Bewusstsein Wie wir lernen, wer wir sind

Woher weiß ich, dass ich existiere? Mit Fragen wie dieser beschäftigt sich die Philosophin Prof. Dr. Kristina Musholt. Im Interview erklärt sie, wie Menschen lernen, wer sie sind – und warum sie das allein nicht können
Selbst-Bewusst-Sein

Menschen sind sich ihrer bewusst. Aber wäre das auch in völliger Isolation so?

GEO.de: Frau Musholt, ein Großteil ihrer Forschung dreht sich rund um den Begriff Selbst-Bewusstsein. Was ist das überhaupt?

Prof. Dr. Kristina Musholt: In der Umgangssprache verstehen wir unter Selbstbewusstsein die Eigenschaft, von sich selbst überzeugt zu sein, sich viel zuzutrauen. Der Begriff Selbst-Bewusstsein wird in der Philosophie anders und deutlich eingegrenzter verwendet. Selbst-Bewusstsein ist hier die Fähigkeit, Ich-Gedanken fassen zu können. So etwas wie: Ich habe Hunger. Ich habe Lust, nach draußen zu gehen. Ich spüre Schmerzen.

Ist es dieses Selbst-Bewusstsein, das uns von Tieren unterscheidet?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich sehe das Konzept des Selbst-Bewusstseins nicht schwarz oder weiß, also existent oder nicht - sondern seine Entwicklung als einen graduellen, stufenartigen Prozess. Tieren würde ich zum Beispiel ein implizites, präreflexives Selbst-Bewusstsein zuschreiben. Das hat noch nichts mit Sprache oder Ich-Gedanken zu tun, sondern bezeichnet das basale Gefühl, das ich für meinen Körper habe, sowie die Tatsache, dass ich alles Erlebte immer aus einer ganz bestimmten Perspektive heraus wahrnehme. Wenn sich ein Wesen durch die Umwelt bewegt, muss es ein Gefühl für den eigenen Körper haben, und es nimmt die Welt dann natürlich auch aus seiner Perspektive heraus wahr. Es muss sich dieser Perspektivität selbst aber nicht bewusst sein.

Und Menschen können mehr?

Das explizite, über sich reflektierende Selbst-Bewusstsein würde ich tatsächlich nur Menschen zuschreiben. Das führt dann auch zu Fragen wie: Wer will ich eigentlich sein? Ist diese Entscheidung jetzt richtig oder nicht? Zwischen dem impliziten und dem expliziten Selbst-Bewusstsein herrscht jedoch keine klare Grenze, sondern eine Grauzone. Denn das Bewusstsein über mich selbst muss ja nicht zwingend über Sprache ausgedrückt werden. Zum Beispiel bestehen Schimpansen oder auch Krähen den Spiegeltest, bei dem einem Kind ein roter Punkt ins Gesicht gemalt wird, um zu prüfen, ob es ihn als Punkt auf seinem Körper oder als Punkt auf seinem spiegelbildlichen Gegenüber wahrnimmt. Versucht das Kind dann den Punkt aus seinem Gesicht zu wischen, hat es verstanden: Das, was ich im Spiegel gerade vor mir sehe, das bin ich selbst.

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Der Spiegeltest ist allerdings auch nicht unumstritten.

Das stimmt – und man könnte sich jetzt lange darüber streiten, was er tatsächlich zeigt. Betrachtet man ihn jedoch im Kontext mit anderen Fähigkeiten, die gleichzeitig in dem Alter auftauchen, in dem Kinder ihn bestehen, ist er dennoch sehr interessant. Meist bestehen sie den Test zwischen 18 und 24 Monaten; im selben Zeitraum fangen sie häufig an, Anzeichen von Scham und Empathie zu zeigen. Wenn ein Baby schreit, fangen oft alle anderen Babys im Raum auch an zu schreien. Fällt ein Kleinkind hin und weint, kann ein anderes Kleinkind registrieren: Das ist nicht mein Schmerz, sondern der eines anderen. Ich kann ihm helfen, trösten und auch empathisch sein, aber mir selbst tut es nicht weh. Das Kind differenziert zwischen sich selbst und anderen. Um zu beantworten, ob der Spiegeltest bei Tieren aussagekräftig ist, müsste man sich also anschauen, ob auch diese anderen Fähigkeiten vorhanden sind. Ob sie anderen empathisch begegnen, Scham empfinden – das ist bei Tieren natürlich schwer zu messen.

Also kommen auch wir Menschen nicht mit einem vollen Bewusstsein für uns Selbst auf die Welt. Wie entwickeln wir das?

Wir werden nicht mit einem expliziten Bewusstsein für uns Selbst geboren, wir kommen nicht auf die Welt und können reflektiert über uns nachdenken. Das implizite Selbst-Bewusstsein aber, die Wahrnehmung unseres Körpers, haben wir von Geburt an.  Wie wir ihn wahrnehmen, wird am Anfang unseres Lebens sehr stark von der Interaktion mit anderen Menschen bestimmt: Mein Hungergefühl, meine Temperatur, ob ich mich wohl fühle – all das hängt davon ab, was meine Bezugspersonen machen. Bei Neugeborenen ist das noch nicht richtig getrennt: Was genau jetzt das Selbst ist und was die Bezugsperson, unterscheiden Babys vermutlich nicht. Langsam fängt der Mensch jedoch an, das zu differenzieren.

Wie schafft er das?

Das Kind merkt nach und nach, dass es einen bestimmten Effekt auf seine Umwelt hat: Wenn es die Rassel fallen lässt, entsteht ein Geräusch. Wenn es schreit, dann kommt die Mutter. Das ist noch kein explizites Selbst-Bewusstsein, erst im Alter von neun bis zwölf Monaten ändert sich das bedeutend. Manche Forscher sprechen da von einer Neun-Monats-Revolution.

Was passiert bei dieser Revolution?

In der Wissenschaft spricht man von dem Übergang aus einer dyadischen zu einer triadischen Interaktion: In den ersten neun Monaten richtet sich die Aufmerksamkeit des Kindes zumeist auf eine andere Person oder einen Gegenstand. Im Alter von etwa neun bis zwölf Monaten tritt dann das Phänomen der geteilten Aufmerksamkeit auf ein Objekt hinzu, es entsteht eine Dreiecksrelation. Zum Beispiel fangen Kinder in dem Alter häufig an, auf Gegenstände zu zeigen. Sie wollen, dass die Bezugsperson dort auch hinschaut und überprüfen das. Schauen Mama oder der Papa nicht, zeigen sie noch einmal und energischer auf das Objekt. In diesem Lebensabschnitt entwickelt sich ein neues Bewusstsein: Ich kann etwas wahrnehmen auf der Welt. Das bedeutet aber nicht, dass jemand anders es automatisch auch wahrnimmt – ich kann ihn aber darauf aufmerksam machen. Das zeigt, dass Kinder in diesem Alter schrittweise ein Verständnis davon zu entwickeln beginnen, dass andere Menschen eine Wahrnehmung von der Welt haben, die sich vielleicht von ihrer eigenen unterscheidet.

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Also wird mein Selbst-Bewusstsein über die anderen definiert. Ein kleines Gedankenspiel: Wäre es überhaupt möglich, in einer Welt, in der nur ich existiere, in der es sonst keine Lebewesen – außer Pflanzen vielleicht – gibt, möglich, ein Selbst-Bewusstsein zu entwickeln?

Eine schwierige Frage, die die Psychologie und die Philosophie schon lange versuchen zu beantworten. Der Hohenstauferkaiser Friedrich II. veranlasste schreckliche Experimente, in denen man versucht hat, Kinder isoliert aufwachsenzu lassen – abgesehen von der Ernährung hatten sie keine Interaktion, keiner sollte sie liebkosen, keiner mit ihnen sprechen. So wollte man herausfinden, ob sie trotzdem eine Sprache erwerben können. Die Kinder sind jedoch einfach gestorben - biologisch ist es also wohl nicht möglich. In einem reinen Gedankenexperiment wäre es vielleicht denkbar, dass Menschen ohne andere Menschen ein Bewusstsein über sich selbst erlangen, das würde sich aber dramatisch von dem unseren unterscheiden.

Inwiefern?

Würde die Auseinandersetzung damit, wie andere Menschen die Welt sehen, nicht stattfinden, würden sich bestimmte Fragen gar nicht stellen. „Was denke ich darüber? Was ist meine Meinung?“, frage ich mich nur, wenn mich jemand mit einer gegensätzlichen oder abweichenden Perspektive konfrontiert. Wenn man sich nur unter Pflanzen bewegt, passiert das nicht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man dann an den Punkt gerät, solche Gedanken zu entwickeln. Man würde also wohl ein Gefühl für seinen Körper entwickeln und wahrnehmen, wie man in der Welt wirkt – aber für ein differenzierteres Nachdenken über sich selbst würden die Anlässe einfach fehlen.

Welche Art von Beziehungen zu anderen Menschen brauchen Kleinkinder, um ein „gesundes“ Bewusstsein über das eigene Ich zu entwickeln?

Wichtig sind hier ganz verschiedene Dinge, wie der Dialog auf Augenhöhe oder die enge Bindung zu Bezugspersonen wie den Eltern durch Berührungen und Gesten. Gerade in diesem Feld jedoch ist noch viel Forschung notwendig. Dabei ist es sehr wichtig, dass wir Forscherinnen das Thema nicht von vorne herein aus einer zu westlichen Perspektive betrachten.

Wie meinen Sie das?

Dass sich solche Bindungen in anderen Kulturen möglicherweise ganz anders äußern. In Deutschland ist es zum Beispiel so, dass die Mehrheit der Forscher und Forscherinnen sagt, es sei wichtig, dass wir viel Augenkontakt mit Babys haben und ihre Mimik spiegeln. Es gibt aber Kulturen, in denen die Kinder den ganzen Tag auf dem Rücken der Mütter im Tragetuch liegen. Das heißt natürlich nicht unbedingt, dass diese Kinder sich automatisch schlechter entwickeln. Was im Westen eher über Augenkontakt vermittelt wird, wird dort vielleicht eher über den Körperkontakt vermittelt. Auch legen wir in westlich geprägten Gesellschaften viel Wert auf Autonomie und Selbstbestimmung und erziehen unsere Kinder darauf hin. In anderen Kulturen steht demgegenüber eher die Gemeinschaft im Vordergrund.

Unsere Interview-Partnerin Prof. Dr. Kristina Musholt

Prof. Dr. Kristina Musholt

Die Philosophin und studierte Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Kristina Musholt ist Professorin der kognitiven Anthropologie an der Universität Leipzig. Sie ist Vorstandsmitglied des 2016 gegründeten Leipziger Forschungszentrums für frühkindliche Entwicklung, in welchem Erziehungswissenschaften, Psychologie und Philosophie, evolutionäre Anthropologie sowie Kognitions- und Neurowissenschaften verknüpft werden.

Musholt erforscht, wie Menschen ein Bewusstsein über ihr Selbst erlangen, welche Rolle dafür die Interaktion mit anderen spielt und wie Menschen Normen und Werte in ihre Persönlichkeit integrieren. „Als Philosophin verstehe ich meine Aufgabe am Forschungszentrum darin, die vielen Erkenntnisse der anderen Disziplinen zusammenzuführen“, sagt Musholt.