Psychologie Macht Achtsamkeit unanfällig für schlechtes Gewissen?

Eine Studie aus Kassel zeigt: Wer Achtsamkeitsübungen absolviert, kommt besser mit Schuldgefühlen klar – zum Beispiel Tieren gegenüber
Achtsamkeitsübung

Achtsamkeitsübungen werden auch im Westen immer beliebter

Achtsamkeit ist hoch im Kurs; Achtsamkeits-Techniken gelten in der therapeutischen Arbeit mit Depressiven, in der Schule und Manager-Seminaren als Wunderwaffe ohne Nebenwirkungen für einen besseren Umgang mit den eigenen Emotionen. Auch die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen mittlerweile die Kosten für Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), also die Stressbewältigung durch Achtsamkeit.

Aber macht Achtsamkeit die Welt besser? Oder wenigstens den Menschen? Zweifel daran schüren Untersuchungen von Simon Schindler. Der Kasseler Sozialpsychologe und seine Kollegen Stefan Pfattheicher und Marc-André Reinhard wollten in einer Serie von fünf Studien mit 700 Probanden herausfinden, welchen Effekt Achtsamkeitsübungen auf moralisch motiviertes Verhalten haben.

Ihre These: Achtsamkeit richtet die eigene Aufmerksamkeit auf Eindrücke und Gefühle, ohne sie sofort zu bewerten. Moralische Handlungen, die oft aus einer unkontrolliert emotionalen Reaktion erfolgen, könnten so abgeschwächt werden.

Fleisch essen mit Achtsamkeit – und ohne schlechtes Gewissen

Um diese These zu testen, konfrontierten die Forscher eine Gruppe Fleisch essender Probanden mit Bildern und Informationen aus der Massentierhaltung und deren Effekt auf das Klima - und machten dann mit ihnen kurze Atemübungen, die die Achtsamkeit steigern. Eine Vergleichsgruppe machte keine Atemübungen. Tatsächlich zeigte die erste Gruppe im Schnitt weniger Neigung, aufgrund der abschreckenden Informationen ihren Fleischkonsum einzuschränken.

Die zweite Gruppe dagegen war dazu durchaus bereit – offenbar beeindruckt durch das präsentierte „belastende“ Material und getrieben von ihrem schlechten Gewissen. Die Forscher folgern daraus, dass Achtsamkeit tatsächlich das Mitgefühl mit anderen Lebewesen abschwächen kann. Und damit den Impuls, das eigene Verhalten zu ändern.

Positive Effekte der Achtsamkeit sind anerkannt

Der Sozialpsychologe Simon Schindler ist übrigens nach wie vor von den positiven Effekten von Achtsamkeitsübungen überzeugt. „Achtsamkeit ist ein tolles Instrument, um Stress zu reduzieren und eine Entspannung herbeizuführen. Da ist die Befundlage eigentlich ganz gut“, sagte Schindler im Deutschlandfunk. Er wolle lediglich für mögliche negative Nebenwirkungen der Achtsamkeit sensibilisieren.

Kritik erntete der Befund von pädagogischer Seite. So konterte Josef Keuffer, Direktor des Instituts für Lehrer-Bildung und Schulentwicklung an der Universität Hamburg: Mit Achtsamkeitsmethoden könne man eine bessere Fokussierung erreichen und zwischen Reiz und Reaktion einen kleinen Zeitraum legen – um nicht in ein Hamsterrad zu geraten. Der These, dass das Gewissen geschwächt werde, könne er nicht folgen.

Keuffer plädiert aber dafür, Achtsamkeit in der Schule „wertebasiert“ zu vermitteln, also parallel auch Empathie und Mitgefühl zu stärken.