Krisen bewätigen "Glück ist nicht wichtig im Leben. Sinn ist wichtig"

Der Tod eines geliebten Menschen, ein ­Unfall, eine schwere Krankheit: Zu jedem Leben gehören auch Krisen. Wie meistern wir sie am besten? Ein Kurzinterview mit dem Philosophen Wilhelm Schmid über Leid und Glück
Lebenssinn

Was kann ich in der Krise tun, damit es mir besser geht?

Quäle dich. Mit Selbstvorwürfen und Zweifeln, denn die sind sowieso da. Sie zu unterdrücken verschwendet nur Kraft. Quäle dich, bis du dessen überdrüssig wirst und dich lieber damit beschäftigst, aus deiner Situation das Beste zu machen.

Macht mich das wieder glücklich?

Ach, Glück! Wenn wir glücklich sind, bleiben wir es ja doch nicht. Und umgekehrt: Wenn uns etwas ins Unglück stürzt, dann müssen wir nicht auf Dauer unglücklich bleiben. Oft ändert sich die Situa- tion von selbst. Sie ändert sich aber auch, indem ich aus meinem Unglück etwas mache, was mir sinnvoll erscheint. Glück ist nicht wichtig im Leben. Sinn ist wichtig.

Wie finde ich Sinn nach der Krise?

Indem ich mich auf das konzen­triere, was mir Freude macht. Indem ich aufschreibe, was mir geschehen ist. Indem ich anderen beistehe, denen es genauso geht. Kranke Menschen etwa eignen sich schnell Wissen über ihre Krankheit an. Damit können sie anderen helfen. Wenn ein Mensch in seinem Leid Sinn sieht, steht er mehr Schwierigkeiten durch. Sinn gibt Kraft. Das kann dazu führen, dass Menschen nach einem Bruch sagen: Ich habe ein tieferes Verständnis vom Leben bekommen, habe gelernt, auf wen ich vertrauen kann. Ich hätte es nicht anders haben wollen.

Wie kann ich etwas verändern?

Indem ich begreife: Leben ist Gegensätzlichkeit. Es gibt keinen Menschen, der immer glücklich ist. Unglück gehört zu einem erfüllten Leben. Ich kann mich dagegen wehren und fürchterlich leiden. Oder ich sage: Gut, ich bin einverstanden. So entsteht eine Lebenseinstellung, mit der ich jeden Bruch überwinden kann.

Wilhelm Schmid

Wilhelm Schmid ist Philosoph und Bestseller-Autor. 2012 wurde ihm der deutsche Meckatzer-Philosophiepreis verliehen, 2013 der schweizerische Égner-Preis für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst

Erste Hilfe: Vier Tipps für persönliche Krisen

  • Vorbereitet sein: Einen Flugzeugabsturz überleben meist die, die sich den Weg zum Notausgang gemerkt haben. Das funktioniert auch bei einer Krise: Wer vorher ein Szenario durchdenkt – eine Kündigung, eine schlimme Diagnose, den Tod der Eltern –, den lähmt die Angst im Notfall weniger. Wer steht mir bei? Wo liegen die Dokumente? Was wäre mein Plan B?
     
  • Gutes zählen: Es gibt mehr helle Momente am Tag, als man denkt. Ein Trick, um sich das Gute bewusst zu machen: Ein paar Eincentmünzen in die linke Hosentasche stecken, und wenn etwas schön erscheint, ob ein Lob, ein Duft oder ein Lächeln, wandert eine Münze von der linken in die rechte Tasche. Am Abend wird gezählt.
"Glück ist nicht wichtig im Leben. Sinn ist wichtig"
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  • Sinne anwerfen: Auch bei großem Kummer muss niemand 24 Stunden lang leiden. Es hilft, sich eine kurze Auszeit zu gestatten und zu verordnen. Was tut mir gut? Was fällt mir leicht? Die Blätter am Baum vor der Tür ansehen, Gras berühren, Stadtgeräuschen lauschen. Wer die Sinne anwirft, dämpft den Schmerz.
     
  • Digitale Helfer nutzen: Das von Experten entwickelte Programm iFightDepression navigiert durch Krisen – mit ärztlicher Begleitung; die App Moodgym hilft, mit psychischen Belastungen umzugehen.