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Wildtierforschung Wenn die Maus den Adler tötet: Nagetiergifte bedrohen Greifvögel

Er ist laut einer aktuellen Studie besonders von den Folgen vergifteter Nagetiere betroffen: ein Habicht in Berlin
Er ist laut einer aktuellen Studie besonders von den Folgen vergifteter Nagetiere betroffen: ein Habicht in Berlin
© Oliver Krone, IZW
Mit Giftködern sollen eigentlich Ratten und Mäuse aus Städten, Land- und Forstwirtschaft vertrieben werden. Doch die Giftstoffe bedrohen auch gänzlich andere Arten

Nagetier-Gifte bedrohen die heimischen Greifvögel. Giftstoffe wie Blutgerinnungshemmer, die zur Bekämpfung von Mäusen und anderen Nagern eingesetzt werden, reichern sich in der Leber der Vögel an, berichten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW), des Umweltbundesamtes (UBA) und des Julius-Kühn-Instituts (JKI) im Fachmagazin «Environmental Research». Besonders gefährdet scheinen Vögel in der Nähe von Städten zu sein, aber auch in menschenfernen Lebensräumen kommen die Tiere mit den Giften in Kontakt.

Das Forscherteam hatte insgesamt 186 Greifvögel untersucht, die zwischen 1996 und 2018 gestorben waren: Rotmilane, Habichte, Sperber, See- und Fischadler. «Wir fanden Rodentizid-Rückstände im Lebergewebe von mehr als 80 Prozent der untersuchten Habichte und Rotmilane», sagt IZW-Forscher Alexander Badry. Bei 18 Prozent der Habichte und 14 Prozent der Rotmilane überschritt die gemessene Dosis den Schwellenwert für eine akute Vergiftung. Vermutlich trage dies zum Rückgang der Rotmilan-Populationen in Deutschland bei.

Blutgerinnungshemmer sind für die Vögel nicht zwingend tödlich - aber sehr gefährlich

«Besonders Rotmilane sammeln gerne tote Nagetiere und kommen so schnell mit dem Gift in Berührung», erläutert Oliver Krone, ebenfalls vom Leibniz-IZW. Bei Seeadlern wiesen die Forscher die Nagetiergifte in fast 40 Prozent der Proben in niedrigeren Konzentrationen nach, bei Sperbern und Fischadlern war die Anreicherung gering oder gleich null. Auch andere Chemikalien, die Menschen im Alltag nutzen, wurden bei den Vögeln nachgewiesen, beispielsweise Medikamente oder Pflanzenschutzmittel.

Auch wenn die Blutgerinnungshemmer nicht zwingend unmittelbar zum Tod der Tiere führten, beeinträchtigten sie die Blutgerinnung der Vögel, erläutern die Forscher. Dann reiche es, wenn die Greifvögel mal härter landeten oder sich stießen, um schwere innere Blutungen zu verursachen. Daran könnten die Tiere schließlich sterben.

Bei stadtnah lebenden Greifvögeln steigt das Risiko einer Giftanreicherung: Es sei für einen Greifvogel wahrscheinlicher, in der Nähe von Städten Rodentiziden ausgesetzt zu sein, aber dies bedeute nicht automatisch, dass sich diese Substanzen stärker anreicherten, erläutern die Forscher. Entscheidend sei vielmehr, ob ein Vogel sich von Aas ernährt oder von Beutetieren, die direkten Zugang zu Gift-Ködern besitzen.

Vergiftungen durch Rodentizide stellen eine wichtige Todesursache dar, fassen die Wissenschaftler zusammen. Die Quellen der Gifte und ihre Verteilung entlang der Nahrungskette müssten im Hinblick auf Sekundärvergiftungen und potenzielle Toxizität neu bewerten werden. Der Nachweis der Gifte bei Seeadlern zeige, dass auch die Verteilung in der Umwelt besser untersucht werden müsse. Seeadler fressen üblicherweise keine Nager, die mit den ausgelegten Gifte beseitigt werden sollen, reichern die Substanzen aber dennoch an.

Hilal Özcan, dpa

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