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Währungsreform 1948 Der Weg zum Wirtschaftswunder

Mit der Währungsreform vom Juni 1948 schaffen die Alliierten die entscheidende Voraussetzung für den ökonomischen Wiederaufstieg Westdeutschlands. Doch statt des erhofften Aufschwungs beginnt nach der Einführung des neuen Geldes zunächst einmal eine schwere Wirtschaftskrise
Berliner Autosalon 1951

Fahrzeughersteller präsentieren auf dem Berliner Autosalon von 1951 ihre Wagen. Und beweisen die internationale Konkurrenzfähigkeit
der deutschen Industrie. Hier bewundert Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard einen dreirädrigen Goliath Rekordwagen

Das wohl wichtigste Gesetzeswerk der Bundesrepublik Deutschland entsteht, noch ehe dieser Staat überhaupt existiert. Kein Parlament entscheidet darüber. Und vorbereitet wird es wie eine geheime Kommandosache.

20. April 1948, Bad Homburg: Ein Bus der US Army hält vor der Villa Hansa, dem Sitz der „Sonderstelle Geld und Kredit“, die zum Wirtschaftsrat der anglo-amerikanischen Bizone gehört. Hier beraten deutsche Experten über das zukünftige Geldwesen in Westdeutschland. Kompetenzen haben die Fachleute jedoch nicht; und über ihre weiteren Pläne haben die Amerikaner sie vollkommen im Unklaren gelassen. Ein Colonel teilt den deutschen Ökonomen nun knapp mit, dass sie gleich für mehrere Wochen an einen anderen Ort gebracht würden, über den man aber noch nichts verraten könne; Abfahrt in wenigen Minuten. Dass die Amerikaner etwas mit ihnen vorhatten, haben die Deutschen gewusst, doch die kurze Frist überrascht viele. Wer keinen Koffer dabeihat, wirft Zahnbürste, Rasierzeug und Unterhosen zum Wechseln rasch in einen Waschmittelkarton.

Deutsche Mark - made in USA

Drei Stunden lang ist der Bus unterwegs; die Insassen können durch die Milchglasscheiben nicht erkennen, wohin es geht. Dann hält der Fahrer in einem mit Stacheldraht gesicherten US-Lager – einem früheren Fliegerhorst in der Nähe von Kassel, wie die Deutschen später hören. Sie werden hier einquartiert, jeder Außenkontakt ist verboten. Was sie dort genau zu tun haben, wird den Kasernierten erst drei Tage später mitgeteilt: Sie sollen in den kommenden sieben Wochen englische Texte, Fragebögen und Formulare übersetzen sowie Formulierungshilfen bei Gesetzen, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen geben – für die Einführung einer neuen Währung, der Deutschen Mark. Mehr erfahren sie nicht. Nur so viel: Änderungen der in Washington, London und Paris beschlossenen Währungsreform seien nicht vorgesehen, heißt es barsch.

Auch bei der Gestaltung der Banknoten dürfen die Deutschen nicht mitreden. Dass das Papiergeld im Nennwert von 10,4 Milliarden D-Mark bereits in den USA gedruckt worden ist und gerade nach Europa verschifft wird, wissen sie nicht einmal. 23 000 Holzkisten mit der Aufschrift „Bird Dog“, dem Codenamen der Operation, sind unterwegs. Die Fracht ist zur Täuschung nach Barcelona deklariert; das wirkliche Ziel aber ist Bremerhaven.

Rationen diktieren den Alltag

Die geplante Währungsreform ist dringend notwendig. Mehr als 300 Milliarden alte Reichsmark sind noch im Umlauf, doch können sich die Deutschen für dieses Geld kaum noch etwas kaufen. Zwar werden die Preise für Grundnahrungsmittel von den Besatzungsbehörden festgelegt und bewusst niedrig gehalten; ein Kilogramm Brot etwa kostet 37 Pfennig (auf dem Schwarzmarkt allerdings fast das Hundertfache). Doch ohne Lebensmittelmarken sind Nahrungsmittel nicht legal zu erwerben.

Alle zwei Monate bekommen die Haushalte eine Karte mit mehr als 150 Abschnitten; jeder steht für eine bestimmte Menge Nahrung. Fett etwa ist in Portionen von fünf bis 25 Gramm notiert, Zucker zehngrammweise. Die Rationen werden von den alliierten Behörden je nach Bedürftigkeit zugemessen, Schwerarbeiter und Mütter sollen mehr erhalten, Kinder auch etwas Obst. Im Geschäft legt man dann die abgeschnittenen Marken vor und zahlt mit Geld.

Für „Normalverbraucher“ (die keinen Anspruch auf Vergünstigungen haben) liegen die Rationen bei wenigen Gramm Fett und kaum mehr als einem Kanten Brot. Im März 1948 haben sie in der Bizone Anspruch auf eine Zuteilung von 1298 Kilokalorien am Tag. Daher fahren viele Großstädter aufs Land, um bei Bauern gegen Schmuck oder Teppiche eine Extraration Kartoffeln einzutauschen.

Aber auch die meisten anderen Güter sind rationiert – Textilien, Schuhe, Geschirr, sogar Kochlöffel – und auf dem Schwarzmarkt entsprechend teuer: Damenstrümpfe kosten bis zu 180 Reichsmark, eine amerikanische Zigarette ist für etwa sechs RM zu haben.

Die Wertverhältnisse sind durcheinandergeraten. Ein Bergmann im Ruhrgebiet verdient mit den fünf Eiern, die seine Henne in der Woche legt, fast dreimal so viel wie mit seiner regulären Arbeit unter Tage. Und weil immer wieder Gerüchte über eine Währungsumstellung laut werden, horten Hersteller und Händler Waren, denn keiner will seine Artikel gegen Reichsmark abgeben, die bald vermutlich nichts mehr wert sind. Oder aber er verlangt horrende Preise: 2500 Reichsmark für eine Herrenhose zum Beispiel.

18. Juni 1948: Währungsreform wird angekündigt

Am 18. Juni wird die Währungsreform – deren Ausführungsbestimmungen inzwischen von den Experten im Fliegerhorst übersetzt worden sind – der Öffentlichkeit angekündigt. Bereits zwei Tage später, an einem Sonntag, tritt sie in Kraft. Jeder Bewohner der drei Westzonen erhält 40 D-Mark (zwei Monate später weitere 20), abzuholen in Ausgabestellen für Lebensmittelmarken. Und schon am Montag darauf sind überall wieder jene Waren erhältlich, die verschwunden waren: Kochtöpfe, Zahnbürsten, Bücher, vor allem aber Lebensmittel. Leisten können sich diese Waren allerdings längst nicht alle. Denn gleichzeitig mit der Währungsreform hebt Ludwig Erhard die meisten Rationierungen und Preiskontrollen auf.

Der deutsche Ökonom ist eine Art Wirtschaftsminister der Bizone, zu der die USund die britische Besatzungszone am 1. Januar 1947 zusammengelegt worden sind; an der Währungsreform nimmt aber auch die französische Zone teil. Und da sich eine große Nachfrage nach Konsumgütern aufgestaut hat, können die Händler Höchstpreise verlangen: Ein Ei kostet 35 Pfennig neuer Währung, ein Kilo Schweinefleisch sieben D-Mark – und ein VW-Käfer 5300 DM. Das ist für die meisten völlig unerreichbar bei einem durchdurchschnittlichen Monatslohn von 250 DM.

Enteignung im großen Stil

Neben der Ausgabe des Grundbetrages pro Kopf ist die Reform aber vor allem ein radikaler Währungsschnitt – und das bedeutet: eine gewaltige Enteignung. Denn die Reichsmarkscheine und sämtliche private Sparguthaben in der alten Währung, die 5000 RM nicht überschreiten, werden in einem Verhältnis von 10:1 in neues Geld umgetauscht. Weil aber der Kopfbetrag auf die Umtauschsumme angerechnet wird, erhalten Kleinsparer in der Regel kaum etwas. So reduzieren sich 600 Reichsmark auf dem Sparbuch, die immerhin mehr als zwei Monatslöhnen entsprechen, auf 60 D-Mark Guthaben. Das ist genau so viel wie der Kopfbetrag – und damit nichts.

Aus 144 Milliarden Reichsmark Bankguthaben von Privatleuten und Unternehmen werden so auf einen Schlag 6,3 Milliarden D-Mark. Nach der Hyperinflation von 1923 verlieren die Deutschen zum zweiten Mal den Großteil ihrer Geldvermögen. Bei Löhnen und Renten gilt das Umstellungsverhältnis von 1:1, ebenso bei Mieten. Immobilienbesitzer gehören damit zu den Profiteuren der Reform (erst recht, wenn sie ihre Gebäude kreditfinanziert hatten, denn auch die Schulden von Privatleuten und Firmen werden 10:1 herabgesetzt). Sachvermögen wie Grundstücke, Fabriken, Warenlager sind von dem Währungsschnitt nicht betroffen.

Die "Stunde Null" - ein Mythos

Daher ist die Vorstellung, der 20. Juni 1948 sei eine „Stunde Null“ gewesen und jeder Deutsche habe mit 40 D-Mark anfangen müssen, nichts als ein Mythos. Ebenso wenig entspricht es der Wahrheit, dass die Währungsreform Ludwig Erhards Meisterstück ist. Der reklamiert sie zwar für sich, als er noch am Tag ihrer Umsetzung im Radio spricht und verkündet, der einzige Bezugsschein sei von nun an die D-Mark. In Wirklichkeit aber ist er ebenso wenig an deren konkreter Planung beteiligt gewesen wie irgendein anderer deutscher Ökonom oder Politiker. Der eigentliche Vater der D-Mark ist ein junger Leutnant der US-Luftwaffe namens Edward A. Tenenbaum – der Koordinator der „Operation Bird Dog“.

Bereits drei Tage später gibt es auch in der Sowjetischen Besatzungszone eine Währungsreform. Ähnlich wie im Westen erhalten die Menschen pro Kopf einen Grundbetrag des neuen Geldes – in der SBZ 70 „Deutsche Mark der Deutschen Notenbank“. Das ist allerdings nicht wirklich neu: Auf die alten Reichsmark-Banknoten werden in der SBZ einfach nur farbige, briefmarkengroße Kupons geklebt.

Mit der doppelten Währungsreform ist Deutschland ökonomisch nun de facto zweigeteilt. Damit ist die wirtschaftliche Neuordnung der politischen um gut elf Monate voraus. Denn im folgenden Jahr entstehen auf deutschem Boden zwei neue Staaten. Freilich sind es diesmal tatsächlich deutsche Politiker, die den Plan für die Gründung der Bundesrepublik entwerfen – auch wenn sie den Auftrag zur Schaffung einer Demokratie am 1. Juli 1948 von den Besatzungsmächten erhalten (während in der SBZ die Kommunisten um Walter Ulbricht bei der Gründung der DDR nichts als Handlanger des Sowjetdiktators Josef Stalin sind). Am 8. Mai 1949 verabschiedet der aus Abgeordneten der Westzonen zusammengesetzte Parlamentarische Rat das Grundgesetz für die Bundesrepublik – bewusst als Provisorium gedacht, um die Teilung des Landes nicht weiter zu verfestigen. Dennoch wird es zu einer stabilen Grundlage des neues Staates.

Ein ähnlich dauerhafter Notbehelf ist die Kapitale des neuen Staates: die Provinzstadt Bonn – ausgesucht, weil sie kaum zerstört ist, vor allem aber, weil Konrad Adenauer es so will, der Präsident des Parlamentarischen Rates und erste Bundeskanzler. Frankfurt am Main, als Sitz der Bizonen-Verwaltungen eigentlich der Favorit, ist dem Politiker zu unruhig, sozialdemokratisch und urban.

Konrad Adenauer - ein politischer Neuanfang?

Adenauer ist ein Politiker aus einem untergegangenen Zeitalter: Jahrgang 1876, ein Patriarch, katholisch und antikommunistisch, aber auch entschiedener Gegner des NS-Regimes. Ein brillanter Taktiker und sicherlich der begabteste Staatsmann Westdeutschlands.

Die Autorität Adenauers stützt sich allerdings auch auf Angehörige einer Elite, die schon im Nationalsozialismus der Macht sehr nahe standen. Die joviale Altväterlichkeit des CDU-Politikers übertüncht, dass beispielsweise Hans Globke, sein engster politischer Vertrauter, einst ein hoher Beamter im Reichsinnenministerium gewesen ist. Hermann Josef Abs, Finanzberater und Freund des Kanzlers, mächtigster Bankier der Bundesrepublik, war schon während des Krieges Vorstand der Deutschen Bank und Aufsichtsrat der IG Farben, die in Auschwitz ein eigenes Lager unterhielt. Adenauers Berater in Militärfragen schließlich wird Erich von Manstein, Generalfeldmarschall unter Hitler und von den Briten wegen Kriegsverbrechen zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt (aufgrund eines Augenleidens aber vorzeitig entlassen). Insgesamt kommt es in diesen Jahren zu keiner entschlossenen und transparenten Auseinandersetzung der Deutschen mit den Verbrechen des NS-Regimes – und der Frage, wie schuldig sie selber geworden sind.

„Der Bundeskanzler der Alliierten!“

Auch gesellschaftlich steht die Bundesrepublik anfangs nicht gerade für einen Aufbruch. Später werden Kritiker von den „bleiernen Jahren“ sprechen und vom „Muff“ der Adenauer-Zeit, etwa wenn es um die verklemmte Sexualmoral geht, um die Intoleranz gegenüber der sich gerade in Ansätzen entwickelnden Jugendkultur oder um das Verhältnis zwischen Frau und Mann: Zwar postuliert Artikel 3 des Grundgesetzes die Gleichheit beider Geschlechter. Doch das Bürgerliche Gesetzbuch stellt wie zu Kaisers Zeiten klar, dass allein der Mann wichtige Entscheidungen über Ehe, Erziehung und Finanzen zu treffen hat, die Gattin etwa nur mit seiner Erlaubnis arbeiten gehen darf.

Während der Mann als Haushaltsvorstand das Geld verdient, erzieht sie die Kinder im Sinne der herrschenden Moral. Und die ist rigide: Eine von den Kultusministern der Länder autorisierte Selbstzensur der Filmwirtschaft entscheidet, was als staatsfeindlich oder jugendgefährdend zu gelten hat – etwa die sekundenkurze Nacktszene der Schauspielerin Hildegard Knef in dem Film „Die Sünderin“ (1950).

Kinoproduktionen und Schlager propagieren die Ideale von Heimat, Liebe, Treue – und sehr viel Autoritätshörigkeit: Förster, Gendarmen, Richter verkörpern auf der Leinwand die gütige Obrigkeit, und selbst ein vermeintlicher Antikriegsfilm wie „Des Teufels General“ von 1955 heroisiert einen hochdekorierten Wehrmachtsgeneral. Auch Konrad Adenauer setzt bei seinen Wahlkämpfen auf die Autorität seines Amtes, etwa wenn er von Plakaten herab verkündet: „Keine Experimente!“

Ludwig Erhard und Konrad Adennauer

Als erster Bundeskanzler sucht Konrad Adenauer (r.) eine enge Bindung der jungen Republik an den Westen. Ludwig Erhard, der erste Wirtschafts­minister der Bundesrepublik, ist der Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft

Außenpolitisch ist Adenauers Blick hingegen alles andere als rückwärtsgewandt. Vor allem ist er sich sicher, dass die Bundesrepublik durch Friedlichkeit, makellose Vertragstreue und Verlässlichkeit das Vertrauen der Westmächte gewinnen muss. Rasch. Denn er fürchtet, Washington, London und Paris könnten sich doch noch über die Köpfe der Deutschen hinweg mit Moskau auf eine Neutralität des besiegten Landes einigen, das dann wohl unter sowjetischen Einfluss geraten würde.

Nach wie vor stehen die Westdeutschen ja unter Kuratel der Besatzer. Die amerikanischen, britischen und französischen Hochkommissare bleiben zuständig für militärische Fragen und Außenpolitik, sie kontrollieren Gesetzgebung, Verwaltung, Wirtschaft, Außenhandel. Und sie können alle der Bundesregierung überlassenen Kompetenzen wieder abschaffen. De facto ist Westdeutschland damit ein Protektorat. Erst 1955 wird die Bundesrepublik souverän, verliert das Besatzungsstatut seine Gültigkeit (bis auf geringe Ausnahmen, die sich vor allem auf Berlin beziehen). Adenauer sucht die enge Bindung an den Westen – und wird dafür von seinen Gegnern geschmäht. Als er dem Bundestag seine Außenpolitik erläutert, höhnt Oppositionsführer Kurt Schumacher von der SPD: „Der Bundeskanzler der Alliierten!“

Machtspiele im Bundestag um die Schlüsselperson Ludwig Erhard

Schumacher, ein Invalide des Ersten Weltkriegs, dessen Körper durch zehn Jahre Haft und Folter unter den Nationalsozialisten zerstört worden ist, tritt auf als Volkstribun mit schneidender Rhetorik. Nicht zuletzt der Widerwille der Menschen gegen seine Schärfe lässt die CDU/CSU bei der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 mit 31 Prozent der Stimmen zur stärksten Fraktion werden (die SPD erreicht 29 Prozent). Eine von vielen gewünschte Große Koalition verhindert Adenauer aber, schmiedet stattdessen ein Bündnis mit der FDP und der rechtskonservativen Deutschen Partei. Dabei treibt ihn vor allem die Furcht, sonst Ludwig Erhard zu verlieren, den prominentesten Unionspolitiker, der die Währungsreform als seinen Erfolg reklamiert.

Erhard sieht in dem Gegensatz von sozialer Marktwirtschaft zu sozialistischer Planwirtschaft (wie die SPD sie propagiert) mehr als nur eine Frage der effizienten Organisa- tion der Ökonomie – nämlich die Entscheidung zwischen freiem Willen und Verantwortungsbewusstsein sowie „Intoleranz, geistiger Unfreiheit, Tyrannei und Totalitarismus“, wie er schreibt. Also zwischen Gut und Böse.

Wirtschaftswunder braucht eine Starthilfe

Dabei ist der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft zu diesem Zeitpunkt noch höchst fraglich. Westdeutschland steckt mitten in einer schweren Krise. Das Wirtschaftswunder braucht eine Starthilfe. Trotz der Milliardenschäden, der zerstörten Städte und Industrien, der Trümmer und Millionen Toten ist das ökonomische Potenzial Deutschlands in den Nachkriegsjahren zwar nach wie vor groß. Denn schließlich sollten die alliierten Luftangriffe vor allem die Moral der Menschen in den Großstädten brechen; und so sind siebenmal mehr Bomben auf Wohnviertel und Verkehrseinrichtungen gefallen als auf Industrieunternehmen. Wirtschaftshistoriker schätzen daher den Wert aller Produktionsanlagen in den Westzonen höher ein als vor dem Krieg – das NS-Regime hat ja gewaltige Investitionen in die Rüstungsproduktion gelenkt. Zugleich schafft die Verwüstung der Innenstädte starken Nachholbedarf: Sechs Millionen Wohnungen müssen neu gebaut werden.

Gesehen mit dem kalten Blick des Ökonomen, hat noch eine weitere Katastrophe wirtschaftlich eher positive Folgen: die Vertreibung aus dem Osten. Mehr als sieben Millionen Erwerbsfähige sind in den Westen geflohen – Menschen, die nicht mehr ausgebildet werden müssen. Und der Strom der Zuzügler reißt nicht ab: Aus der DDR kommen in den 1950er Jahren gut 20 000 Ingenieure, 1000 Professoren sowie Hunderttausende Facharbeiter in die Bundesrepublik.

Arbeitslosenquote steigt rasant an

Und dennoch: Nach der Währungsreform taumeln die Westzonen zunächst in eine Krise. Die Preise steigen rasch, während ein Gesetz Lohnerhöhungen zunächst verbietet. Woraufhin die Gewerkschaften Millionen Arbeiter am 12. November 1948 zu einem 24-stündigen Generalstreik aufrufen – dem ersten und einzigen in Westdeutschland nach dem Krieg. Zugleich nimmt die Zahl der Arbeitslosen rasant zu. Die Betriebe haben nicht genug Kapital, um in Maschinen zu investieren. Auch fehlt es an Kohle, die die Alliierten als Reparationen für sich beanspruchen.

So kommt es zu einer massiven Entlassungswelle: Vor der Währungsreform mussten Unternehmen nicht besonders auf die Produktivität achten – mehr Arbeiter einzustellen hieß, mehr zu produzieren, die dabei steigenden Lohnkosten konnten in Zeiten der wertlosen Reichsmark vernachlässigt werden. Mit dem neuen, knappen Geld aber beginnen die Rationalisierungen. 1949 sind eine Million Menschen erwerbslos, im Februar 1950 schon doppelt so viele. Unter Vertriebenen erreicht die Arbeitslosenquote 40 Prozent. Wesentliche Teile der deutschen Industrie liegen brach.

Sogar die Amerikaner geraten in Panik. Energisch verlangt John McCloy, der oberste Repräsentant der US-Militärverwaltung, von Adenauer und Erhard eine „bedeutende Modifizierung der Marktwirtschaft“ – und meint de facto deren zeitweilige Abschaffung. Die Deutschen sollen zurückkehren zur staatlichen Wirtschaftslenkung und zu strengen Preis- und Devisenkontrollen. Es sei in diesen bedrohlichen Zeiten nicht angebracht, wird ihnen bedeutet, Luxusgüter herzustellen.

Zum Schein geht Ludwig Erhard auf die Forderungen der USA auch tatsächlich ein, kündigt ein großes staatliches Investitionsvorhaben an, das allerdings in Wirklichkeit
kaum mehr ist als eine Zusammenfassung schon bestehender Programme. Nicht einmal die Hilfen aus dem amerikanischen „Marshallplan“, einem milliardenschweren Unterstützungsprogramm für die europäische Wirtschaft, bringen zunächst ein Ende der Krise. Denn nach Westdeutschland fließen weitaus weniger Mittel als etwa nach Frankreich und Großbritannien. Zudem kommen sie zu spät, um einen Aufschwung herbeizuführen.

Stellungskrieg sorgt für Exportboom

Und so ist es schließlich ausgerechnet ein Krieg, der die vom Krieg verheerte deutsche Wirtschaft belebt. Am 25. Juni 1950 überfällt das kommunistische Nordkorea den mit den USA verbündeten Süden des Landes und nimmt fast die gesamte ostasiatische Halbinsel ein. Daraufhin entsendet die Uno eine internationale Streitmacht unter Führung der Amerikaner nach Korea, die weite Teile des Landes zurückerobert. Nun erhält Pjöngjang Unterstützung von China; der Konflikt entwickelt sich zu einem brutalen Stellungskrieg.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs müssen die USA ihre Volkswirtschaft erneut für einen Krieg mobilisieren; bis 1953 wird Washington 30 Milliarden Dollar für Rüstungsgüter ausgeben (in heutigen Preisen mehr als die zehnfache Summe). Die dafür eingesetzten Fabriken stehen nicht mehr für die Herstellung ziviler Waren zur Verfügung – und diese Lücke nutzen vor allem Unternehmen aus der Bundesrepublik, dem einzigen Land der westlichen Welt, das erhebliche freie Produktionskapazitäten hat. Daher beginnt im Frühjahr 1951 ein deutscher Exportboom; die Ausfuhren verdoppeln sich binnen Kurzem. Der außenwirtschaftliche Wachstumsschub geht über in eine Hochkonjunktur, die fast ununterbrochen bis 1973 anhalten wird. In den 1950er Jahren wächst die westdeutsche Wirtschaft um durchschnittlich 8,5 Prozent, weltweit ein nie zuvor registrierter Anstieg. Das Realeinkommen der Deutschen verdoppelt sich in dieser Dekade, die Arbeitslosenquote sinkt auf ein Prozent. Nach zwei verlorenen Kriegen mit Millionen Toten, Hyperinflation und Währungsschnitt, nach den Zerstörungen des Luftkrieges, Vertreibung, Verlust der Ostgebiete und der Teilung des Landes muss das den Deutschen zu Recht wie ein Wunder erscheinen.