Alternative Medizin Samuel Hahnemann: Ein Rebell entwirft die Homöopathie

Samuel Hahnemann gilt als Idealist und Vorkämpfer einer sanften Medizin. An seiner Methode scheiden sich die Geister bis heute. Über die Erfindung der Homöopathie
Homöopathie

Taschenapotheke eines Homöopathen, um 1860. Es ist im Prinzip das gleiche Modell, das auch Hahnemann während seiner letzten Lebensjahre in Paris verwendet

Um 1790 hat Samuel Hahnemann wieder einmal Geldprobleme. Der völlig verarmte Mediziner muss sich mit Fachübersetzungen durchschlagen. Er bearbeitet gerade ein Buch des Schotten William Cullen, eines Medizin-Stars seiner Zeit. Dabei stolpert er über einen Satz, der sein Leben verändern wird: Chinarinde helfe gegen Malaria – wegen ihrer magenstärkenden Wirkung. Das erscheint ihm so unplausibel, so absurd – dass er sich zu einem Selbstversuch entschließt. In den kommenden Tagen nimmt er große Mengen Chinarinde ein, will dessen Wirkung auf den gesunden Körper testen. Das Resultat: Schüttelfrost, Herzrasen, Angstzustände – es sind die Symptome einer Malaria.

Hahnemann (1755–1843) zieht aus diesem Selbstversuch einen radikalen Schluss: Die Medizin irrt, seit Jahrtausenden! Man dürfe nicht gegen das Leiden arbeiten, man müsse mit ihm arbeiten. Denn was beim Gesunden eine Scheinkrankheit hervorrufe, das kuriere die echte Krankheit. „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“, mit diesem sogenannten Simile-Prinzip überschreibt Hahnemann seine Idee und schafft die Grundlage einer neuen Lehre – die der Homöopathie (aus den griechischen Wörtern für „gleich“ und „Leiden“). Der Blick auf sein medizinisches Vermächtnis ist zwiespältig: Den einen gilt er als Rebell der Medizingeschichte, den anderen als Scharlatan.

Samuel Hahnemann ist ein Querdenker ohne Anhänger

Hahnemann absolviert in Leipzig sein Medizinstudium, schon mit 24 Jahren ist er Doktor – und verheiratet. Doch wo immer er sich auch in den kommenden Jahren niederlässt, als praktizierender Arzt kann er seine Familie nirgendwo durchbringen. Er beginnt, die konventionelle Medizin zu hassen. Hahnemanns neue Lehre verbindet durchaus Heilkunst mit aufklärerischen Idealen. Er will den Patienten einen sanften Weg aus ihrer Unmündigkeit weisen, fern einer Medizin, die ihre Patienten schröpft, sie mit Blutegeln quält, zum Aderlass nötigt. Nur: Es folgt ihm kaum jemand auf diesem Weg. Die Patienten bleiben aus. Er schreibt Pamphlete, wirft Kollegen vor, sie erfänden griechische Namen für das Übel der Kranken, nur um ihre eigene Unfähigkeit zu kaschieren.

Samuel Hahnemann: Ein Rebell entwirft die Homöopathie

Reproduktion aus der Sammlung Edwin Redslob: Büste und Utensilien von Samuel Hahnemann

Erst als er Jahre später sein Chinarinden-Experiment in einem Aufsatz verarbeitet, strömen die Patienten zu ihm. Ermutigt veröffentlicht er 1810 sein „Organon der Heilkunst“, bis heute das Standardwerk der Homöopathen. In Leipzig erhält er eine Professur, plant eine eigene homöopathische Klinik. Doch seine Vorlesungen sind so schlecht besucht, dass er sie zu Hause hält. Dennoch treibt die Vision der sanften Medizin ihn bis zu seinem Tod an. Hahnemann sucht bis zuletzt immer neue Naturstoffe, die sich zur Heilung eignen.

Wirkt Homöopathie über Placeboeffekt hinaus? Nein, sagen Forscher

Doch besonders an seiner Methode der sogenannten Potenzierung scheiden sich bis auf den heutigen Tag die Geister: Wirkstoffe sollen in einer Wasser-Alkohol-Mischung verdünnt werden. Je stärker die Verdünnung, desto besser. Günstigstenfalls, so eine nachgereichte Erklärung, solle lediglich die „Information“ des Wirkstoffs übertragen werden, um das Immunsystem zu aktivieren. Von diesem Wirkmechanismus sind Homöopathen bis heute überzeugt.

Sie „potenzieren“ inzwischen so stark, dass sich kein Molekül des Wirkstoffs mehr im Medikament nachweisen lässt. 2005 werten Forscher 110 Studien zur Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln aus. Und gelangen zu dem Schluss, dass deren Wirkung nichts anderes sei als ein Placeboeffekt. Besonders in der Kritik: wenn homöopathische Mittel bei Notfällen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen eingesetzt werden.

Die Kontroverse reicht zurück bis zu Hahnemanns Experiment vor mehr als 220 Jahren. Eine denkbare Erklärung für die vermeintlich malariaähnliche Reaktion: Die damals nach Einnahme der Chinarinde aufgetretenen Symptome könnten möglicherweise lediglich die Folgen eines allergischen Schocks gewesen sein.