Ökologie Artenschutz mit der Sense

Naturschutz paradox: Effektiver Artenschutz funktioniert oft nur durch menschliche Eingriffe in die Ökosysteme. Doch warum bedroht frei wuchernde Natur die Artenvielfalt?

"Wenn man von diesem Punkt aus die Löcknitz betrachtet, könnte man meinen, man wäre am Amazonas", sagt Schmetterlingexperte Hartmut Kretschmer und schaut auf das ruhig dahinfließende Gewässer, das übersät ist von Schwimmblättern, voller Röhrichte und umgeben von Seggenried, Hochstaudenfluren sowie Erlen- und Weidenbrüchen. Ein unberührtes Stück Natur, sich frei entfaltend - könnte man denken. Doch weit gefehlt.

Im etwa 4,5 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet nahe Berlin kümmert sich die Interessengemeinschaft (IG) Löcknitztal um die Biotopmannigfaltigkeit. In regelmäßigen Abständen mähen der Vereinsvorsitzende Dr. Gerhard Ziebarth und seine Kollegen die Blühwiesen und entfernen Bäume und Büsche. Das mag für manch einen paradox klingen: Naturschutz und Erhalt der Artenvielfalt durch menschliches Eingreifen, ja sogar durch teilweise Entfernung von Beständen. Sollte man die Natur nicht Natur sein lassen? Und wenn der Mensch eingreift, wer entscheidet dann, was schützenswert ist?

"Die Blühwiesen sind das eigentliche Schutzobjekt", meint Ziebarth, "sie stellen den Lebensraum für einige seltenen Arten. Als Referenzorganismus wird gerne die Orchidee herangezogen. In unseren Blühwiesen wächst zum Beispiel das gefährdete Breitblättrige Knabenkraut". In den Offenlandschaften finden aber auch viele Schmetterlingsarten ihr Zuhause, darunter auch einige gefährdete Arten. Insgesamt kann sich die Artenvielfalt im Löcknitztal sehen lassen: Rund 1400 Tier- und Pflanzenarten bilanzierten die Experten des diesjährigen GEO-Tags der Artenvielfalt.

Würde man hier nicht in die Natur eingreifen, dann würden die Wiesen über mehrere Stadien durch andere Pflanzenarten eingenommen. Konkurrenzstarke Pflanzen würden die schwächeren verdrängen. Diesen Vorgang nennt man Sukzession. Im Falle des Löcknitztals, einem Niedermoor, würden sich über Zwischenstadien – vor allem Seggenrieder – nach und nach immer größere und resistentere Pflanzen durchsetzen. Das Endstadium wäre ein verzahntes Gemisch von Erlen- und Weidenbrüchen. Verlierer dieses Vorgangs wären die Tiere und Pflanzen der Offenlandschaft, wie Bekassine, Neuntöter oder Braunkehlchen. Dieser dynamische Wandel ginge also einher mit einem Artenverlust. Will der Mensch die Vielfalt bewahren, muss er eingreifen. Naturschutzmaßnahmen stehen also nicht im Widerspruch zu Naturschutz. Im Gegenteil: zum Erhalt der Artenvielfalt ist Biotop-Management oft notwendig.

Doch sollten nicht ebenso die seltenen Erlen- und Weidenbrüche geschützt werden? "Auch sie sind schützenswert", erklärt Gerhard Ziebarth. "Große Bestände lassen wir unberührt. Nur an manchen Stellen greifen wir ein und versuchen mosaikartig einige offene Flächen zwischen den Erlen- und Weidenbeständen zu erhalten, um somit die Mannigfaltigkeit des Naturschutzgebietes zu bewahren."

Tatsächlich ist es so, dass die so urtümlich anmutende Landschaft des Löcknitztals erst von Menschenhand geschaffen wurde. Ursprünglich war dieses Gebiet in seiner ganzen Fläche von Erlen- und Weidenbrüchen sowie von Röhricht entlang des Baches bedeckt.

Spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts fingen die sich in der Umgebung ansiedelnden Menschen an, das Niedermoorgebiet zu bewirtschaften. Sie befreiten es von den Holzgewächsen und überführten nach und nach einzelne Teile in Mähwiesen für ihre kleinen Ziegen- und Kuhherden. Erst dadurch konnten offene Flächen und damit einhergehend die große Artenvielfalt entstehen.

Ein Rückgang der menschlichen Aktivität bedeutet somit im Umkehrschluss auch ein Verschwinden des geschaffenen Lebensraumes und einen Rückgang der Artenvielfalt. So geschehen in den 50er Jahren, als die Kleinbesitzer sich zurückzogen und die Wiesen der Vereinnahmung durch die Erlen- und Weidenbrüche anheimgaben. Seit den 70er Jahren kümmert sich nun die IG Löcknitztal um die Instandhaltung der offenen Flächen. Hier wird deutlich: beim Naturschutz geht es auch um Kulturschutz.

Artenschutz mit der Sense

Mit der Sense für die Artenvielfalt: Vorbeugen gegen Sukzession

Ähnlich ist es in den Naturschutzgebieten Höltigbaum bei Hamburg und Döberitzer Heide nahe Berlin. Beides sind ehemalige militärische Standortübungsplätze. Sie verdanken ihre Artenvielfalt militärischen Aktivitäten: Die Flächen wurden offen gehalten für den Übungsbetrieb, Fahrzeuge zerstörten ständig die Bodenoberfläche. Es entwickelten sich so halboffene Landschaften mit weitläufigen Grasfluren. Seit dem Rückzug des Militärs gilt es, die besondere Artenvielfalt dort zu erhalten. Der Truppenübungsplatz Putlos ist ein Beispiel für ein militärisch noch genutztes Areal. Auch hier, fern von landwirtschaftlicher Tätigkeit, floriert die Flora und Fauna.

Offenlandbiotope sind allerdings nicht ausschließlich von Menschenhand geformt. Beispielsweise entstanden entlang von Flusstälern ähnliche Feuchtwiesen auf natürlichem Wege. Vor allem aber wurden sie durch große Pflanzenfresser geschaffen. Diese tragen dazu bei, kleinräumige, offene Biotope zu erhalten. Daher setzt man heutzutage im Naturschutz unter anderem Rinder ein.

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Im Naturschutzgebiet Höltigbaum bei Hamburg etwa werden Schottische Hochlandrinder als Weidetiere eingesetzt. Sie werden dort liebevoll als "Ökorasenmäher" bezeichnet. Auf der Döberitzer Heide sind es Galloway-Rinder. Durch die Beweidung wird die Verbuschung aufgehalten: Die Rinder knabbern an Pappeln, Birken und Weiden und knicken diese um – somit leisten sie einen wertvollen Beitrag zur sogenannten Entkusselung, dem Entfernen von Strauch- und Baumwuchs. Durch diese Art des Mähens erhalten möglichst viele Pflanzen eine Chance.

Doch es gibt auch die Naturschutzvariante, bei der Menschen überhaupt nicht eingreifen. In den insgesamt 14 deutschen Nationalparks lässt man, im Gegensatz zu den Naturschutzgebieten, der Natur freien Lauf. Man nennt das Prozessschutz.

Das Risiko dabei: Die Artenvielfalt kann in diesem Prozess rückgängig sein.

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