn es ist zwar eine Binse, aber niemand wird in ein paar Jahren oder auch einem halben Jahrhundert die Kurznachrichten, die er oder sie einst erhalten hat, in einer Schublade, auf dem Dachboden oder in ein Buch gelegt wiederfinden. Doch eine Postkarte oder ein Brief könnte dabei sein – und Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.