VG-Wort Pixel

"Zeichen von Hysterie"


Sucharit Bhakdi, Mikrobiologe an der Universität Mainz, sieht die Gefahren von BSE gelassen. Viele verordnete Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit zeugten von Aktionismus

GEO: Herr Professor Bhakdi, der Verband der Fleischwirtschaft will die ohnehin freiwilligen Tests für Rinder abschaffen, die jünger als 24 Monate sind...

Bhakdi: ... nur die? Im Grunde genommen sind alle BSE-Tests bei klinisch unauffälligen Tieren Geldverschwendung. Ich sehe eine beispiellose Hysterie. Die Grenzen der Rationalität sind weit überschritten.

GEO: Inwiefern?

Bhakdi: Bis jetzt wurden etwa 240 Tiere positiv auf den BSE-Erreger getestet und aus dem Verkehr gezogen - bei rund fünfeinhalb Millionen getesteten Rindern. Das entspricht einer Quote von 0,04 Promille. Überträgt man diesen Befund auf den gesamten Rinderbestand Europas von rund 40 Millionen Tieren, dann existieren maximal 1600 BSE-infizierte Tiere. Das sind verschwindend wenige bei Kosten von 50 Euro pro Test.

GEO: Und wie viele Fälle der neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sind demnach zu erwarten?

Bhakdi: Gehen wir mal - großzügig geschätzt - davon aus, dass auf dem europäischen Fest-land trotz aller Vorsichtsmaßnahmen 100 infizierte Rinder zu Lebensmitteln verarbeitet wurden. Dann könnten wir bei Berücksichtigung der Ansteckungsquote und der Inkubationszeit von maximal 30 Jahren bis zum Jahre 2040 höchstens sechs Fälle erkrankter Menschen erwarten. Bis heute ist hierzulande noch nicht ein einziger Fall aufgetreten.

GEO: Aber ist die Datenlage für solche Hochrechnungen nicht reichlich dünn?

Bhakdi: Die Schätzungen sind durchaus seriös. Nach allen Erkenntnissen ist die Penetranz der BSE-Erreger im Menschen minimal. Mit der Nahrung aufgenommen, schaffen sie es nur selten, bis ins Gehirn vorzudringen.

Deshalb haben sich selbst in England, dem hauptsächlich betroffenen Land, wahrscheinlich nur einige hundert, maximal einige tausend Briten infiziert - dies alles unter der Voraussetzung, dass weit über eine Million Briten Fleisch von mindestens 175000 erkrankten und 500000 bis 700000 infizierten Tieren gegessen haben. Berücksichtigt man das alles, dürfte auf dem europäischen Festland das Risiko, sich beim Essen mit dem BSE-Erreger zu infizieren, nahe null sein.

GEO: Was also tun?

Bhakdi:Das Tiermehlverfütterungsverbot beibehalten! Und alle Tiere, bei denen die Krankheit tatsächlich schon ausgebrochen ist, aus der Nahrungsmittelproduktion entfernen. Und die Tests abschaffen.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 3/03

GEO Nr. 03/03 - Jungs

Mehr zum Thema