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Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Peru: "Das Militär auf den Straßen macht Angst"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute der Forscher Ulf Riebesell in Peru. Das Land hat alle Grenzen geschlossen, das Militär patrouilliert in den Straßen.
Ulf Riebesell

Ulf Riebesell, 60, ist Professor für biologische Ozeanographie am GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Derzeit befindet er sich jedoch in der peruanischen Hafenstadt Callao und leitet dort ein großes Forschungsprojekt.

Corona-Situation in Peru: 23.3.2020: 363 bekannte Fälle. Von 20 bis 5 Uhr herrscht eine totalen Ausgangsperre. Tagsüber dürfen die Menschen nur zum Einkaufen oder zum Arzt. Privates Autofahren ist generell verboten, in den Straßen patrouilliert Militär.

Worauf sind Sie stolz? 

Auf unser ganzes Forscherteam, das in den letzten Tagen so toll zusammengehalten hat. Die peruanische Regierung hat ihre Maßnahmen zum Schutz vor Corona sehr schnell durchgesetzt. Vor einigen Tagen kam zum Beispiel die Information, dass unsere angemieteten Labore binnen einer Stunde gesperrt seien. Wir haben so viele Geräte wie möglich in letzter Minute rausgeholt. In unseren Hostels stehen jetzt Mikroskope neben unseren Betten und Analysegeräte im Frühstücksraum. 

Was werden Sie heute Abend essen? 

Das weiß ich noch nicht, die Auswahl wird aber bald kleiner. Weil die Regierung privaten Autoverkehr komplett verboten hat, können wir nicht mehr in den Supermarkt fahren. Der Dorfladen hier hat aber nur das Nötigste. Die Versorgung ist allerdings noch kein großes Problem. Schwieriger ist es, all die schweren Messgeräte, Sensoren, Unterwasserkameras und Wasserschöpfer aufs Boot zu bekommen. Wir müssen sie jetzt jeden Morgen mit Handwägen durch den Ort bis zur Pier bringen. Für den Weg dorthin haben wir eine Sondergenehmigung bekommen. Solange wir noch hier sind, möchten wir so viele Messungen wie möglich weiterhin durchführen.


Spüren Sie Angst?

Nein. Ich sehe das alles rational und in Peru ist die Zahl der Corona-Infizierten bislang noch vergleichsweise gering. Aber ich verstehe auch, dass einige im Team verunsichert sind. Das Militär auf den Straßen macht Angst, auch wenn die Sicherheitskräfte bislang freundlich zu uns sind. Peru hat die Grenzen komplett geschlossen, es kommt niemand mehr hinein, und derzeit auch niemand mehr raus. Der kommerzielle Luftverkehr ist komplett eingestellt. Die Unsicherheit darüber, wann es wieder eine Möglichkeit zur Ausreise gibt, zehrt einigen an den Nerven. 

Wie sieht Ihre Arbeit derzeit aus? 

Vor Callao befindet sich eines der ertragreichsten Meeresgebiete auf der ganzen Welt. Wir erforschen, wie sich dieses Gebiet durch den Klimawandel verändert. Dafür haben wir im Januar neun Experimentieranlagen vor der Küste Perus ausgesetzt, in denen wir Umweltveränderungen simulieren. Derzeit besteht unser Team noch aus 50 Forschern verschiedener Länder. 

Jetzt hoffen die meisten von uns, bald per Evakuierungsflüge nach Hause zurückkehren zu können. Noch ist aber nicht klar, wie wir das kostbare Probematerial und unsere Ausrüstung aus dem Land bekommen. Wir sprechen hier allein von zehn Containern mit Expeditionsmaterial. Und unsere Experimentieranlagen können wir ja auch nicht einfach im Meer verankert lassen. Wir stehen also vor einer riesigen logistischen Herausforderung.  

Wann haben Sie das letzte Mal lauthals gelacht? 

Es gab hier die letzte Zeit leider nicht viel zu lachen. Für uns steht sehr viel auf dem Spiel. Zum Glück haben wir aber auch ein paar Frohnaturen im Team. Das hilft, dass die Stimmung immer mal wieder aufgehellt wird.

Interview: Vivian Pasquet

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