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Geschichte Die Toten im Torf: Was uns Moorleichen über die Germanen erzählen

Moorleiche
Die meisten Moorleichen sind zwischen 500 v. Chr. und 500 n. Chr. in den feuchten Grund gelangt
© mauritius images / Dr. Wilfried Bahnmüller / imageBROKER
Das Versenken von Toten im Moor ist eine der rätselhaftesten Sitten der germanischen Zeit. Und zugleich ein Quell an Informationen

Ein letzter Weg führt ihn durch einsames ­Ödland, weithin nur Sumpf, dürre Ästchen im Nebel. Der Germane, der irgendwann um das Jahr 200 n. Chr. in das Moor kommt, ist ungefähr 1,70 Meter groß und etwa 30 Jahre alt. Ob er allein ist, ob er verfolgt wird oder ob er überhaupt noch selber gehen kann, weiß niemand.

Jedoch: In der Stirn des Leichnams, auf den ein Torfarbeiter im Sommer 1871 bei Rendswühren in Schleswig-Holstein mit einem Spaten stößt, prangt ein Loch, der hintere Schädel ist geborsten.

Der „Mann von Rendswühren“ ist eine der ersten Moorleichen, die in Norddeutschland geborgen werden. Zahlreiche Details entlocken Mediziner und Altertumsforscher dem Toten: etwa dass ­seine Zähne abgenutzt im Kiefer standen, gezeichnet von grober Ge­treidekost. Dass er kurz vor seinem Ableben offenbar Hunger litt – Magen und Darm waren leer.

Etliche Untersuchungen mit modernen Methoden wurden bis heute angestellt. Und doch bleiben viele Fragen offen. Vor allem: War­um ereilte den Mann der Tod?

Einige Hundert solcher Moor­leichen sind bis heute dokumentiert. Der Großteil von ihnen taucht in Regionen rings um die Nordsee auf, in England und den Niederlanden, in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und in Dänemark. Viele wurden durch das besondere chemische Milieu bestimmter Moore so konserviert, dass nicht ausschließlich Knochen übrig blieben, sondern etwa auch Haut, Haare oder innere Organe erhalten sind.

Die meisten dieser Toten sind zwischen 500 v. Chr. und 500 n. Chr. in den feuchten Grund gelangt – in einer Ära, als die Menschen ihre Verstorbenen eigentlich ein­äschern. Nur wenige Höhergestellte, etwa Stammesfürsten, werden mancherorts mit intaktem Körper beigesetzt.

Möglicherweise galten Moore als Kontaktzonen zu überirdischen Mächten

Von den Toten im Torf aber ist kaum einer unversehrt. Wie der Mann von Rendswühren weisen viele Spuren brutaler Gewalt auf: haben durchschnittene Kehlen, zertrümmerte Schädel, gebrochene Beine.

Dennoch werden die meisten Leichname offenbar nicht achtlos ins Moor geworfen; einige ruhen unter ­einer sorgfältig hergerichteten Abdeckung aus Ästen, andere neben Beigaben wie Kleidern und Keramik.

Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, als mit der Zahl der Funde auch das Interesse an den Moorleichen wächst, folgen die meisten Forscher zunächst einer um 100 n. Chr. verfassten Notiz des römischen Geschichtsschreibers Tacitus, dass die Germanen „Feiglinge und Kriegsscheue“ in den Sümpfen versenkten: Die Toten sind demnach hingerichtete Verbrecher, die die Germanen im Moor beseitigten.

Heutige Wissenschaftler erwägen jedoch eine andere ­Theo­rie. Manche Leichname nämlich waren mit Pfählen durch den Körper festgesteckt oder mit Steinen beschwert. Möglich, dass jene, die sie ins Nebelland brachten, schlicht ihr Auftreiben verhindern wollten.

Möglich aber auch, dass die Menschen eine Heimsuchung durch Verstorbene fürchteten, die ihnen schon zu Lebzeiten nicht geheuer waren – so sehr, dass sie diese im Moor deponierten und gleich auf meh­rere Arten unschädlich machen wollten. Von einer Angst der Germanen vor Wiedergängern zeugen Runen­inschriften und isländische Erzählungen aus dem Mittelalter.

Und eine weitere Deutung ist denkbar. Die Moore, weder Land noch Wasser, weder tot noch belebt, gelten den Bewohnern Nord­europas womöglich als Kontakt­zonen zu überirdischen Mächten. Hier opfern sie ihren Göttern, versenken etwa Waffen, Speisen, Tiere. Und wohl auch Menschen.

Trotz tiefer Einblicke bleibt vieles der Moorleichen rätselhaft

Die Toten aus dem Moor, sie können wichtige Einblicke in die Zeit der Germanen gewähren. Trotzdem bleibt vieles rätselhaft. So auch beim Mann von Rendswühren: Stirbt er für die Gemeinschaft, muss er als Opfer sein Leben geben für fruchtbare Äcker oder göttlichen Schutz vor Feinden?

Etwas jedenfalls erscheint merkwürdig: Sein Gewand ist, als er gefunden wird, seltsam um den Kopf gewickelt, als sei es hochgerutscht. Eine Erklärung: Der Mann wurde erschlagen – und anschließend von seinem Mörder an den Füßen zum späteren Fundort geschleift.

Vielleicht also war es schlicht ein Gewaltverbrechen, das ihm zum Verhängnis wurde. 


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