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Tierversuche bei der Bundeswehr Hunderte Tiere sterben jedes Jahr für Waffen-Experimente und OP-Trainings

Labormaus
Seit dem Jahr 2000 wurden durch die Bundeswehr oder in ihrem Auftrag jährlich mehrere hundert Ratten und Mäuse in Tierversuchen "verbraucht"
© unoL / shutterstock
Bei Chirurgie-Trainings oder Experimenten mit Giftgas "verbrauchte" die Bundeswehr in den vergangenen Jahren Tausende Tiere. Eine Anfrage im Bundestag förderte nun erstmals umfassende Zahlen zutage

Wenn es um Tierversuche geht, sind meist pharmazeutische Forschungseinrichtungen im Fokus der Öffentlichkeit. Dass auch die Bundeswehr jedes Jahr Hunderte Schweine, Ratten, Mäuse in Experimenten „verbraucht“, ist dagegen weniger bekannt. Was auch daran liegt, dass solche Versuche in den Veröffentlichungen der Bundesregierung zu Tierversuchen nicht vollständig ausgewiesen werden.

Klarheit schafft jetzt die Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke. Demnach hat die Bundeswehr in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Versuchen mehr als 7500 Tiere verwendet. Zwischen 2012 und 2019 ließ sich die Truppe Tierexperimente für Ausbildung und für wehrtechnische und wehrmedizinische Forschung fast zwei Millionen Euro kosten.

Rund 85 Prozent der Tiere waren Ratten und Mäuse. Hinzu kamen 590 Meerschweinchen, aber auch 27 Affen, 144 Hunde und mehr als 300 Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde.

Die Übersicht der Verwendungszwecke zeigt: Nager wurden Nervenkampfstoffen wie VX, Soman oder Senfgas ausgesetzt, Schweine wurden schwer verletzt, um Nervenschädigungen oder Blutarmut zu simulieren, Kaninchen wurden Knorpelverletzungen zugefügt, bei Mäusen wurden die Spätfolgen einer Verstrahlung untersucht.

Versuche als „zu belastend“ abgelehnt

Wie aus dem Bericht hervorgeht, wurde 2015 ein Versuch abgelehnt, bei dem Meerschweinchen mit VX begast werden sollten – weil er von der zuständigen Behörde als „zu belastend“ eingestuft worden war. Das Giftgas wird über die Haut vom Körper aufgenommen, lähmt die Atemmuskulatur und führt innerhalb von Minuten zu starken Krämpfen und zum Tod. In den Jahren 2013 und 2015 allerdings waren genau solche Versuche genehmigt worden – unter Narkose.

„Tierversuche zur Entwicklung und Erprobung von Waffen und Munition sind laut Tierschutzgesetz verboten“, sagt Corina Gericke vom Verein Ärzte gegen Tierversuche in einer Stellungnahme. „Das hält die Bundeswehr aber nicht davon ab, die Auswirkungen von Kampfstoffen und Verletzungen an Tieren zu erforschen.“

Um die Behandlung von Schussverletzungen zu trainieren, benutzt die Bundeswehr Schweine als „Verletzte“. Wie aus der Antwort des Verteidigungsministeriums hervorgeht, wurden 2020 für einen Lehrgang „Teamtraining Chirurgie“ für einen Zeitraum von fünf Jahren 60 Schweine genehmigt – ohne „Wiederherstellung der Lebensfunktion“. Soll heißen: Die Tiere werden nach der OP getötet. Kosten: bis zu 380.000 Euro.

OP-Training an Schweinen „völlig antiquiert“

„Solche Übungen sind völlig antiquiert“, kommentiert Corina Gericke. Heute gebe es moderne Übungstools, mit denen chirurgische Eingriffe realitätsnah erlernt und geübt werden können, darunter lebensechte menschliche Modelle und Computersimulatoren. „Der Verein Ärzte gegen Tierversuche fordert Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer auf, sämtliche Tierversuche zu Forschungs- und Übungszwecken sofort einzustellen“, heißt es in der Stellungnahme.

Zahlenmäßig machen die Versuche der Bundeswehr nur einen kleinen Anteil aus. Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums wurden allein im Jahr 2019 insgesamt 2,9 Millionen Wirbeltiere in Tierversuchen eingesetzt. Trotz zahlreicher Ankündigungen stagniert die Zahl auf hohem Niveau, wie Ärzte gegen Tierversuche kritisiert.


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