Görlitz Hollywoods deutsche Dependance

An die 4000 Baudenkmäler, filmreif renoviert – kein Wunder, dass Hollywood rief! Die bildschöne Altstadt, nur durch die Neiße von Polen getrennt, brilliert als Kulisse für Kinofilme
Hollywoods deutsche Dependance

Der Untermarkt und der Bogen-Gang dienten bereits als Kulisse für Tarantinos "Inglorious Basterds"

Film-Geflüster

Wie viele Worte, wie viel Klatsch und Tratsch wohl schon durch diese Steinrinne geflossen sind? Der Überlieferung nach dient der Flüsterbogen am Görlitzer Untermarkt schon seit 500 Jahren als Kanal für vertrauliche Mitteilungen: Was Münder auf der einen Seite des historischen Torbogens in die gotischen Verzierungen murmeln, können Ohren am anderen Ende mühelos verstehen. Und für Klatsch gibt es mehr Anlass denn je, seit Görlitz sich zu "Görliwood" gemausert hat: Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht eine Filmproduktion die ungewöhnlich intakte Altstadt als Kulisse nutzt. Hollywood- Stars wie Kate Winslet, Jude Law oder Tilda Swinton geben reichlich Anlass zum Tuscheln – vor allem, wenn sie sich im Kaffee am Flüsterbogen (Untermarkt 21) oder im kleinen, feinen Restaurant Lucie Schulte (Untermarkt 22, Tel. 03581-41 02 60, www.lucieschulte.de) diskret unter die Gäste mischen. Spätestens, seit der amerikanische Regie-Exzentriker Wes Anderson sich um die Jahreswende 2012/2013 mit seinem ganzen Filmteam für vier Monate im rosafarbenen Hotel Börse (Untermarkt 16, http://boerse-goerlitz.de, DZ/F 113 €) einquartierte und die Stadt an der Neiße zum Drehort für seinen oscargekrönten Film "Grand Budapest Hotel" erkor, erlebt die Stadt einen veritablen Kino-Tourismus.

Die bekannteste Film-Location ist das alte Görlitzer Warenhaus, ein opulenter Art-déco-Tempel aus der Zeit der Jahrhundertwende, dessen Inneres als das titelgebende Grandhotel hergerichtet wurde. Offiziell ist das Warenhaus zwar bis zu seiner Wiedereröffnung 2017 nicht zu besichtigen – aber wer höflich im Planungsbüro im Erdgeschoss anfragt, kann, wenn die Umbauarbeiten es erlauben, einen Blick ins Innere werfen (An der Frauenkirche 5–7, www.kaufhaus-goerlitz.eu). Jederzeit für jedermann zugänglich sind die schönsten Plätze der Altstadt: der Obermarkt, wo George Clooney Aufnahmen zu "Monument’s Men" machte, und der Untermarkt mit dem Renaissance-Rathaus samt geschwungener Außentreppe und Verkündungskanzel. Ein heiß begehrtes Filmmotiv ist auch der malerische Bogengang, vor dem schon Quentin Tarantino Szenen für "Inglorious Basterds" drehte.

Architektur satt

Doch Görlitz ist weit mehr als eine Filmentdeckung, schließlich ist die ganze Stadtkulisse echt: Mit rund viertausend geschützten Gebäuden gilt Görlitz als Deutschlands größtes Flächendenkmal. Jeder Gang durch die vom Zweiten Weltkrieg verschonte Altstadt mit ihren Türmen, Torbögen und Treppengiebeln kommt einer kleinen Zeitreise gleich. Üppig verzierte Renaissance- und Barockfassaden erzählen vom Patrizierstolz der Görlitzer Kaufleute, die schon im Mittelalter von der Lage der Stadt an der Handelsroute "Via Regia" profitierten. Im 16. Jahrhundert engagierten die immens reichen Tuchhändler dann böhmische Künstler und italienische Steinmetze, um ihren Häusern kostspielige Fassaden- Faceliftings im Stil der Renaissance zu verpassen – auch damals wusste man schon um Show-Effekte. Der 1526 errichtete Schönhof (Brüderstr. 8) und die in den 1550er Jahren gestaltete Ratsapotheke (Untermarkt 24) mit ihren astronomischen Sonnenuhren sind prächtige Beispiele für das Selbstbewusstsein der damals ungemein wohlhabenden Stadt. Im Gegensatz zu Filmkulissen zeigen sich einige der Architekturschätze erst beim Blick hinter die Fassaden – vor allem bei einer erst in den letzten Jahren wiederentdeckten Bauform: dem Görlitzer Hallenhaus, einer Mischung aus Wohn- und Wirtschaftsgebäude. In deren treppenhausartigen, mehrere Stockwerke hohen gotischen Gewölben hängten die Tuchhändler früher ihre edelsten Stoffbahnen zur Beschau aus. Filigrane Schlingrippen-Gewölbe, steile Spindeltreppen, rußschwarze Rauchküchen – wer sich durch die Hallenhäuser führen lässt, ahnt noch heute, wie im ausgehenden Mittelalter das Leben der gut Betuchten ausgesehen haben mag. Bei so viel spätmittelalterlicher Bausubstanz geht fast unter, dass sich auch der neuere Teil von Görlitz aus dem 19. Jahrhundert mit seinen Gründerzeitbauten und Jugendstilfassaden durchaus sehen lassen kann. Der Postplatz mit dem "Muschelminna" genannten Brunnen fungiert nach abgeschlossener Restaurierung seit 2014 wieder als die repräsentative gute Stube der Stadt. Und die im feinsten Jugendstil gehaltene Strassburg-Passage glänzt trotz des etwas angestaubten Laden-Angebots mit ihrer schwarzweißen, maurisch inspirierten Innenausstattung.

Führungen

Berlin, Weimar, Prag, Paris oder gar New York – Görlitz hat im Film schon viele Städte verkörpert, nur kaum jemals Görlitz selbst. Die Führung FILM AB! begleitet die Besucher an die wichtigsten Drehorte von "Görliwood" und erzählt Anekdoten von Stars und Dreharbeiten (Anmeldung: Görlitz-Information, Obermarkt 32, Tel. 03581-4 75 70, www.goerlitz.de). Eine 90-minütige Altstadt-Führung findet täglich um 10.30 Uhr statt, Treffpunkt ist die Görlitz-Information. Auf Anfrage kann sie auch individuell gebucht werden. Wichtig: Die historischen Hallenhäuser sind – mit Ausnahme des Schönhofs – allesamt in Privatbesitz oder werden als Wohnhäuser oder Hotels genutzt. Sie sind nicht Teil der täglichen Altstadt-Führung. Wer sie besichtigen möchte, muss dies bei der Görlitz-Information anmelden. Die wohl fundiertesten Führungen durch die Görlitzer Architekturgeschichte – inklusive der Hallenhäuser – bietet der "Akademische Reisedienst" des Architekturhistorikers Andreas Bednarek an (Tel. 03581-725 00 40, www.akaplan.eu/index.php/reisen, Termine auf Anfrage).

Essen und Schauen

Einen der schönsten Blicke bietet Zgorzelec, der am anderen Neiße-Ufer gelegene polnische Teil der Stadt. Vom Restaurant Piwnica Staromieyska (ul. Wrocławska 1, Tel. 0048-75-775 26 92), gleich am Ende der Altstadtbrücke, können Besucher bei piwo (Bier) und pierogi (Teigtaschen) den Fluss und die Pfarrkirche St. Peter und Paul bewundern. Eine historische Spezialität ist die Thüringer Bratwurst im Senfladen (Brüderstr. 5, www.senfladen-goerlitz.de). Der US-Schauspieler Bill Murray konsumierte sie gern während seiner Drehpausen. Welche der 300 Sorten Senf er dazu wählte, ist allerdings nicht bekannt.

Schlesisch Shoppen und Ausflug

Görlitz gilt als "Tor zu Schlesien", entsprechend präsent ist daher auch schlesisches Handwerksgut wie die Bunzlauer Keramik in den Läden der Stadt. So zum Beispiel in der "Schlesischen Schatztruhe" (Brüderstr. 13) oder auf dem "Schlesischen Christkindelmarkt" (Untermarkt, www.schlesischer-christkindelmarkt-goerlitz.de, 4.–20. Dezember 2015).

Genialische Gedanken, ein exzentrisches Leben und großartige Landschaftsarchitektur bieten Schloss Muskau und der Fürstpückler-Park Bad Muskau – das Gesamtkunstwerk des "grünen Fürsten" Hermann von Pückler-Muskau. Das Unesco-Weltkulturerbe in Bad Muskau lässt sich von Görlitz aus gut mit Bahn und Bus erreichen: erst mit dem Regionalzug bis nach Weißwasser und dann von dort mit dem Bus nach Bad Muskau (Tourismuszentrum Muskauer Park, Tel. 035771-6 31 00, www.muskauer-park.de).

Schlafen

Ganz großes Kino: Das in alten Gemäuern 2014 neu eröffnete Emmerich Hotel am Untermarkt glänzt mit seinem eleganten Stilmix aus historischen Möbeln und Sixties-Klassikern. Und damit, dass hier schon Jackie Chan aus einem Fenster in einen Heißluftballon sprang (Tel. 03581-87 86 64, www.emmerich-hotel.net, DZ ab 95 €). Wer eine Ferienwohnung im historischen Hallenhaus am Untermarkt mietet, hat einen wunderbaren Blick auf die Görlitzer Stadtkulisse – und wohnt dazu stilecht in alten Biedermeier-Möbeln (FeWo für 2 Pers. 55 €/65 € bei Kurzaufenthalten unter 3 Tagen; für 4 Pers. 68 €/78 €, Tel. 03581-73 02 02, www.aus-zeit-in-goerlitz.de).

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