Medizin Können Mehrfach-Impfungen das Immunsystem überfordern?

Eine Hand hält ein Fläschchen mit Impfstoff
Lieber mehrmals impfen oder nur einmal pieksen lassen? Fachleute geben eine klare Empfehlung
© Heidi Mayer / plainpicture
Mehrere Impfungen an einem Termin – etwa gegen Grippe, Corona und Gürtelrose – gelten nach aktueller Datenlage grundsätzlich als gut verträglich und überfordern das Immunsystem nicht. Was das RKI und die Stiko dazu sagen 

Im Herbst häufen sich die Impftermine: Die Immunisierung gegen Gürtelrose wird nun auch für Risikogruppen unter 50 Jahren empfohlen. Daneben stehen für viele jahreszeitbedingt der Grippe- und Coronaschutz an. Viele Menschen fragen sich, ob der Körper mehrere Immunisierungen kurz hintereinander oder sogar gleichzeitig überhaupt wegsteckt. Der Tenor von RKI und Stiko: Ja, das ist in der Regel gut möglich.

Kann man mehrere Pikse ohne Bedenken auf einmal erhalten?

Mehrere Impfungen bei einem Termin gelten für gesunde Menschen als unbedenklich. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wird das Immunsystem durch mehrere Spritzen nicht "überfordert": Es ist so leistungsfähig, dass es parallel auf eine große Zahl von Impfstoffen reagieren kann. Bei jeder Impfung bekommt der Körper nur eine harmlose Version eines Erregers oder einen kleinen Baustein davon präsentiert, woraufhin er gezielt Antikörper und Gedächtniszellen bildet, die bei einem Kontakt mit dem echten Krankheitserreger sofort reagieren können.

Braucht es bestimmte Wartezeiten zwischen den Spritzen?

Lebendimpfstoffe – etwa gegen Masern, Mumps, Röteln oder Windpocken – können laut der Ständigen Impfkommission (Stiko) oft problemlos bei einem Termin gemeinsam gegeben werden. Werden sie nicht gleichzeitig verabreicht, sollte zwischen zwei Lebendimpfungen normalerweise ein Abstand von mindestens vier Wochen liegen, damit der Organismus auf beide Reize voll reagieren kann. Der Hintergrund: Nach einer Lebendimpfung läuft eine Art "Virus-Trainingsprogramm", bei dem Botenstoffe des Immunsystems vorübergehend die Reaktion auf weitere, sehr ähnliche Impfviren dämpfen können.

Bei Totimpfstoffen sieht es entspannter aus. Diese Präparate enthalten nur abgetötete Erreger oder Bruchstücke davon und werden etwa gegen Gürtelrose, Diphtherie, Tetanus, Hepatitis B und in der Regel auch bei der Grippe-Impfung eingesetzt. Zwischen verschiedenen Totimpfstoffen – oder zwischen Tot- und Lebendimpfstoffen – ist nach Stiko in den meisten Fällen kein besonderer zeitlicher Abstand vorgeschrieben; sie können also auch bei einem Termin kombiniert werden. Auch die gängigen Corona-Impfstoffe auf mRNA-Basis zählen zu den Totimpfstoffen, da sie keine vermehrungsfähigen Erreger enthalten.

Entscheidend ist am Ende immer die individuelle Situation: Welche Impfungen sind medizinisch wirklich nötig, wie hoch ist das persönliche Risiko, und wie fühlt sich die Person aktuell körperlich? Diese Fragen klärt man am besten in Ruhe in der Praxis – dann lässt sich meist gut planen, welche Spritzen am selben Tag sinnvoll sind und was sich gegebenenfalls auf einen späteren Termin verschieben lässt.

Gibt es eine Maximalzahl an gleichzeitigen Immunisierungen?

Die Stiko, die wissenschaftliche Empfehlungen für Impfungen in Deutschland erarbeitet, gibt nicht verbindlich an, wie viele Injektionen auf einmal verabreicht werden können. Eine solche Entscheidung müssten Betroffene mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt treffen, heißt es vom RKI, an dem die Stiko angesiedelt ist.

Manche Hausärzte mögen zögern, sehr viele Stiche auf einmal zu verteilen, sagt der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl. "Nicht etwa, weil sie die Stiko-Empfehlung nicht kennen, sondern weil sie befürchten, dass bei mehreren Impfungen gleichzeitig die Impfreaktionen zu hoch sein könnten." Außerdem sei es dann leichter, wenn tatsächlich schwerere Reaktionen oder Nebenwirkungen auftreten sollten, diese einem bestimmten Mittel zuordnen zu können, so der Immunologe.

Mit einem Mal gegen Grippe und Corona?

Diese beiden Immunisierungen können gleichzeitig gegeben werden. "Sie wirken beide genauso gut, wie wenn man sie einfach verabreicht", sagt Watzl. Die Stiche sollten nach Empfehlung der Stiko an unterschiedliche Gliedmaßen - also etwa in verschiedene Oberarme - gesetzt werden. Es seien bisher keine schwerwiegenden Unverträglichkeiten durch die gleichzeitige Gabe von mRNA-Impfstoffen gegen Covid und Influenza-Impfstoffen beschrieben worden, so die Behörde.

Sind Kombi-Impfstoffe besser?

Diese Präparate sind genauso sicher wie einzelne Dosen, haben aber den Vorteil, dass sie die Zahl der nötigen Injektionen verringern. Sie schützen also mit nur einem Stich vor mehreren Krankheiten gleichzeitig. Das bedeutet: weniger Arztbesuche, weniger Stress und ein geringeres Risiko für unerwünschte Reaktionen wie etwa Schmerzen an der Einstichstelle. Die Stiko empfiehlt sogar den Griff zu Kombi-Mitteln.

Es gibt etwa Sechsfach-Impfstoffe, die gegen Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Keuchhusten und Hepatitis B wirken, oder Vierfach-Präparate gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Nach Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit sind die Wirkstoffe so aufeinander abgestimmt, dass sie das Immunsystem nicht überfordern - auch nicht das von Säuglingen und Kleinkindern.

"Wenn ich einen Sechsfach-Impfstoff erhalte, bekomme ich nicht sechsmal so starke Impfreaktionen", beruhigt Watzl, sondern nur in dem Maß wie bei dem Bestandteil mit der stärksten Reaktion.

Was gilt bei Kindern?

Es stimmt, dass der Nachwuchs heutzutage gegen mehr Krankheiten immunisiert wird als früher. Dabei werden jedoch weniger Bestandteile des Erregers übertragen, die eine Immunantwort im Körper auslösen, als damals. Die Präparate sind heute hoch gereinigt und enthalten zumeist nur einzelne Teile des Erregers. 

"Bestimmte Infektionen können bei Säuglingen und Kleinkindern zu einem deutlich schwereren Krankheitsverlauf führen als bei älteren Kindern, zum Beispiel, weil die Atemwege bei Säuglingen noch sehr eng sind oder weil ihr sich noch entwickelndes Immunsystem bestimmte Infektionen nicht wirksam abwehren kann", schreibt das RKI. "Impfungen zum empfohlenen Impfzeitpunkt schützen Säuglinge und Kleinkinder vor Infektionen und möglichen schweren Folgen." Sie seien auch im Säuglingsalter verträglich.

Gibt es auch Mittel, die nicht gleichzeitig verabreicht werden sollen?

Das kann in Einzelfällen vorkommen. So wird aktuell etwa beim in Deutschland zugelassenen Lebendimpfstoff Ixchiq (Valneva) gegen das von Stechmücken übertragene Chikungunyafieber wegen der fehlenden Datenlage von einer gleichzeitigen Immunisierung gegen andere Erkrankungen abgeraten. Auskünfte wie diese sind in den Fachinformationen oder der Packungsbeilage zum jeweiligen Produkt zu finden.

In der Tropenmedizin sind Mehrfachverabreichungen aber gängig, allein weil die Betroffenen selbst unter einem gewissen Zeitdruck bis zur anvisierten Fernreise stehen. "Reisemediziner kennen es, viele Impfungen auf einmal zu geben", sagt Watzl.

sho