Berlin-Blockade 70 Jahre Luftbrücke: Eine Stadt als Geisel

Nach Hitlers Ende teilen die Sieger das Reich sowie die einstige Kapitale Berlin untereinander auf, zerstreiten sich dann aber über die Frage, was mit Deutschland geschehen soll. Im Juni 1948 eskaliert der Konflikt - und die sowjetischen Besatzer legen eine Blockade um Westberlin. Die Westmächte aber kapitulieren nicht, sondern starten eine »Luftbrücke«. Erst 322 Tage und mehr als 270 000 Hilfsflüge später öffnen sich am 12. Mai 1949 die Grenzen
Hurra, wir leben noch!

Nach 322 Tagen und mehr als 270 000 Hilfsflügen öffnen die sowjetischen Behörden am 12. Mai 1949 die Grenzen: Die Bürger der Stadt können wieder durch die Ostzone nach Westdeutschland reisen. Dieser Bus wird bei seiner Abfahrt nach Hannover von den Einwohnern bejubelt. Die West-Alliierten haben im Kampf um Berlin gesiegt. Doch der Kalte Krieg hat gerade erst richtig begonnen

Berlin ist das Kraftwerk des Kalten Krieges. Hier wird jene unheimliche, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verfinsternde Auseinandersetzung, irgendwo zwischen Nicht-Frieden und Nicht-Kampf, immer wieder angeheizt. Der Kalte Krieg beginnt (auch) in Berlin,  er geht hier durch mehr als eine dramatische Wendung, und er wird in dieser Stadt schließlich symbolisch enden.

In dieser fast genau vier Jahrzehnte währenden Ära ist wohl keine Zeit so entscheidend wie jene Monate zwischen Sommer 1948 und Frühjahr 1949, in denen es zur „Berlin-Blockade“ kommt.

Ein einziger Mann, der sowjetische Diktator Josef Stalin, nimmt eine Metropole als Geisel. Er blockiert vom Juni 1948 an für über zwei Millionen Berliner jede Nahrungsversorgung, selbst die Milch für die Kinder kann die Sperren der Roten Armee nicht mehr passieren.

Kein Kilowatt Strom gibt es mehr für Westberlin, keine Kohle im Winter, nicht einmal Heu für jene Kühe, die in westlichen Ställen stehen. Und das soll so lange andauern, bis Berlin kapituliert, bis die westlichen Alliierten ihre Sektoren aufgeben, bis sich die ganze Stadt dem Willen Stalins unterwirft.

Doch Berlin gibt sich nicht geschlagen, und die Alliierten lassen es nicht im Stich. Über eine „Luftbrücke“ wird, erstmals in der Geschichte, eine Großstadt mit Flugzeugen versorgt. Der Mythos vom „Rosinenbomber“ wird geboren, aus dem nicht mehr Sprengkörper auf die Hitler-Stadt, sondern Schokoladen auf die Frontmetropole regnen.

Und der Mythos vom „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“-Berliner entsteht, vom verarmten, hageren, doch in den Ruinen tapfer der Diktatur trotzenden Zivilisten. (Und wer will sich da noch daran erinnern, dass nur wenige Jahre zuvor Berliner in braunen, grauen und schwarzen Uniformen durch das Brandenburger Tor paradiert sind?)

322 Tage lang dauert die Blockade. Dann gibt Stalin auf, zermürbt von dem wirtschaftlichen, politischen und propagandistischen Misserfolg der Aktion.
Was für ein Triumph für den Westen! Für Berlin! Und was für eine Wendemarke im Kalten Krieg.

Denn zuvor haben die vier Sieger des Anti-Hitler-Kampfes noch miteinander kooperiert, wenn auch mürrisch und misstrauisch. Die Berlin-Blockade jedoch wird zum point of no return: Fortan ist die Welt zweigeteilt, wird jeder Ort zum Schachfeld, auf dem vor allem die Spieler in Moskau und Washington ihre Figuren platzieren. Und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass man, um die Blockade zu verstehen, den Blick zunächst auf Orte, Tausende Kilometer von Deutschland entfernt, richten muss. Denn Berlins Schicksal wird nicht an den Ufern der Spree entschieden, sondern an denen von Potomac und Moskwa.

Die Truman-Doktrin

Washington, 12. März 1947. US-Präsident Harry Truman tritt vor beide Kammern des Kongresses und hält vor den Parlamentariern eine programmatische Rede zur Außenpolitik, die schon bald als „Truman-Doktrin“ bekannt wird: „Im gegenwärtigen Augenblick der Weltgeschichte muss fast jede Nation zwischen zwei verschiedenen Lebensarten wählen. Die eine Art zu leben gründet sich auf den Willen der Mehrheit und zeichnet sich durch freie Institutionen, repräsentative Regierungen, freie Wahlen, Garantien persönlicher Freiheit, Freiheit der Rede und der Religion und Freiheit  von politischer Unterdrückung aus. Die zweite Lebensart hat als Grundlage den Willen einer Minderheit. Sie stützt sich auf Terror und Unterdrückung.“

Truman verkündet anschließend eine neue Strategie. Fortan werden die USA weltweit „freien Völkern“ beistehen, sich einer Unterwerfung zu widersetzen – gemeint ist ein von der Sowjetunion gesteuerter kommunistischer Umsturz.

Das gilt auch für den Feind von gestern: Deutschland. Die USA haben mit ihren Verbündeten Großbritannien und Frankreich im Westen des ehemaligen Deutschen Reiches drei Zonen militärisch besetzt. Sie verwalten auch drei Sektoren in der ehemaligen Hauptstadt Berlin, ein vierter untersteht Moskau. Diese Sektoren liegen wie eine Insel inmitten der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ).

Nachdem Truman seine Doktrin verkündet hat, ist klar: Die USA werden selbst diese winzige Exklave im Osten gegen jeden Druck Moskaus verteidigen. Mehr noch: General Lucius D. Clay, der US-Militärgouverneur in Deutschland, schätzt vor Journalisten Berlin ganz offen als „einzigartigen Beobachtungsposten nach Sowjet-Europa“ ein und als „enorm nützlichen Außenposten unserer Zivilisation“. Mit anderen Worten: Berlin ist das spionierende Auge und das werbende Schaufenster des Westens mitten in Stalins Machtsphäre.

Stalin und das Berlin Problem

Moskau, 26. März 1948. Im Kreml empfängt Stalin Wilhelm Pieck, den Vorsitzenden der kommunistisch dominierten ostdeutschen SED, sowie weitere Spitzenfunktionäre. Der Diktator und seine Genossen besprechen ein gemeinsames Problem: Berlin. Stalin würde Clays Einschätzung vom „Beobachtungs- und Außenposten“ wohl unterschreiben – eben deshalb ist Westberlin für ihn ja ein Ärgernis, nämlich ein vorgeschobener Posten der rivalisierenden Supermacht USA.

Für Pieck und seine Genossen sind aber nicht die Amerikaner das Hauptproblem: sondern die Sozialdemokraten. In ganz Berlin haben im Oktober 1946 die einzigen freien Wahlen über Zonengrenzen hinweg stattgefunden – und die SED hat, trotz massiver Hilfe der östlichen Besatzungsmacht, katastrophal verloren. Nicht einmal jeder fünfte Berliner hat für die allseits verhasste „Russenpartei“ gestimmt, fast die Hälfte hingegen für die SPD. Und im Herbst 1948 stehen erneut Wahlen an.

Sektorengrenze

Um diese Straße nach Westen zu blockieren, schaufeln Arbeiter an der Sektorengrenze Trümmerschutt von Lastwagen

Kaum etwas weiß man heute über die Gedanken des bereits wahnhaft misstrauischen, alternden Stalin. Welche Motive hat er damals, welche Pläne treiben ihn um? Nur wenige Dokumente oder Augenzeugenberichte überliefern Interna aus dem Kreml für diese Zeit. Doch Wilhelm Pieck macht sich regelmäßig Notizen nach Besprechungen, so auch unmittelbar nach diesem Treffen. Sie werden Jahrzehnte später für die Forschung zugänglich.

Demnach gestehen die Ostdeutschen, dass sie die kommende Wahl wohl nur dann gewinnen würden, wenn man die Alliierten aus Berlin vertreiben könnte. Ohne die Westmächte wäre man in der Lage, die Wahlen zu manipulieren, und die SED säße, wie sonst schon überall in der sowjetischen Besatzungszone, endlich auch in der alten Reichshauptstadt an den Hebeln der Macht.

Darauf Stalin: „Lasst uns einen gemeinsamen Versuch starten – vielleicht können wir sie hinausdrängen!“ Offenbar hat der Herrscher des Kremls zu diesem Zeitpunkt schon längst die Blockade beschlossen. Kühl kalkuliert er eine neue Art von Krieg ein – einen Krieg ohne einen einzigen Schuss.

Sollte die Rote Armee die Kanäle, Eisenbahnlinien und Straßen zwischen Westdeutschland und Westberlin blockieren, könnten sich die Amerikaner den Zugang in die Stadt nicht mit Gewalt erkämpfen, denn die nach 1945 größtenteils demobilisierte US Army ist dazu viel zu schwach. Kein Panzer würde rollen. Andererseits: Würden die Amerikaner dann gleich Atombomben werfen? Nur um die in Ruinen liegende Hitler-Stadt Berlin zu halten?

Solange die Rote Armee zwar die Wege blockiert, aber nicht auf die Amerikaner schießt, werden die Gegner auch nicht feuern, weder konventionell noch nuklear: Das ist Stalins Vabanquespiel.

Er will auf die Amerikaner und die mit ihnen verbündeten Briten und Franzosen nicht schießen lassen, er will sie langsam erwürgen. Blockiert er die Versorgungswege nach Berlin, so das Kalkül, dann wird die Situation dort in wenigen Wochen so unhaltbar, dass die Westmächte abziehen müssen. Die Sowjetunion wäre den lästigen US-Vorposten los, die SED hätte freie Hand in der Stadt.

„Die Ausräucherung der Westmächte wird nicht leicht“, warnt Wladimir Semjonow einen Monat nach dem Kreml-Treffen. Semjonow ist Politkommissar der SMAD, der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, und damit einer der beiden mächtigsten Statthalter Stalins im Land.

Vermutlich plant der Diktator die Berlin-Blockade für den Herbst 1948, nach einer sorgfältig orchestrierten diplomatisch-politischen Eskalation. Und so kommt es zunächst auch: Am 20. März 1948 verlässt der sowjetische Vertreter den Alliierten Kontrollrat, das formal oberste Gremium der Siegermächte, in dem die vier Militärgouverneure gemeinsam über die Belange des besiegten Deutschland bestimmen. Und vom 16. Juni 1948 an sitzt auch kein sowjetischer Abgesandter mehr in der Alliierten Kommandantur, dem Berliner Äquivalent zum Kontrollrat.

Fortan existiert keine alle vier Sektoren übergreifende alliierte Verwaltung mehr. Das werde „das Ansehen der Westmächte in Deutschland und Europa weiter untergraben“, vermutet Semjonow. Weshalb ein sowjetischer Rückzug das westliche Prestige schädigen sollte, bleibt allerdings sein Geheimnis.

Klar ist jedenfalls, dass Stalin sich schon zu diesem Zeitpunkt fatal verkalkuliert hat. So rechnet er unter anderem damit, dass der Westen in seinen Zonen eine neue Währung einführen wird, was Westdeutschland wirtschaftlich eng an die USA koppeln würde – aber er erwartet dies erst für den August 1948.

Doch schon am 18. Juni teilen ihm westliche Diplomaten mit, dass man die D-Mark in Umlauf bringen werde, und zwar bereits zwei Tage später. Schock. Konfusion. Stalin ist überrumpelt. Soll die unter US-Regie eingeführte D-Mark auch in der SBZ gelten? Unmöglich!

Per Dekret lässt er die neue Währung im Osten für illegal erklären. (Und schon Tage später werden die ersten Berliner, die D-Mark in der Tasche haben, von Polizeistreifen im Osten verhaftet.)

Eilig erfindet die SMAD stattdessen eine Ost-Mark – indem sie einfach die alten deutschen Reichsmarkscheine mit einem Coupon bekleben lässt. Trotzdem ist der 20. Juni 1948 der Tag der Währungsreform. In Westdeutschland bekommen die Menschen erstmals die neue D-Mark ausbezahlt.

Daraufhin kommt es zu Tumulten im Neuen Stadthaus, wo die 1946 gewählten Berliner Stadtverordneten tagen. Ein von der SED organisierter Demonstrationszug belagert das Gebäude, die von einem SED-Mann geführte Gesamt-Berliner Polizei bleibt tatenlos.  Die SPD-Abgeordnete Jeanette Wolff, eine Jüdin und KZ-Überlebende, wird geschlagen und als „Volksverräterin“ beschimpft.

Aber am Ende sind die wenigen SED-Parlamentarier die Einzigen, die gegen die Einführung der „Separatisten-Mark“ stimmen. (Ein symbolischer Akt, denn letztlich bestimmen in Berlin ja die Siegermächte über die Währung.)

In Westberlin haben die Besatzer immerhin, aus Rücksicht auf den besonderen Status der Vier-Mächte-Stadt, die neuen Scheine zusätzlich mit einem „B“ gestempelt – Zeichen dafür, dass Westberlin zwar den Westalliierten untersteht, aber staatsrechtlich nicht zu den Westzonen zählt. Eine juristische Finesse, die Josef Stalin nun auch nicht mehr besänftigen kann. Er will zurückschlagen. Und zwar früher als ursprünglich geplant.

Der Beginn der Berlin-Blockade

Flugzeug

Nachtschicht: Die Sowjettruppen greifen die alliierten Flugzeuge nicht an – denn das käme einer Kriegserklärung gleich

Donnerstag, 24. Juni 1948. In der Nacht kappt der Berliner Energieversorger Bewag auf Befehl der SMAD die Stromversorgung aus zwei im Osten gelegenen Kraftwerken in den Westen der Stadt.

Am Morgen bringt die im Osten erscheinende „Tägliche Rundschau“ auf Seite eins (aber eher unauffällig) die Meldung: „Störung an der Eisenbahnstrecke Berlin–Helmstedt“.

Auch die Autobahn nach Helmstedt wird, so begründet es die SMAD, wegen „dringender Reparaturarbeiten“ sofort gesperrt. Und auf den Wasserstraßen sind es die Schleusen, die auf einmal „repariert“ werden müssen.

Die Westberliner Bevölkerung erfährt im Laufe des ersten Tages nach und nach von der so beiläufig eingeleiteten Blockade: aus dem Radio, über Mundpropaganda – und aus einer Rede ihres designierten Oberbürgermeisters. Im Hertha-Stadion am Gesundbrunnen spricht Ernst Reuter vor 70 000 Bürgern, die eigentlich gekommen sind, um für die Währungsreform zu demonstrieren.

Doch nun muss der SPD-Politiker berichten, dass Stalin den Berlinern mit Hunger droht. „Das ist Erpressung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, empört sich Reuter und verkündet: „Berlin wird nicht drankommen! Wir werden uns mit allen Mitteln, über die wir hier verfügen, bis zum Äußersten gegen  den Machtanspruch wenden, der uns zu  Sklaven, der uns zu Heloten einer Partei machen will.“

So beginnt die Berlin-Blockade – ohne eine formale Erklärung der Sowjetunion –, und so wird sie auch all die Monate weitergehen. Es ist kein offizieller Akt, der etwa mit einem Regierungsdekret einsetzt. Die Blockade bleibt stets ein über die Zeit immer perfider ausgewähltes Bündel aus Schikanen, die meist mit technischen Problemen begründet werden und manchmal mit Währungsfragen – so akzeptiert die Post der SBZ beispielsweise keine Sendungen mehr, die mit westlichen Briefmarken frankiert sind.

Andererseits haftet der Blockade lange Zeit etwas Improvisiertes, Hastiges, Unausgegorenes an. Denn sie sollte ja eigentlich später verhängt werden, nur die Währungsreform treibt Moskau zur übereilten Aktion. So erreichen noch vier Tage nach Blockadebeginn sieben Frachtkähne mit 1200 Tonnen Ladung unbehelligt Westberlin. Und zur gleichen Zeit fleht der Berliner SED-Vorsitzende seine sowjetischen Beschützer bereits an, den Milchboykott wieder aufzuheben. Denn der trifft vor allem die Kinder, und das wiederum ist verheerende Propaganda für den Osten.

Wegen der fehlenden Stromversorgung aus dem Osten hat jeder Haushalt in Westberlin jetzt nur noch zweimal pro Tag je zwei Stunden Strom. Bald müssen im Westen U- und Straßenbahnen zwischen 18.00 und 6.00 Uhr stillgelegt werden, um Energie zu sparen. Schaufenster und Leuchtreklamen erlöschen.

In den folgenden Tagen sinkt auch der Gasdruck, da das Gas aus der immer knapper werdenden Kohle gewonnen wird: Westberlin wird zur kalten, düsteren Stadt. Die Westberliner Behörden schließen das Strandbad Wannsee, weil die Wasserpumpen abgestellt werden. Und in Krankenhäusern werden Röntgenaufnahmen (die viel Strom verbrauchen) nur noch in Notfällen genehmigt.

Berlin

Weil es an Kohle fehlt, verbrennen die Berliner alles, was sie kriegen können – auch die Sitzflächen dieser Parkbänke. Trotzdem müssen viele frieren. Selbst in Krankenhäusern bleibt während des Winters 1948/49 in den meisten Zimmern die Heizung kalt

Wie weit sich Josef Stalin in dieser Zeit persönlich einmischt, ist vollkommen unklar. Selbstverständlich geschieht nichts gegen seinen Willen. Aber bestimmt er auch die Details? Sicher ist, dass die SMAD unter Semjonow und dem Militärgouverneur Marschall Sokolowskij relativ autonom entscheiden darf. Semjonow und Sokolowskij sprechen, an allen Moskauer Ministerien vorbei, auf einer speziellen Funktelefonverbindung direkt mit dem Diktator. Und was dort genau beschlossen wird, ist bis heute unbekannt.

Wahrscheinlich aber werden Semjonow und Sokolowskij dem Sowjetdiktator mitteilen, General Clay habe verkündet, die Amerikaner ließen sich nur durch einen Krieg aus Berlin vertreiben.

Für den britischen Außenminister Ernest Bevin kommt ein Zurückweichen in Berlin ebenfalls nicht infrage. Als  Reaktion auf die Krise gestattet Großbritannien den Amerikanern am Tag nach Beginn der Blockade, atomwaffentragende Bomber auf der Insel zu stationieren – „um zu zeigen, dass wir es ernst meinen“, wie Bevin verkündet. Selbst die Franzosen, die schwächste Besatzungsmacht, sichern Berlins Politikern zu, dass sie bleiben werden.

US-Präsident Truman schließlich denkt ebenfalls nicht eine Sekunde daran, Berlin aufzugeben: Er steckt mitten im Wahlkampf. Und eine Umfrage hat ergeben, dass 80 Prozent der Amerikaner dafür sind, die Stadt zu halten.

Als ahnte Clay die Wünsche seines Oberbefehlshabers voraus, setzt er einen kühnen Plan in die Tat um, ohne vorher in Washington nachzufragen.

„Operation Vittles“ wird rasch als „Luftbrücke“ berühmt

L. D. Clay

Für US-Militärgouverneur Lucius D. Clay ist die Blockade eine Schlacht um Berlin – mit einer Luftbrücke will er sie gewinnen

Samstag, 26. Juni. Auf dem Flugplatz Tempelhof im US-Sektor landet eine Transportmaschine. So unauffällig beginnt ein militärisches Unternehmen mit dem Codenamen „Operation Vittles“, das rasch unter einer ganz anderen Bezeichnung berühmt wird: „Luftbrücke“.

Seit November 1945 dürfen Flugzeuge nur auf drei „Luftkorridoren“ Berlin anfliegen, auf schmalen Routen über der SBZ. Eine alliierte Luftsicherheitszentrale überwacht den Verkehr. Dort werden, über alle Krisen hinweg, bis zur Auflösung der Zentrale 1990 sowjetische und westliche Militärs Seite an Seite arbeiten – keine Chance also, dass sich westliche Maschinen auf anderen als den erlaubten Kursen der ehemaligen Reichshauptstadt nähern könnten.

Clay will seine Soldaten und die mehr als zwei Millionen Westberliner nun über diese Korridore versorgen. Denn würde er versuchen, mit Konvois oder gar Panzern in die Sowjetische Besatzungszone einzudringen, könnte er damit einen Krieg provozieren.

Der US-General nutzt stattdessen die entscheidende Schwäche der Gegenseite: Da es eine Blockade offiziell ja gar nicht gibt, sondern es sich bloß um „Reparaturen“ der Land- und Wasserwege handelt, weicht er einfach in die Luft aus, wo solche Reparaturen nicht als Vorwand dienen können. Die Rote Armee könnte die Amerikaner dort nur aufhalten, indem sie den ersten Schuss abgibt und so einen Krieg auslöst.

Clay ordnet die Operation Vittles an, noch ehe er das Weiße Haus informiert – würde die Rote Armee am  26. Juni tatsächlich schießen, gerieten  die einzige Atommacht und die größte Landmacht der Welt in einen fatalen Konflikt, ohne dass der Präsident in Washington das auch nur gewusst hätte.

Zu Clays (und der Berliner) Glück schießt kein Rotarmist an diesem Tag – und Truman deckt seinen General, als  er später am Tag von der Luftbrücke  erfährt: Er ordnet an, alle in Europa  verfügbaren Transportflugzeuge in den Dienst des air lift zu stellen – und erhebt so Clays improvisierte Notmaßnahme in den Rang einer offiziellen Staatsaktion.

Zwei Tage später teilt der Präsident in einem Gespräch mit seinen wichtigsten Beratern seine strategische Entscheidung mit, die das Schicksal Berlins prägen wird: „We are going to stay, period.“ Und das Kabinett in London hat zu Beginn der Blockade ebenfalls die Versorgung aus der Luft beschlossen.

Die US Air Force setzt anfangs rund 70 C-47-Transportflugzeuge ein, die Briten 17 baugleiche „Dakotas“. Jede dieser zweimotorigen, knapp 20 Meter langen Maschinen trägt ungefähr drei Tonnen Fracht. Die kurz danach genutzten viermotorigen C-54 schaffen immerhin fast zehn Tonnen.

Die amerikanischen und britischen Offiziere, die neben Tempelhof das Flugfeld Gatow im britischen Sektor ansteuern lassen, haben zwar keine Erfahrung mit einem so großen Air Lift, doch sie lernen mit jedem Flug – und sie sind kreativ bis zur Waghalsigkeit: So werden schon nach wenigen Tagen in die C-47 760 Liter Treibstoff weniger hineingepumpt, dafür kann jede Maschine eine halbe Tonne Fracht mehr mitschleppen. Die Briten buchen zivile Chartermaschinen hinzu. In den Luftkorridoren werden unterschiedlich schnellen Maschinen verschiedene Flughöhen zugewiesen, damit der Verkehr sich nicht staut.

Andere Ideen werden dagegen nicht umgesetzt – etwa der Vorschlag, die für die Stromerzeugung wichtigen Kohlen mit noch zu bauenden Riesenluftschiffen zu schleppen. Oder sie aus den Schächten schwerer B-29-Bomber abzuwerfen. Die herabregnenden Transportsäcke, so zeigt ein Test bei Frankfurt, platzen beim Aufprall – und es dauert dann sehr lange, die verstreuten Brocken aufzusammeln.

Dank der immer besseren Organisation landet bald alle acht Minuten eine C-47 in Tempelhof. Die Kohle ist nun in Säcken verstaut, die im Rumpf verzurrt werden, damit sie während des oft genug unruhigen Fluges nicht verrutschen und die Maschine nicht in ein gefährliches Ungleichgewicht bringen. Deutsche Arbeiter (der Job ist begehrt, denn neben dem Geld bekommen sie täglich eine warme Mahlzeit) schleppen binnen weniger Minuten Kartoffeln und Kohle, Margarine und Medikamente heraus.

Die Flugzeuge werden nach und nach unter anderem 53 000 Meter Uniformtuch, eine Tonne Waffen und Munition sowie 15 VW-Käfer-Streifenwagen für die Westberliner Polizei hereinbringen; dazu Spezialzucker für die Bienenvölker der Berliner Imker und Heu für die 8947 Rinder auf dem Stadtgebiet, Papier für die Zeitungen sowie knapp viereinhalb Tonnen frisch gedruckte Geldscheine für die Banken.

Bereits Mitte Juli 1948 werden an Schönwettertagen – wenn die Piloten auf Sicht sehr dicht hintereinander fliegen und landen können – mehr als 2000 Tonnen täglich über die Luftbrücke in die Metropole kommen. (Sobald Wolken aufziehen, müssen die Sicherheitsabstände vergrößert werden, und damit verringert sich die Zahl der Flugzeuge, die täglich die Korridore passieren.) Doch Clays Experten rechnen aus, dass sie diese Menge fast verdoppeln müssen, um Berlin halten zu können.

Das Leben in Berlin

Berlin

Ackerbau in der Großstadt: Eine Frau gießt Gemüse und Tabakpflanzen, nur wenige Schritte entfernt rattert eine Straßenbahn vorbei. Die Eingeschlossenen können sich nicht allein auf die Lebensmittel verlassen, die über die Luftbrücke in die Metropole kommen. So legen sie überall in Berlin Beete an, wie hier in Wilmersdorf. Und im Botanischen Garten wachsen nun auch Kartoffeln

Freitag, 2. Juli. In der Hauptwerkstatt der Berliner Feuerwehr im Ostberliner Stadtteil Weißensee sind einige Einsatzfahrzeuge aus westlichen Wachen repariert worden. Sie dürfen auf Befehl der SMAD nicht zurückgebracht werden.

Montag, 5. Juli. Auf dem Großen Wannsee landet zum ersten Mal ein „Sunderland“-Wasserflugzeug, das auf der Elbe gestartet ist. Das bauchige britische Flugboot hat 3,5 Tonnen Fleisch an Bord, das mit Lastkähnen ans Ufer gebracht wird. Später werden die Sunderlands vor allem die täglich benötigten 19 Tonnen Salz liefern – denn die empfindliche Mechanik und Hydraulik konventioneller Frachtmaschinen wird durch das (aus Säcken hier und da herausrieselnde) Salz angegriffen; die für Nordsee und Atlantik konzipierten Wasserflugzeuge hingegen sind korrosionsgeschützt.

Mittwoch, 7. Juli. In Westberlins Krankenhäusern wird der Äther knapp; Chirurgen können nur noch im Notfall operieren. Medikamente organisieren die Ärzte in Selbsthilfe, etwa durch Kleinanzeigen in der Zeitung: „Zur Heilung einer 27-Jährigen, die an Kehlkopftuberkulose erkrankt ist, benötigt das Neuköllner Krankenhaus dringend 120 g Streptomycin. Meldungen an Professor Zadek, Neukölln.“

76 000 Berliner werden bis Ende Juli 1948 an Tuberkulose erkrankt sein, mehr als 3000 von ihnen das Jahr nicht überleben. Angeblich leidet jeder dritte Erstklässler unter Tbc. Woche für Woche sterben durchschnittlich 40 Säuglinge an diversen Krankheiten. Immerhin bleiben Kinder-, Geburts- und Frischoperierten-Stationen trotz Kohlenmangels beheizt.

Donnerstag, 8. Juli. Westberlins 70 Blindenhunde erhalten kein Fleisch mehr aus den Abdeckereien im Osten. Nun muss ihr Futter eingeflogen werden – und die Luftbrücke wird genau an diesem Tag auch ohne Schusswechsel gefährlich: Über dem Taunus stürzt eine C-47 ab, drei Piloten sterben. Es werden nicht die letzten Toten bleiben.

Sonntag, 18. Juli. Keine Rohstoffe, kaum Energie, kein Zugang mehr zu den Märkten: 2430 Westberliner Unternehmen haben bereits aufgegeben und die Produktion eingestellt. Die Stadtverwaltung registriert mehr als 35 000 neue Arbeitslose. Die Gesamtzahl der Beschäftigungslosen wird bis zum folgenden Frühjahr auf 156 000 ansteigen.

Der Magistrat beschließt, 50 000 Berliner für die „Enttrümmerung“ (das Freiräumen zerstörter Grundstücke) einzustellen. Eine teure Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die Westberlin nicht aus Steuereinnahmen bezahlen kann. Die Exklave wird nun zur finanziellen Bürde der neu gegründeten westdeutschen Länder, die wertvolle Lebensmittel nach Berlin liefern und zugleich den defizitären Etat der schwer gebeutelten Stadt mitfinanzieren müssen. Und niemand weiß, wie hoch die Kosten ausfallen werden, denn ein Ende der Blockade ist unabsehbar.

Donnerstag, 22. Juli. AEG Turbine, eines der größten Unternehmen Westberlins, erhält weiterhin Strom aus dem Osten – denn die hier produzierten Großmaschinen werden in Kraftwerken der SBZ dringend benötigt. Doch nun verbieten die Alliierten deren Ausfuhr.

Nach und nach verschärft sich damit eine Gegenblockade des Westens. Keine Maschinen, keine Waren, überhaupt kein Handel mehr mit dem Osten! Ludwig Erhard, der Direktor der westdeutschen Verwaltung für Wirtschaft, protestiert bei Clay gegen diese Entscheidung, denn sie schadet westdeutschen Ex- und Importen. Doch der General bleibt hart und verbietet sogar ein Konzert der Berliner Philharmoniker im Ostteil der Stadt.

Tatsächlich wird die ostdeutsche Wirtschaft durch die Gegenblockade wohl schwerer getroffen als die westdeutsche durch Stalins Einkesselung. Nun erweist sich die Berlin-Sperre auch für die UdSSR als teure Aktion. Der führende SED-Funktionär Walter Ulbricht schmäht Westberlin als den „Brückenkopf, von dem aus der Stoß gegen die Wirtschaft der Sowjetischen Besatzungszone geführt werden soll“.

Samstag, 24. Juli. Die SMAD erlässt den Befehl Nummer 80: Von nun an dürfen sich Westberliner für Lebensmittelkarten auch im Osten registrieren lassen. Die Alliierten haben dieses System der Kriegszeit im Mai 1945 übernommen. Jedem Bürger stehen Karten zu,  die in Zehn-Tage-Einheiten eingeteilt sind. Mit Coupons, die sie herausschneiden müssen, erhalten die Menschen in den Läden penibel aufgeführte Mengen Vorräte, die je nach Alter, Arbeit und anderen Kriterien unterschiedlich ausfallen. Ein in der Industrie schuftender „Schwerstarbeiter“ soll mit seinen Karten 2905 Kalorien täglich bekommen, ein „Normalverbraucher“ muss sich mit 1605 Kalorien begnügen.

Doch oft sind Kartoffeln zerdrückt, werden Brot oder „Nährmittel“ wie Hafergrütze gestreckt. Oder die Waren  werden gar nicht „aufgerufen“, sind also nirgendwo erhältlich. Eine Unsicherheit, die körperlich und geistig zermürbt.

Berlin ist längst eine Stadt der Erschöpften, selbst Alltägliches kostet Kraft. Zwar sind schon wieder mehr als 7000 Privatautos zugelassen, doch die haben kaum Benzin. Da U- und Straßenbahnen die Hälfte des Tages nicht mehr fahren, lebt die Metropole, deren Fläche achtmal so groß ist wie die von Paris, im langsamen, Kräfte zehrenden Takt der Fußgänger. Mit dem Befehl Nummer 80 wollen Sowjetoffiziere und SED-Kader nun eine Abstimmung mit den Füßen provozieren.

Ihr Kalkül: Immer mehr Berliner aus dem unterversorgten Westen werden das Angebot annehmen, sich im Osten registrieren zu lassen – und damit die westliche Herrschaft destabilisieren. Nach einigen Wochen sind die ersten Zahlen absehbar: Rund 21 000 Westberliner haben Ost-Karten beantragt, nur gut ein Prozent aller Einwohner. Ein klares Votum für den Westen.

Die "Blockadebrecher"

Montag, 26. Juli. Ein Konvoi mehrerer Lastwagen voller Lebensmittel hält am Platz vor dem Bahnhof Zoo. Einige Händler in Westdeutschland haben ihn auf eigenes Risiko losgeschickt – und zwar auf Nebenstrecken durch die SBZ. Da die Rote Armee nicht jede Landstraße Brandenburgs wegen „Reparaturarbeiten“ sperren kann, ist diese beschwerliche Route offiziell weiterhin frei.

Die „Blockadebrecher“ (wie die Berliner diese Geschäftemacher schon bald nennen) verkaufen ihre Waren gegen harte D-Mark. Die Aktion ist derart profitabel, dass in den nächsten Monaten immer wieder Konvois nach Berlin fahren. Manche Lastwagen werden unterwegs von Rotarmisten beschlagnahmt, die meisten jedoch erstaunlicherweise nicht – ein Zeichen dafür, dass die Landblockade nicht undurchdringlich ist.

Andere Blockadebrecher nutzen die unübersichtliche Ruinenwüste, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf Schleichwegen Vorräte vom Umland in die Stadt zu bringen. Oder sie stecken ihre Waren einfach in Pakete, die sie an brandenburgische Postämter in der Nähe der Berliner Stadtgrenze schicken und von dort aus zu Fuß in die Westsektoren tragen.

Sonntag, 1. August. Die SED richtet ein „Postzeitungsamt“ ein. Es wird nach und nach den Verkauf von Zeitungen aus westlichen Sektoren im Ostteil verbieten. Allerdings können viele Berliner diese Zensur recht einfach sabotieren. So werden in Lesezirkelmappen Westzeitungen unauffällig zwischen Ostblätter wie das „Neue Deutschland“ geheftet. Diese Mappen liegen in Geschäften und bei Friseuren aus.

Mittwoch, 4. August. Der Botanische Garten im Westen öffnet sein wiedererrichtetes Gewächshaus, wo so exotische Pflanzen wie Bananenstauden gedeihen. Auf der Freifläche davor werden Kartoffeln angebaut, um die Versorgung der Stadt zu verbessern.

Donnerstag, 5. August. Ostberlin soll unbedingt günstiger dastehen als der Westen! Daher befiehlt die SMAD den Länderverwaltungen von Thüringen, Sachsen und Brandenburg, 51 000 Paar Schuhe und 10 000 Paar Handschuhe nach Ostberlin zu liefern. Sofort.

Samstag, 7. August. Der neue Westberliner Polizeipräsident Johannes Stumm bezieht seine Zentrale im amerikanischen Sektor. Doch sein vom Magistrat abgesetzter Vorgänger, das im Osten residierende SED-Mitglied Paul Markgraf, bleibt mit Unterstützung der sowjetischen Besatzer im Amt. Damit ist die Ordnungsmacht der Stadt geteilt: in eine Ost-Einheit, die bald „Volkspolizei“ genannt wird – und in die neue Westpolizei, die von der Sowjetkommandantur offiziell nicht anerkannt wird.

Berlin

Im Verlauf der Blockade sperren Volks­polizisten die meisten Straßen und Brücken zwischen Ost-­ und Westteil der Stadt

Montag, 16. August. In einem Luftkorridor rast ein sowjetisches Jagdflugzeug auf einen britischen Transporter zu. Die beiden Maschinen trennen nur noch 30 Meter, als das Kampfflugzeug abdreht.

Donnerstag, 19. August. Razzia am Potsdamer Platz! Dieser Ort ist Berlins „fünfter Sektor“: Im Zentrum der Stadt stoßen hier amerikanische, britische und sowjetische Zonen aufeinander, ohne dass irgendeine Barriere diese Grenzen markiert. Die kriegszernarbten Blocks von Deutschlandhaus und Columbushaus werfen Schatten auf das Muster unzähliger Straßenbahnschienen, an fast allen Ecken führen düstere Niedergänge zu U- und S-Bahn-Stationen: Wenn es einen idealen Ort für einen Schwarzmarkt gibt, dann hier.

Der Schwarzmarkt ist ein Produkt des Mangels, ein illegaler Basar, auf dem verkauft und getauscht wird, was es auf den Rationierungskarten zu wenig oder gar nicht gibt, von Butter und Medikamenten bis zu Schuhen und Nähmaschinen.

Da es vielen Berlinern kaum möglich ist, mit den offiziellen Rationen zu überleben, sind sie gezwungen, das wenige, was sie aus den Ruinen gerettet haben, auf den Potsdamer Platz oder einen der vielen anderen schwarzen Märkte zu tragen. Wer nichts zu tauschen hat, muss mit hohen Beträgen in West- oder Ost-Mark bezahlen (deren Wechselkurs zueinander sich zwischen 1:4 und 1:6 einpendelt) oder mit Zigaretten. Die Schieber sind die Könige dieser Schattenwelt – Händler und Schmuggler, die auf heimlichen Wegen den Markt versorgen, etwa wenn sie Piloten der Luftbrücke bestechen, Schokolade oder andere Waren aus den eingeflogenen Beständen abzuzweigen.

Auf manchen Schwarzmärkten haben sich die Schieber zu Banden organisiert; der Bahnhof Zoo und der Wittenbergplatz etwa sind in der Hand der „Immergrün“-Bande, zu der 290 Männer gehören. Eine andere Gruppe stiehlt Lastwagen und fährt auf Nebenwegen bis nach Brandenburg, um dort Rinder auf den Weiden zu schlachten und das Fleisch unter der Hand zu verhökern. Gegen 18.30 Uhr startet die Volkspolizei an diesem Donnerstag eine Razzia auf der Ostseite des Potsdamer Platzes: Uniformierte erscheinen plötzlich, stürmen los – und versuchen, jeden zu verhaften, der ihnen als Schieber oder als Kunde verdächtig erscheint. Doch es sind ja nur wenige Schritte bis zum amerikanischen Sektor ...

Die Menge flutet in die Sicherheit des westlichen Bereichs, die Volkspolizisten verharren an der Grenze. Und dann fällt irgendjemandem auf – vielleicht einem wütenden Schieber, der bei der Flucht einige Waren verloren hat, vielleicht einem erschöpften Bürger, der sich um ein paar Gramm ertauschten Zuckers betrogen sieht –, dass nur sehr wenige Volkspolizisten dort stehen.

Ein Stein fliegt. Noch einer. Und immer weitere werden geworfen. Da verlieren die Ostberliner Beamten die Nerven und ziehen ihre Pistolen. Zwei Dutzend Mal feuern sie direkt in die Menge, über die Sektorengrenze hinweg. Zurück bleiben mindestens sechs Verletzte. Es ist nicht das erste Mal, dass Volkspolizisten, Rotarmisten oder sowjetische Geheimagenten die Sektorengrenze missachten. Und es ist auch nicht die erste Schwarzmarktrazzia, bei der geschossen wird. Doch was zuvor kaum Aufsehen erregt hätte, wird im August 1948 zu einem Politikum. Der US-Militärkommandant in Berlin gibt der Blockade die Schuld für die Eskalation an der Sektorengrenze: Sie zwinge die Berliner zum Besuch der illegalen Märkte. Die sowjetische Seite dagegen sieht faschistische Kräfte am Werk: „Junge Männer in schwarzen Hosen und hohen Stiefeln“ hätten die Ostberliner Polizei mit Hilfe amerikanischer Militärpolizisten angegriffen. Berlins Schwarzhändler aber zeigen sich von dem Schusswaffengebrauch der Vopos wie von dessen politischen Folgen völlig unbeeindruckt und gehen weiter ihren profitablen Geschäften nach.

Freitag, 20. August. Auf dem Bethaniendamm in Kreuzberg (US-Sektor) überfallen gegen 13.45 Uhr mehrere Rotarmisten drei deutsche Westpolizisten und verschleppen sie nach Ostberlin. Erst nach drei Tagen werden die Beamten wieder freigelassen. Eine Begründung für diesen Angriff gibt es nicht, doch werden in den nächsten Tagen fünf weitere Polizisten entführt.

Samstag, 21. August. Der US-Pilot Gail Halvorsen wirft während des Landeanflugs auf Tempelhof Schokolade an selbst gebastelten Fallschirmen für die Berliner Kinder ab. Schnell machen es ihm einige Kameraden nach. Irgendwann kommt unter den Bewohnern der Stadt daher der Spitzname „Rosinenbomber“ auf – ein US-Colonel erwähnt den Begriff jedenfalls schon am 3. Dezember 1948 in einem Memo für General Clay. Und die SED verteilt ungefähr zur gleichen Zeit ein Flugblatt mit einer schon verzweifelt klingenden Propaganda gegen die immer populärer werdenden alliierten Flieger: „Gestern Phosphor, heute Rosinen, morgen Atombomben.“

Freitag, 27. August. Schießerei zwischen GIs und einem Offizier der Roten Armee. Ein sowjetischer Militärjeep rast in der Nähe des Potsdamer Platzes durch den US-Sektor. Zwar hat er das Recht, durch Westberlin zu fahren, doch ist dieser Wagen viel zu schnell. US-Militärpolizisten wollen den Fahrer anhalten und ermahnen, langsamer zu fahren. Doch als der Rotarmist die Stoppzeichen sieht, gibt er erst recht Gas. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd zwischen dem Jeep und einigen Militärpolizisten auf Motorrädern. Sowjetsoldat wie Amerikaner schießen, treffen aber glücklicherweise niemanden; allerdings stürzt ein GI vom Motorrad. Der russische Fahrer bringt sich schließlich hinter der sowjetischen Sektorengrenze in Sicherheit.

Montag, 6. September. Fast alles in Berlin ist bereits geteilt, nur die Stadtverordnetenversammlung nicht. Zwar haben die gewählten Abgeordneten sehr wenige Kompetenzen – wichtige Entscheidungen fällen die Besatzungsmächte –, doch haben Berlins Parlament und die „Magistrat“ genannte Regierung durchaus Einfluss auf die Verwaltung, von der Polizei bis zum Wohnungsamt. Außerdem ist es als Zeichen für Deutschlands Erneuerung wichtig, dass in der ehemaligen Reichshauptstadt wieder Politiker demokratisch bestimmt werden. Bis zu diesem Tag. Denn nun dringen von der SED zusammengerufene Schläger in das im Osten liegende Neue Stadthaus ein und sprengen die Sitzung. Rangeleien, Rufe, eine Tür geht zu Bruch, ostdeutsche Volkspolizisten sehen tatenlos zu; schließlich geben die Abgeordneten auf und fliehen.

Ziel der SED ist es, die für den Herbst 1948 geplanten Wahlen (deren Termin noch nicht feststeht) zu verhindern, indem sie das Parlament lahmlegt. Denn die Blockade wird die westlichen Alliierten vor der Wahl nicht mehr aus Berlin vertreiben, das ist inzwischen klar. Die SED-Funktionäre können jetzt nur noch versuchen, die Aktivitäten ihrer demokratischen Rivalen zu sabotieren – und in ihrem eigenen Gebiet den letzten Widerstand auszuschalten. Man werde „den Ostsektor reinigen von gegenrevolutionären Kräften“, hat Wilhelm Pieck ein paar Tage zuvor einem Offizier der Roten Armee versprochen, und es werde „Absetzung von Posten, Verhaftungen“ geben.

Donnerstag, 9. September. Der Platz  vor dem zerschossenen Reichstag ist ein Menschenmeer. 250 000 Berliner mögen dort stehen, vielleicht auch 300 000.
Die demokratischen Parteien haben zu einer Protestveranstaltung gegen die Sprengung der Stadtverordnetenversammlung aufgerufen, und eine unfassbare Menge strömt zusammen, eine der größten Kundgebungen, die das an Paraden und Demonstrationen nicht gerade arme Berlin bis dahin je erlebt hat. Es spricht der SPD-Politiker Ernst Reuter – der schlimmstmögliche Feind der SED und deren Schutzmacht.

Denn Reuter, schon 1912 Sozialdemokrat, war im Ersten Weltkrieg als Kriegsgefangener in Russland. Dort  erlebte er die Oktoberrevolution mit, wurde begeisterter Bolschewist – und 1921 erster Generalsekretär der KPD, wo er sich gegen Pieck durchsetzte. Doch nach einigen Monaten stürzte er durch eine Intrige, wurde aus der KPD ausgeschlossen, trat wieder der SPD bei. Die NS-Zeit hat er im Exil überlebt.

Dies ist kein Politiker, den die  SED als ehemaligen Nationalsozialisten schmähen könnte. Bereits 1947 ist Reuter von der Stadtverordnetenversammlung zum Berliner Oberbürgermeister gewählt worden, doch damals hat Marschall Sokolowskij sein Veto eingelegt und verhindert, dass er das Amt antreten konnte. Bei der anstehenden Wahl aber wird ihn die SPD nun erneut nominieren. Reuter hält an diesem Tag eine der bedeutendsten Reden der deutschen Nachkriegsgeschichte: pathetisch, leidenschaftlich, so ganz anders als das blutleere Gerede der SED-Apparatschiks Pieck oder Ulbricht.

Schlau erklärt er Berlins Schicksal zum Schicksal des Westens: „Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Land nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!“

Doch es sind nicht bloß diese Sätze, mit denen Reuter seine Zuhörer aufpeitscht (und die in die Geschichtsbücher eingehen). Er greift seine ostdeutschen Gegner auch frontal an: „Die Handschellen, die sind in Wirklichkeit das Symbol dieser erbärmlichen Kümmerlinge, die für 30 Silberlinge sich selbst und ihr Volk an eine fremde Macht verkaufen wollen.“

Kein Wunder, dass am Ende der Veranstaltung gegen 18.00 Uhr etliche Tausend Zuhörer zum Brandenburger Tor ziehen. Es sind ja bloß ein paar Schritte vom Reichstag dorthin – doch es ist zugleich ein Weg hinein in den sowjetischen Sektor. Auf dem Brandenburger Tor weht die Rote Fahne. Nun stürmen Demonstranten das Monument, einigen gelingt es, bis auf das Dach zu klettern und die Rote Fahne vom Mast zu reißen.

Die Demonstranten jubeln – und die Volkspolizisten und Rotarmisten schießen. Mehr als 200 Menschen werden verletzt. Ein Junge stirbt noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Er ist 15 Jahre alt. Am Ende dieses Tages ist endgültig klar, dass die SED oder die Sowjetunion weder durch Propaganda noch durch materielle Anreize wie Lebensmittelkarten jemals populär werden.

Sie können die Berliner nicht überzeugen, sie können nur mehr versuchen, ihren Willen zu brechen. Noch hat die Blockade wenig ausgerichtet. Aber der Winter kommt ja erst – und langsam wird der Preis, den der Westen zahlen muss, schmerzhaft hoch.

Berlin

Als Zeichen ihres Triumphes über das NS-Regime haben die Sowjettruppen ein riesiges Stalin-Porträt auf dem einstigen Prachtboulevard Unter den Linden errichtet. In Ostberlin ist die Lage kaum besser als im Westen. Denn Briten, Franzosen und Amerikaner haben bald nach Beginn der Blockade jeden Handel mit der Sowjetzone gestoppt. Deshalb fehlt es dort nun etwa an Großmaschinen für die Kraftwerke

Die Folgen der Berliner Luftbrücke

Mittwoch, 29. September. Hamburgs Bürgermeister Max Brauer (SPD) ist, wie andere westdeutsche Länderchefs auch, besorgt wegen der hohen Kosten der Blockade. So stehen allein beim Westberliner Energielieferanten, der ja einen erheblichen Teil der Kohle teuer einfliegen lassen muss, Einnahmen von 8,6 Millionen D-Mark Ausgaben von 21 Millionen gegenüber. Max Brauer schlägt nun öffentlich vor, dass wöchentlich 20 000 Berliner ausgeflogen werden sollen, um Westberlin nach und nach zu leeren. Seine Stadt beispielsweise könne 5000 Menschen aufnehmen.

Ein Eklat. Für General Clay ist Brauers Äußerung Defätismus im Kampf um Berlin – und er bietet dem Hamburger Bürgermeister sein eigenes Flugzeug an, damit der sich doch bitte einmal  persönlich an die Spree begeben und  sich dort umsehen solle. Brauer bleibt an der Elbe.

Am selben Tag stoppt ein ostdeutscher Personenzug kurz am Bahnhof Zoo. Da stürzen Menschen heraus: Es sind Ostberliner, die von den Sowjetbehörden für den Uranbergbau im Süden ihrer Besatzungszone zwangsverpflichtet worden sind. Die Flüchtlinge tauchen im Westen unter.

Mittwoch, 6. Oktober. Kohle kommt mit den Flugzeugen, aber wie sollen die Berliner diese Kohle in ihren Öfen anzünden? 100 000 Kubikmeter Holz, so befehlen es nun die westlichen Stadtkommandanten, müssen vor dem Winter in Westberlin geschlagen werden. Der Forstmeister protestiert: Auf diese Weise werde man zwar für acht Wochen Anfeuerholz bekommen, müsste anschließend aber eine Generation lang wiederaufforsten. Die Menge wird daraufhin zwar um zwei Drittel gesenkt, doch ab Mitte Oktober fallen die Bäume, etwa im Grunewald.

Dienstag, 19. Oktober. Auf Befehl Nummer 53 der Polizei des Landes Brandenburg gegen „Hamsterer und Schieber“ wird von der Volkspolizei und der sowjetischen Besatzungsmacht ein „Ring um Berlin“ gelegt. Polizisten sollen in den Bahnhöfen alle Reisenden durchsuchen und ertauschte Waren, etwa Kartoffeln, beschlagnahmen.
Zudem lässt die SMAD 70 Straßensperren in der Stadt und im Umland errichten, um Personen- und Lastwagen auf dem Weg nach Westberlin besser zu kontrollieren.
Diese Posten werden kurz darauf winterfest gemacht, ein Indiz dafür, dass die Blockade noch lange andauern wird. Alle aus Westdeutschland eintreffenden Briefe und Pakete werden nun systematisch von anderen Sendungen getrennt, um sie leichter zensieren zu können.

Für die Eingeschlossenen ist der „Ring“ ein schwerer Schlag. So sind im September 1948 beispielsweise 38 500 Tonnen Kartoffeln über die Luftbrücke eingeflogen worden. Im gleichen Zeitraum haben Hamsterer, so schätzt es zumindest der Berichterstatter des „Neuen Deutschland“, 36 000 Tonnen Kartoffeln aus Brandenburg geholt.

Auch ist es bislang noch möglich gewesen, mit der S-Bahn im 20-Minuten-Takt von Westberlin etwa nach Potsdam zu fahren. Dort haben Bürger, ganz legal, Braunkohlebriketts kaufen können, den Zentner zu 18 Ost-Mark. Wer seine D-Mark zuvor schwarz zum Kurs 1:6 getauscht hat, konnte das Heizmaterial auf diese Weise für weniger als drei  D-Mark pro Zentner erwerben. Doch fortan ist es unmöglich, einen Sack Briketts an den Kontrollen der Volkspolizei vorbeizuschmuggeln. Oder auch nicht. Denn immer wieder ziehen nun Menschen kurz vor den Bahnhöfen die Notbremse – und entkommen aus dem haltenden Zug, bevor die Polizisten herangeeilt sind.

Besser organisierte Hamsterer werfen ihre Warensäcke während der Fahrt aus dem Zug und lassen sie von Komplizen einsammeln. Lastwagenfahrer durchbrechen innerhalb Berlins nun häufig die Kontrollen. Die Volkspolizisten schießen, doch zumeist erreichen die Fahrzeuge noch den rettenden Westsektor. Manchmal muss es aber auch gar keine Gewalt sein: Ein paar strategisch günstig platzierte Kohlen oder Holzscheite, die von den Beamten „requiriert“ werden, um ihr Wachhäuschen zu heizen, beschleunigen die Kontrollen. Und der eine oder andere Grenzübergang ist nachts geöffnet, da es an Lampen fehlt. Wäre die Schranke abgesenkt, würde es die ganze Zeit zu Unfällen kommen.

Samstag, 23. Oktober. Für den Dichter und Dramatiker Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel, die nach 15 Jahren Exil wieder in Ostberlin leben, findet im Klubhaus des Kulturbundes in der Jägerstraße ein Empfang statt. Am gleichen Tag hält der Philosoph Bertrand Russell im British Information Centre am Lehniner Platz einen Vortrag über „Wissenschaft und Zivilisation“. Die geteilte Stadt ist – viel mehr wohl noch, als  General Clay vermutet hat – für beide Blöcke zum Schaufenster ihrer konkurrierenden Systeme geworden. Wer will, kann an einem Abend in der Städtischen Oper in der Kantstraße (West) eine Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ bewundern und nur wenige Tage später und wenige Kilometer weiter in der Jägerstraße (Ost) einem Vortrag des Schriftstellers Arnold Zweig lauschen. Und wer zu Hause bleibt, zu dem kommt die Kultur angerollt: Zwar besitzt längst nicht jeder Berliner ein Radio (und ist zudem ja meist der Strom abgestellt), doch der RIAS – der „Rundfunk im Amerikanischen Sektor“ – schickt Lautsprecherwagen los, die mit dem Programm die Straßen beschallen.

Montag, 1. November. Die Lebensmittelrationen im Westen werden leicht erhöht. Einem „Normalverbraucher“  stehen nun pro Tag 400 Gramm Brot,  50 Gramm „Nährmittel“, 40 Gramm Fleisch, 30 Gramm Fett, 40 Gramm Zucker, 400 Gramm Kartoffeln und fünf Gramm Käse zu. Das sind nach wie vor sehr bescheidene Rationen – doch die Erhöhung ist psychologisch wichtig, denn sie zeigt den Berlinern, dass die Luftbrücke hält.

Freitag, 5. November 1948. Die erste Maschine landet auf dem neu errichteten Flugplatz Tegel im französischen Sektor. Mit dem dritten festen Landeplatz in Berlin wird die Versorgung deutlich erleichtert. Bald bringen die Rosinenbomber durchschnittlich 8000 Tonnen täglich herein, weit mehr als das einst von Clays Experten errechnete Minimum. Alliierte Pioniere und deutsche Bautrupps haben den Flugplatz in nur viereinhalb Monaten aus dem Boden gestampft.

Montag, 15. November. In Ostberlin öffnen die ersten „Freien Läden“, so in der Frankfurter Allee. Hier werden, staatlich autorisiert, Waren ohne Rationskarten verkauft, zum Beispiel eine Tafel Schokolade für mindestens 18 Ost-Mark, ein Paar Herrenschuhe für 300 Ost-Mark. Kurz darauf folgen auch „Freie Restaurants“, etwa das „Borchardt“ in der Französischen Straße, wo das Wildragout mit Kartoffelklößchen 11,70 Ost-Mark kostet. Da der Durchschnittsverdienst des Ostberliners bei 200 Ost-Mark liegt,  ist klar, dass sich kaum jemand diese Preise leisten kann. Ziel sind Westberliner Kunden und deren Geld – und  das erfolgreich: Die „Freien Läden“  des Ostens führen zu einer Krise des Schwarzmarkts im Westen. Die Schieber am Potsdamer Platz oder vor dem Bahnhof Zoo müssen die 100-Gramm-Tafel Schokolade für 8,50 Ost-Mark verschleudern, um mit der neuen legalen Konkurrenz mithalten zu können.

Sonntag, 5. Dezember. Wilhelm Piecks Albtraum wird wahr, zumindest in Westberlin. Unter Aufsicht der Alliierten finden in den drei Westsektoren Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt. Der Strom wird an diesem Tag bereits um 15.30 Uhr eingeschaltet, um Wahllokale zu beleuchten. Auch sichern Polizisten die Orte, weil man Angriffe von SED-Trupps fürchtet. Doch die Ostpartei beschränkt sich auf Boykottaufrufe.

An der Wahl beteiligen sich 83,6 Prozent der stimmberechtigten Menschen in diesen Zonen, die SPD holt fast zwei Drittel der Stimmen. Zwei Tage darauf wird Ernst Reuter zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt, sechs Wochen später ziehen die Stadtverordneten in ihr neues Domizil: das Schöneberger Rathaus. Berlin hat nun zwei Regierungen, die beide die Macht in der ganzen Stadt beanspruchen, denn fünf Tage zuvor hat sich im Osten bereits der SED-Funktionär Friedrich Ebert von einer „Außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung“ zum Oberbürgermeister wählen lassen. Doch auch an diesem Wahltag  werden die Berliner daran erinnert, wie prekär ihre Situation noch immer ist. Wieder einmal stürzt ein Frachtflugzeug ab, eine amerikanische Maschine, die Kohlen bringen sollte. Drei Tote.

Montag, 6. Dezember. Ein Volkspolizist beobachtet auf dem Teltowkanal zufällig einen Flößer, der riesige Rundhölzer durch das Wasser stakt. Als er den Mann anspricht, treibt der sein Holz rasch ans gegenüberliegende Ufer, das im amerikanischen Sektor liegt. So stoßen die Autoritäten im Osten auf einen Schmuggel, den der westliche Magistrat schon seit einiger Zeit organisiert: Bauholz aus dem Umland wird zu Flößen gebunden und nach Berlin geschickt. Das ist so langsam und so absurd auffällig, dass gerade dies lange keinen Verdacht erregte und niemand die Flößer je kontrolliert hat.

Dienstag, 7. Dezember. Je kälter die Tage, desto wagemutiger die Kohlenklauer. Das Brennmaterial wird in Westberlin, nachdem es aus den Flugzeugen geladen worden ist, mit Lastwagen oder Zügen weitergeschafft. Zwischen den Bahnhöfen Witzleben und Westend fällt an diesem Tag ein 18-Jähriger zwischen die fahrenden Waggons, ein Rad trennt seinen linken Arm ab.

Andere Berliner suchen in den Ruinen nach Brennholz, was nicht weniger gefährlich ist. Einer stürzt vom Dach  der Synagoge in der Fasanenstraße und stirbt, ein anderer wird in einem Keller in der Bernauer Straße verschüttet.

Ein Westberliner Unternehmen stellt als neues Heizmaterial „Branda-Platten“ vor: Kunstbriketts, zusammengepresst aus 60 Prozent Kohlenstaub und 30 Prozent Sägespänen, verklebt mit zehn Prozent Teer. Das Produkt ist teuer (200 Platten mit 80 Kilogramm Gewicht kosten 23 D-Mark), hat weniger Brennwert als ein Braunkohlebrikett und erzeugt extrem giftige Abgase.

Mittwoch, 15. Dezember. Die britischen Wasserflugzeuge landen nicht mehr in Berlin, weil die Havel zuzufrieren droht.

Berlin

Während der Luftbrücke kommt es immer wieder zu tödlichen Unglücken. 86 Menschen sterben bei Abstürzen oder auf den völlig überlasteten Flughäfen. Im August 1948 geht dieses amerikanische Flugzeug in Flammen auf, die vierköpfige Crew kann sich retten

Samstag, 25. Dezember. Weihnachtsfeier der US-Besatzungsmacht im Titania-Palast. Mehrere Minister aus Washington sind zu Gast, der Komiker Bob Hope und der Komponist Irving Berlin treten auf. Für die US-Regierung ist das Ausharren in der Stadt zu einer Prestigefrage geworden, und jeder soll es sehen. Den deutschen Mitarbeitern auf den Flughäfen haben die westlichen  Alliierten – Gegenblockade hin oder her – kurz vor Weihnachten als Geschenke offiziell 59 400 Flaschen Schnaps in der sowjetischen Besatzungszone gekauft, für gut drei Millionen Ost-Mark.

Mittwoch, 29. Dezember. Volkspolizisten durchsuchen seit einiger Zeit immer häufiger Reisende in der U-Bahn und beschlagnahmen Waren sowie D-Mark-Scheine und Westzeitungen, sobald die Züge über Ostberliner Gebiet rattern. An diesem Tag sind Passanten am U-Bahnhof Bernauer Straße darüber derart wütend, dass sie die Türen eines Wagens von innen blockieren und einen eingeschlossenen Volkspolizisten verprügeln. Der Beamte kann erst im Westen entkommen. Einige Tage darauf prangert der „Tagesspiegel“ in einem Zeitungsbeitrag die ostdeutschen „Banditenpolizisten“ in den S- und U-Bahnen an und veröffentlicht ihre Namen und Adressen.

Samstag, 1. Januar 1949. Alliierte Spezialisten entwickeln den Plan, das von der Roten Armee 1945 weitgehend demontierte Kohlekraftwerk West mithilfe der Luftbrücke wieder aufzubauen. Es könnte den westlichen Sektoren Strom liefern.

Das Problem ist die riesige Kesselanlage: Selbst das stabilste bei der Luftbrücke eingesetzte Frachtflugzeug kann nur Teile von 9,6 Meter Länge und 2,28 Meter Durchmesser sowie einem Einzelgewicht von fünf Tonnen aufnehmen. Die gesamte Kesselanlage des Kraftwerks wiegt 310 Tonnen. 195 Tonnen lassen sich in transportfähige Komponenten zerlegen. Aber der Rest?

Zwar fliegen britische Maschinen später Kraftwerksteile ein, doch stößt die Luftbrücke hier an ihre Grenzen: Bis zum Ende der Blockade wird es nicht mehr gelingen, das Kohlekraftwerk vollständig in Transportflugzeuge zu verfrachten. Es wird erst im Dezember 1949 vollendet.

Montag, 31. Januar. In der „New York Times“ erscheint ein Interview mit Josef Stalin. Der Diktator gibt sich in seiner Antwort auf eine Frage zur Berlin-Blockade recht nachgiebig – und vor allem fehlt seine Forderung, die Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen rückgängig zu machen. Bis dahin haben der Kremlherr und seine Gehilfen die unterschiedlichen Währungen im Westen und Osten stets als Mittel zur Spaltung Deutschlands scharf kritisiert. Nun erwähnt er die D-Mark nicht mehr.

Für die Sowjet-Kenner im US-Außenministerium ist dies ein von Stalin sorgfältig platzierter Hinweis darauf, dass er bereit ist, die Blockade zu beenden. Philip C. Jessup, ein US-Diplomat bei den Vereinten Nationen in New York, nimmt daraufhin heimlich Kontakt zu seinem sowjetischen Kollegen Jakow Malik auf.

Mittwoch, 23. Februar. Volkspolizisten riegeln die Sektorengrenze zu Neukölln an mehreren Stellen mit Betonsperren und Gräben ab. Einige Tage zuvor haben sie bereits die Lohmühlenbrücke zwischen Neukölln und Treptow mit Eisenpfählen blockiert. Bis zum 19. April werden nach und nach die meisten Straßen und Brücken zwischen West- und Ostberlin gesperrt. Schließlich bleiben nur noch vier Kontrollposten, an denen Fahrzeuge passieren dürfen: Unter den Linden, Leipziger Straße, Brunnenstraße, Köpenicker Straße. Das ist zwar noch keine Mauer, aber doch eine deutliche Teilung der Stadt.

Karsamstag, 16. April. Amerikaner und Briten organisieren eine „Easter Parade“, um zu demonstrieren, was die Luftbrücke inzwischen leisten kann. Im Verlauf von 24 Stunden registrieren die Berliner Flughäfen 1364 Flüge und 11 654 Tonnen Fracht – so viel wie nie zuvor und niemals wieder.

Dienstag, 26. April. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass und das amerikanische Außenministerium deuten jeweils in kurzen Meldungen ein Ende der Blockade an.
Tatsächlich einigen sich die Diplomaten Jessup und Malik in den folgenden Tagen auf einen Kompromiss. Ende Mai wollen sich die Außenminister der vier Siegermächte zu einer Konferenz in Paris treffen.

Stalin besteht nun nur noch darauf, dass zumindest bis zu diesem Zeitpunkt kein westdeutscher Teilstaat offiziell gegründet wird, damit aus der Konferenz kein Affront für die Sowjetunion wird.

Und er bittet sich die Aufhebung der Gegenblockade aus, denn die schadet der Ostwirtschaft inzwischen mehr als die Blockade der Westwirtschaft.
Donnerstag, 5. Mai. Die Vertreter der vier Siegermächte geben in New York in einer gemeinsamen Erklärung das baldige Ende der Blockade bekannt – und die westlichen Alliierten verzichten höflich darauf, an die angeblichen technischen Schwierigkeiten zu erinnern, die doch vor fast einem Jahr die Abriegelung ausgelöst haben sollen.

Donnerstag, 12. Mai 1949, 0.00 Uhr, die Grenzen sind wieder offen, und auch die Straßensperren zwischen den Sektoren sind geräumt! Gleich in der ersten Minute des neuen Tages rollen 27 Lastwagen von Westdeutschland aus über den Grenzübergang Helmstedt-Marienborn in die sowjetische Besatzungszone.

Die Rotarmisten lassen den Konvoi anstandslos passieren. Die Autobahn ist nun offiziell „repariert“ – und ebenso die Bahnverbindung. (Bereits um 5.35 Uhr trifft der erste Zug aus Westen am Berliner Bahnhof Charlottenburg ein.)

Nach einer umständlichen und langsamen Fahrt erreicht der Konvoi  um 14.35 Uhr Westberlin. Die Sperre ist beendet, die Millionenmetropole kann wieder auf ganz normalen Wegen mit ganz normalen Waren versorgt werden. Die Ladung des ersten (britischen) Lastwagens, der Berlin erreicht, besteht aus: Gurken.

Die Berlin-Blockade ist eines der größten politischen, diplomatischen, propagandistischen und sogar ökonomischen Debakel, die Josef Stalin je erlitten hat, zumindest ist es wohl seine größte Niederlage im Kalten Krieg.

Der Sowjetdiktator muss nicht nur sein deutschlandpolitisches Maximalziel begraben: Statt eines vereinten, abgerüsteten, der UdSSR freundschaftlich verbundenen Deutschland bekommt er nun ein geteiltes Land, dessen größerer Teil der Sowjetunion feindlich gegenübersteht. Auch das Minimalziel – zumindest ganz Berlin unter seine Kontrolle zu bringen – scheitert spektakulär.

40 Jahre später, als die auch durch die Berlin-Blockade betonierte Ordnung des Kalten Krieges endlich kollabiert, wird der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger seinen langjährigen sowjetischen Kollegen Andrej Gromyko, fragen, warum denn Stalin um alles in der Welt 1948 Berlin blockiert habe.

Gromykos Antwort ist eine rein militärische Spekulation: Der Diktator habe geglaubt, dass die Amerikaner niemals wegen Berlin die Atombombe gezündet hätten. Und jeden westlichen Landkonvoi hätte die Rote Armee zusammengeschossen. Aber über Stalins möglicherweise weitergehende politische und strategische Pläne kann selbst der frühere Außenminister nichts sagen.

Für den Westen ist die Blockade ein Glücksfall, vor allem für die Deutschen und die US-Führung. Für die Deutschen, weil während der Auseinandersetzung um Berlin aus dem Hitler-Volk in der Hitler-Stadt gleichsam über Nacht tapfere Verbündete werden, die sich furchtlos und zugleich, wie beruhigend, ganz zivil und ohne Waffen der Roten Armee widersetzen.

Und für die US-Führung, weil die Blockade ein Schock für alle Westeuropäer ist, ein Menetekel: Was dort geschieht, das droht uns auch!
Ohne den Würgegriff um Berlin hätten sich, so ist zu vermuten, die meisten Europäer wohl kaum so bereitwillig und bedingungslos innerhalb der NATO unter die Vormacht der USA begeben.

Die Luftbrücke wird noch bis zum 30. September 1949 weitergeführt, nur zur Sicherheit, bis endgültig klar ist, dass die Sowjetunion die Land- und Wasserverbindungen nicht erneut blockiert.

Insgesamt waren es 277 569 Flüge mit mehr als 2,1 Millionen Tonnen Fracht (davon gut 1,4 Millionen Tonnen Kohle). Über 60 000 Menschen sind mit den Rosinenbombern eingeflogen worden, 168 000 mit ihnen hinausgelangt.

Doch immer wieder sind Maschinen abgestürzt, und auf den vollkommen überlasteten Flughäfen ist es zu schrecklichen Unfällen gekommen. 32 Amerikaner sind gestorben, 38 Briten, je ein Australier und ein Südafrikaner sowie 14 Deutsche: Piloten, Soldaten, zivile Angestellte. 322 Tage, 277 569 Flüge, 86 Tote.

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