Nachhaltig Reisen Die Ferienkommune

Die Online-Community Tribewanted baut nachhaltige Tourismusprojekte auf. Urlauber sind Helfer und Besucher zugleich. Ein Besuch beim neuesten Projekt im umbrischen Monestevole. Mit Fotostrecke
In diesem Artikel
Das Tribewanted-Konzept
Zukunftspläne

Das Tribewanted-Konzept

Seitdem ich 2008 zum ersten Mal von dem nachhaltigen Tourismusprojekt Tribewanted gehört hatte, wollte ich einmal Gast sein. Nun stecke ich bis zum Ellenbogen in einer feuchten Mischung aus Lehm und Stroh und lerne, einen Stall aus natürlichen Ressourcen zu bauen: Ich bin angekommen bei Tribewanted Monestevole. Nach Projekten auf den Fidschi-Inseln und in Sierra Leone ist das ehemalige Landgut in der italienischen Provinz Umbrien das Dritte, das unter dem Namen Tribewanted läuft (übersetzt: "Stamm gesucht").

Hier kommen Menschen zusammen, die im Urlaub gerne mit anpacken und erfahren möchten, wie sie ihr Alltagsleben nachhaltiger gestalten können. Hengst Thor, dessen neues Gemach wir momentan mit der dritten Schicht Putz versehen, schaut neugierig über den Lattenzaun, bevor er laut wiehernd wieder über die Koppel prescht. Mit mir suhlen sich noch fünf andere Gäste im Dreck sowie Filippo Bozotti, der Mitbegründer von Tribewanted Monstevole. Die restlichen Gäste vergnügen sich am Pool oder relaxen in einer der unzähligen Hängematten auf dem Grundstück.

Die Ferienkommune

Kaum angekommen und schon im Dreck: GEO.de-Redakteurin Julia Großmann beim Stallbau

Tribewanted Monestevole in Bildern und als Audio

Tribewanted, der Name steht für nachhaltige Tourismusprojekte, die zum Ziel haben so gut wie autark zu leben. GEO.de-Redakteurin Julia Großmann hat das neueste Projekt in Italien besucht (Länge: 14:24 Min; 13,1 MB)

Genau so lautet das Konzept dieser Ferienkommune: Alles kann, nichts muss. Wer Lust hat, Kräuter im Garten zu ernten, die Kuh zu melken oder sich am Stallbau zu beteiligen, der kann. Wer lieber in der Sonne liegt und die umliegende Landschaft bewundert, der kann auch das, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. "Die meisten Menschen, die sich für Urlaub bei Tribewanted entscheiden, haben Lust, sich die Hände dreckig zu machen", erzählt mir Filippo, während wir handtellergroße Lehmfladen an die Wand klatschen, um sie dann zu verschmieren. Aber Tribewanted ist mehr als ein Urlaub mit der Option zum Anpacken.

Von der Idee zum Projekt

Die Idee entstand 2006 im Kopf des Briten Ben Keene. Er gründete mit tribewanted.com eine Online-Community, in der alle Mitglieder inzwischen einen Beitrag von 12 Euro im Monat zahlen. Dafür können sie günstiger Urlaub in einem der Projekte machen, mitbestimmen, wo etwa ein neuer Standort entstehen soll oder zu welchem Zweck die Einnahmen ausgegeben werden. Die ersten beiden Projekte entstanden komplett in Eigenregie. Unter Anleitung von Einheimischen und Experten wurden Hütten entworfen, Gärten angelegt und Wasseraufbereitungsanlagen gebaut. Der Pachtvertrag des Fidschi-Projekts ist inzwischen abgelaufen. An der nahezu unentdeckten Küste Sierra Leones hingegen floriert das Geschäft. Die Unterkünfte sind fertig, 20 Angestellte aus den umliegenden Dörfern haben eine sichere Einnahmequelle, und die urlaubenden "Stammesmitglieder" werden als Teil der Dorfgemeinschaft angesehen. Mit Monestevole haben Ben und sein Geschäftspartner Filippo die ursprüngliche Idee ein Stück ausgebaut: Sie wurden Teilhaber einer bereits bestehenden Pension.

Gegessen wird gemeinsam

"Mit Monestevole wollen wir zeigen, dass es auch in einem entwickelten Land und auf einem bestehenden Landgut möglich ist, auf ein nahezu nachhaltiges Leben umzusteigen", erklärt Filippo. Im März 2013 eröffnete Tribewanted Monestevole offiziell, schon jetzt kommen die Zutaten für Mahlzeiten größtenteils aus dem eigenen Garten und dem eigenen Stall, Regenwasser wird ökologisch gereinigt und in die Hausversorgung eingespeist, die Solarzellen in den Olivenhainen sorgen für Warmwasser. Monestevole soll eines Tages ein Bauernhof werden, der Angestellte und Besucher das ganze Jahr über versorgen kann. Finanziert wird diese Vision mit Investorengeldern und den Monatsbeiträgen der Stammesmitglieder. Momentan arbeiten rund 14 Festangestellte auf dem Landgut. Sie ziehen Zäune, betreuen die Tiere, kochen und sind Ansprechpartner für die Gäste. Auf einer Tafel im Speisesaal stehen jeden Tag die anstehenden Aktivitäten: Wein ernten mit Giovanni oder Tischlern mit Angelo. Wer lieber für sich bleibt, begegnet der kompletten Mannschaft dennoch mindestens zweimal am Tag: zum Mittag- und Abendessen. Diese Mahlzeiten sind bereits im Preis enthalten und werden immer frisch in der offenen Küche zubereitet.

Ich spüle mir den angetrockneten Lehm von den Armen und helfe noch schnell beim Eindecken der Mittagstafel. Laura, eine der Küchenfeen, trägt kurze Zeit später eine große Pfanne mit dampfendem Steinpilzrisotto hinein, dazu gibt es Käse und Brot aus eigener Herstellung. Jetzt wird es laut, aber gemütlich: Deutsch, Italienisch und Englisch wird zwischen den Tischen gesprochen, dazu werden Karaffen mit Wasser und Brotkörbe gereicht. Angestellte, Mitbegründer und Gäste sitzen plaudernd an einem Tisch. Wenn es sein muss, funktioniert die Kommunikation auch mit Händen und Füßen. Hausschwein Matilda kommentiert die Szene mit einem kurzen Grunzen und wendet sich dann wieder dem Mittagsschlaf zu. Es ist mein zweiter Tag in Monestevole, aber es fühlt sich so an, als würde ich die Anwesenden bereits seit Jahren kennen. Mit Ketty tausche ich Geschichten über Afrika aus, einen Kontinent, auf dem wir beide schon gelebt haben, ihre Freundin Giulia spricht zwar kein Englisch, hört aber interessiert zu, und die Schweizer Kinder Benjamin und Mira schmieden Pläne für den Nachmittag: erst die Tiere anschauen und dann in den Pool!

Zukunftspläne

Mein Tischnachbar ist angereist. Es ist Ben Keene, der Initiator von Tribewanted, der geduldig meine Fragen beantwortet. Als er 2006 die Idee hatte, war er 26 Jahre alt. Inzwischen ist er frisch verheiratet, hat einen festen Wohnsitz in der Nähe von London und ist nicht mehr ganz so auf Abenteuer aus. Es scheint, als wäre sein Projekt mit ihm gereift. "Wir haben viel gelernt bei den ersten beiden Projekten. Besonders die lange Aufbauphase wollen wir uns mit dem neuen Modell etwas erleichtern. Es gibt bereits so viele gute Öko-Tourismusprojekte auf der Welt, die gut zu uns passen würden." So wollen Ben und Filippo künftig Partnerschaften mit bereits bestehenden Tourismusprojekten eingehen, die eine autarke Versorgung zum Ziel haben. "Momentan sind wir im Gespräch mit Projekten auf der ganzen Welt: Mexiko, Mosambik, aber auch Laos oder Rom", verrät Ben. Wenn sie richtig kalkuliert haben, können sie mit jeweils 1000 neuen Stammesmitgliedern einen weiteren Tribewanted-Standort eröffnen.

Außerdem möchte er seine Idee allen Menschen zugänglich machen: Fidschi und Sierra Leone waren beziehungsweise sind von jungen Rucksackreisenden geprägt, in Monestevole hingegen fühlen sich auch Familien und ältere Menschen wohl. So soll es in Zukunft Standorte geben, die auch den anspruchsvollen Reisenden oder den Städtereisenden ansprechen. Die Projekte werden außerdem an zehn Kategorien gemessen, etwa Wasser, Energieverbrauch, Wohlergehen und Bildung der Angestellten. Tribewanted soll nicht nur für sich geschlossen funktionieren, auch die Umgebung soll profitieren. "Sowohl in Sierra Leone als auch hier haben wir nur Menschen aus der Region eingestellt, denn das ist Teil des Konzepts. Wir, die Besucher und die Angestellten, bereichern uns gegenseitig", wirft Filippo quer über den Tisch in die Konversation mit ein.

Die Ferienkommune

Auch der Pool soll in Zukunft komplett ökologisch gereinigt werden, mit einem Filter aus Algen und Steinen

Das schönste Panorama von Monestevole

Inzwischen zieht der Duft von frischem Kaffee durch die Räumlichkeiten, und die Mittagsträgheit sucht uns alle heim. Ben verschlägt es für ein kurzes Nickerchen in die Hängematte, unter der sich auch schon Alice, eine ältere Hundedame, niedergelassen hat. Giovanni, Angelo, Ketty und Giulia spielen eine Partie Karten, und ich entscheide mich spontan, Benjamin und Mira zu den Tieren zu begleiten. Die beiden bewegen sich völlig frei auf dem 47 Hektar großen Landstück, sie wissen, wo die Katzenjungen ihr Versteck haben, und kennen die vier Haushunde samt Namen und Macken. Wir machen uns auf zum Hühnerstall, hier haben ein paar Dutzend Küken am Vortag das Licht der Welt erblickt. Egal wo man sich auf dem Grundstück bewegt, man hat immer eine unglaubliche Aussicht: Die leicht geschwungenen Hügel sind von tiefem Grün überzogen, selten sieht man ein Haus oder kleine Sträßchen. Für den Weitblick interessieren sich meine beiden Tierfreunde momentan eher weniger und verschwinden schon mal im Hühnerstall, um mir kurze Zeit später dann doch noch den besten Aussichtspunkt zu zeigen: Der Pool von Monestevole liegt etwas erhöht, umgeben von bunt blühenden Wildblumen. Der Himmel spiegelt sich auf der glatten Wasseroberfläche, und vor uns erstreckt sich das komplette Panorama. Ich beschließe, den Stall Stall sein zu lassen und den Nachmittag am Pool zu verbringen.

Als ich am Abend wieder mit allen an einem Tisch sitze, überlege ich, wie ich diese Atmosphäre wohl am besten kann. Da fällt es mir ein: wie ein Familienausflug auf den Bauernhof. Darauf stoßen wir an mit Wein und Limonade, natürlich aus eigener Herstellung.

Sieben Fragen und sieben Antworten

Wie kann ich Mitglied werden?

Jeder kann Mitglied werden, der monatliche Beitrag liegt bei 12 Euro. Stammesmitglieder zahlen bei Aufenthalten in den Projekten weniger.

Muss ich Stammesmitglied sein, um dort Urlaub machen zu dürfen?

Nein, auch Nicht-Stammesmitglieder sind willkommen und werden nicht anders behandelt.

Wie werde ich untergebracht, und was kostet das?

Sowohl in Sierra Leone als auch in Italien gibt es verschiedene Unterkunftsmöglichkeiten und Preiskategorien. Drei Mahlzeiten am Tag sind im Preis inbegriffen. In Monestevole kostet ein Bett im Mehrbettzimmer oder ein Platz im Doppelzimmer mit Bad auf dem Flur 50 Euro für Stammesmitglieder und 60 für alle anderen, ein Doppelzimmer Ensuite 70 Euro bzw. 80 und jede Person im Familienapartment zahlt 50 bzw. 60 Euro die Nacht. Kinder unter vier wohnen umsonst, Kinder bis 12 zahlen die Hälfte.

Muss ich etwas mitbringen?

Wer Lust hat anzupacken, sollte ein Arbeitsoutfit mitbringen, das dreckig werden kann. Generell empfehlen sich ein Paar feste Schuhe, Badesachen, gute Laune und Kreativität. Allergiker dürfen sich ebenfalls entspannen, zwar gibt es in Monestevole viele Tiere, aber die leben alle draußen oder in ihren eigenen Ställen.

Wo kann ich mich weiter informieren?

Alle Informationen, Buchungsmöglichkeiten und weitere Bilder zu den einzelnen Projekten gibt es auf der englischsprachigen Seite von Tribewanted: www.tribewanted.com. Hier werden auch die einzelnen Anschaffungen, die mit den Beiträgen der Stammesmitglieder finanziert wurden, offengelegt.

Wie viele Mitglieder hat Tribewanted jetzt und wo kommen sie her?

Inzwischen sind es rund 3000 Stammesmitglieder und die meisten stammen aus Euopa oder den USA.

Kann ich immer hinfahren, wenn ich will?

Ja, bis auf kleinere Pausen beispielsweise während der Regenzeit in Sierra Leone, sind beide Projekte das ganze Jahr über offen. Die Pausen werden auf der Webseite angegeben.

Umbrien
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