Regionenporträt Die Färöer: Von Wetterdramen und Kunst unter dem Meer

Unterwegs im Norden der Färöer: Auch auf der Insel Viðoy ist die Natur überwältigend. Foto: Roman Huber/@romempix/Faroephoto.com
Unterwegs im Norden der Färöer: Auch auf der Insel Viðoy ist die Natur überwältigend. Foto
© Roman Huber/@romempix/Faroephoto.com/dpa-tmn
Der Archipel im Nordatlantik ist ein Sehnsuchtsziel für Fans nordischer Länder. Die Natur ist der Boss. Und dann ist da noch der erste Unterwasser-Kreisverkehr der Welt.

Das liebe Wetter: Es heißt, man habe sich nichts weiter zu sagen, wenn es zum Gesprächsthema wird. Wer so redet, der war noch nicht auf den Färöern. 

Die Kapriolen, die das Wetter auf der Inselgruppe im Nordatlantik schlägt, haben den Färöern sogar einen Spitznamen eingebracht: "Islands of Maybe". "Kanska" - zu Deutsch "vielleicht" - ist daher eines der meist ausgesprochenen Wörter auf den Inseln. Vielleicht wird es schön, vielleicht auch regnerisch, vielleicht beides innerhalb kürzester Zeit. Vielleicht klappt es mit dem Besuch auf der Nachbarinsel, vielleicht aber auch nicht - wenn es zu stürmisch ist.

Was man sicher sagen kann: Rund 55.000 Färinger leben auf dem Archipel auf halbem Weg zwischen Schottland und Island. 17 der 18 Inseln sind bewohnt, hinzu kommen hunderte Schären. Da bleibt viel Platz für eine grandiose Natur mit steilen Klippen, rauschenden Wasserfällen, hohen Bergen und sattgrünen Hügeln - über die an die 80.000 gefräßige Schafe hinwegziehen. Mit "Schafsinseln" kann der Name Färöer übersetzt werden. 

Von jedem Ort der Färöer ist es kaum mehr als ein Katzensprung ans Meer, entsprechend präsent ist es im Denken und Fühlen der Insulaner. Die gehören zwar zur dänischen Krone, aber genießen größtmögliche Autonomie - weshalb sie sich ganz bewusst gegen die Europäischen Union entschieden haben. Sie genießen weitgehende Selbstverwaltung, können eigene Gesetze erlassen. Außenpolitik und Verteidigung verantwortet Dänemark.

Als kämen Frodo und seine Gefährten gleich um die Ecke

Am besten lässt sich dieses schroffe Paradies vulkanischen Ursprungs auf Wanderungen entdecken. Die Luft ist herrlich klar und rein. Sonne und Nebel liefern sich spektakuläre Schaukämpfe. In Westen und Osten stürzen sich steile Kliffs, zerfurcht wie das Gesicht eines Greises, in den Atlantik.

Manche der Klippen, wie auf der im Norden gelegenen Insel Vidoy, sind über 700 Meter hoch. Dahinter stapeln sich sanft gerundete Kuppen wie Meereswellen. In den Mulden verstecken sich schwarz gestrichene Häuser mit traditionellem Grasdach. Die Landschaft wirkt, als sei sie alten Mythen entsprungen, als kämen Frodo und seine Gefährten aus Mittelerde gleich um die Ecke.

Mehr Vögel als Schafe - und Menschen

Für Vogelfreunde ist diese borstige Welt ein wahres Elysium. Wo das warme Wasser des Golfstroms auf kalte Ströme der Arktis trifft, wo maritim-subarktisches Klima herrscht mit Temperaturen von selten mehr als zwölf Grad, tummeln sich über 300 Vogelarten.

Tausende und Abertausende von Papageitauchern rotieren mit ihren kurzen Stummelflügeln durch die Luft. Dreizehenmöwen und Trottellummen bevölkern schwarze Meeresklippen, die durch die schiere Anzahl der dort brütenden Vögel weiß gefärbt sind. Basstölpelkolonien sorgen für eine kakophonische Geräuschkulisse.

Früher landete so manche Art schon mal im Kochtopf der Einheimischen, um den bescheidenen Speiseplan der Einheimischen aufzupeppen, denn auf den baumlosen Färöern wachsen höchstens Kartoffeln, Rhabarber und mit etwas Glück Karotten. Heute ist die Jagd zumindest auf den Papageitaucher mit seinem leuchtend roten Schnabel verboten.

Ältestes bewohntes Holzhaus Europas

Bis vor 100 Jahren gab es auf den Färöern nur Pfade, markiert durch aufgehäufte Steinpyramiden, die den Weg auch im Nebel wiesen. Viele Wege sind noch immer beschwerlich - etwa der zum Leuchtturm von Kallur auf der Insel Kalsoy möchte. Er wurde durch den James-Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" populär. Oder der nach Gásaldur an der steil abfallenden, felsigen Nordwestküste der Insel Vágar.

Der dortige Múlafossur, ein Wasserfall, der wie an einer Seidenschnur aus dem Teppichgrün der Vegetation rund 100 Meter ins Meer stürzt, ist eines der beliebtesten Fotomotive der Inseln - neben dem Kirkjubøargarður auf der Hauptinsel Streymoy: 900 Jahre haben die Holzstämme des "Königsbauernhofes" auf dem Buckel, womit er als das älteste bewohnte Holzhaus Europas gilt.

Seit 17 Generationen befindet sich der Bauernhof in Besitz einer Familie, die Politiker, Umweltschützer und Künstler hervorgebracht hat. Einer von ihnen ist Tróndur Patursson. Ihm haben die Färöer das vielleicht ungewöhnlichste Kunstwerk der Insel zu verdanken.

Patursson, ein Kreativer und Abenteurer mit wildem Haarschopf und grauem Rauschebart, führte die künstlerische Gestaltung des Eysturoytunnels aus. Der Tunnel verbindet die beiden größten Inseln des Archipels - Streymoy und Eysturoy. 

Die elf Kilometer lange Röhre, dritter unterseeischer Tunnel der Färöer, ist ein Bauwerk der Superlative. Eine Million Kubikmeter Gestein mussten bewegt, etwa 150 Kilometer Kabel verlegt werden. Rund zwei Jahre dauerten die Bauarbeiten für das bislang größte Infrastrukturprojekt der Inseln. Kosten: 175 Millionen Euro.

Von dem Tunnel profitieren Einheimische und Touristen gleichermaßen, weil sich die Fahrzeit zwischen der quirligen Hauptstadt Tórshavn und den Orten Runavík und Strendur auf der Insel Eysturoy laut Betreibern von 64 auf 16 Minuten verkürzt hat.

Kunstgalerie am Kreisverkehr unter dem Meer

Der Clou: Tief unter dem Meer, am geografischen Mittelpunkt der Inselgruppe, ist nun der erste Unterwasser-Kreisverkehr der Welt zu finden. Wer den Kreisel umrundet, ist inmitten der ungewöhnlichsten Kunstgalerie der Färöer. Im Mittelpunkt steht die in Lichteffekte getauchte 80 Meter lange Stahlskulptur von Tróndur Patursson mit lebensgroßen Figuren.

Wem beim Anblick der schwarzen Gestalten der Gedanke an Traditionen kommt, liegt richtig. Denn Patursson ließ sich vom Kettentanz inspirieren, der schon im Mittelalter fester Bestandteil im Leben der Menschen auf den Inseln im Nordatlantik war.

Wer sich für diese Epoche interessiert, findet mit der Ruine des Magnusdoms in der Nachbarschaft des Kirkjubøargarður das größte mittelalterliche Gebäude des Archipels. Oder er besucht das historische Viertel am Hafen von Tórshavn, Tinganes, wo sich bereits im 9. Jahrhundert die "freien Männer" der Färöer zu Versammlungen - "Things" - trafen, um Recht zu sprechen und Gesetzesbrecher drakonische Strafen aufzubrummen.

Ein wirklich altes Parlament und schöne Aussicht von der Schanze

Das Løgting - eines der ältesten Parlamente der Welt - ist inzwischen etwas weiter nördlich im Stadtzentrum Tórshavns angesiedelt, aber Regierung und Behörden nutzen nach wie vor viele der niedrigen, schwarz geteerten Holzhäuser mit ihren Grasdächern und den weißen Fensterrahmen.

Der Wirrwarr aus Gassen und schmalen Durchlässen, aus Stufen und Felsen wirkt fast wie die Kulisse eines Historienstreifens, aber in Tórshavn ist alles echt. Hühner laufen gackernd umher, Menschen unterhalten sich von Fenster zu Fenster. Wollsocken, Unterwäsche und Jeans trocknen im Wind. Doch gleichzeitig finden Touristen eine moderne Stadt vor, mit Sushi-Restaurant und veganem Kaffeehaus, mit Galerien und Konzerten. 

Den schönsten Blick auf Tórshavn hat man von der Festung Skansin, die 1580 zum Schutz vor Piratenüberfällen errichtet wurde, die aber nie Schauplatz eines Gefechts wurde. Vor dem Auge reckt sich der Dom in den Himmel, ein weiß gestrichener, mit Schiefer gedeckter Bau. Im Hafen starten die Inselfähren und Ausflugsboote in die färöischen Fjorde, wo Grind- und Blauwale, Orcas und Kegelrobben anzutreffen sind - mit etwas Glück und deshalb nur: "kanska", "vielleicht".

Links, Tipps, Praktisches:

Anreise: Aus Deutschland gibt es derzeit keine Direktflüge. Am einfachsten ist der Flug über Kopenhagen. Auf dem Seeweg ist die Inselgruppe ebenfalls zu erreichen. Die Reederei Smyrilline (smyrilline.de) bedient ab Hirtshals im Norden Dänemarks Island und stoppt auf in Tórshavn. 

Mobilität: Auf den Färöern ist ein Mietwagen sinnvoll, wenn man möglichst viel sehen möchte. Öffentliche Busse steuern zwar viele Orte an, die Fahrpläne sind aber dünn. 

Übernachten: Die meisten Unterkünfte finden sich in der Hauptstadt Tórshavn, wo fast jeder zweite Insulaner lebt. Das Angebot reicht vom schicken Vier-Sterne-Hotel bis zu Bed and Breakfast. Vor allem in der kurzen Sommersaison sind die Preise hoch. Auch eine Reihe von Campingplätzen gibt es (camping.fo).

Geld: Offizielle Währung ist die Dänische Krone (DKK). 1 Euro entspricht rund 7,50 Kronen.

Verständigen: Die Landessprache auf den Färöern ist Färöisch, Dänisch offizielle Zweitsprache. Englisch ist weit verbreitet.

Weiterführende Informationen: visitfaroeislands.com/de/