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China Diese Heilpflanze versteckt sich vor ihren Sammlern

Yang Niu / Martin Stevens / Hang Sun
Kaum zu glauben, dass es sich um eine Art handelt: Hätten Sie Fritillaria auf den beiden rechten Bildern erkannt?
© Yang Niu / Martin Stevens / Hang Sun
Täuschen, tricksen, tarnen – das können nicht nur Tiere. Jetzt berichten Forscher von einer Pflanze, die sich vor Pflanzensammlern regelrecht versteckt

Normalerweise zeigt Fritillaria delavayi sich in einem gewöhnlichen Grün mit einer großen, gelbgrünen Blüte. In manchen Regionen des Hengduan-Gebirges im Südwesten Chinas treten allerdings auch grau-braune Varianten des Pflänzchens auf. Und die sind vom schotterigen Untergrund praktisch nicht zu unterscheiden. Selbst die Blüte erscheint in diesen Farben.

Hoher Anpassungsdruck

Warum es diese Farbvarianten derselben Art gibt, war bislang unbekannt. Nun hat ein britisch-chinesisches Forscherteam eine erstaunliche Erklärung gefunden.

„Wir dachten, die Evolution der Tarnung sei von tierischen Pflanzenfressern vorangetrieben worden,“ berichtet die Botanikerin Yang Niu laut einer Pressemitteilung. Doch solche Pflanzenfresser fehlen in den Regionen mit getarnten Varianten. „Dann wurde uns klar, dass Menschen der Grund sein könnten“, sagt die Co-Autorin der Studie, die nun im Fachjournal Current Biology veröffentlicht wurde.

Offenbar ist die Tarnfarbe eine Anpassung an den hohen „Sammeldruck“: Fritillaria ist in China seit mindestens 2000 Jahren als Heilpflanze begehrt. Einem Pulver, hergestellt aus ihrer Zwiebel, werden in der traditionellen chinesischen Medizin heilende Kräfte bei Herz- und Lungenleiden nachgesagt. Ein Kilogramm dieses Pulvers erzielt Preise von umgerechnet rund 400 Euro – und zur Herstellung braucht man etwa 3500 Pflanzen.

Tarnwirkung nachgemessen

Den Grad der Anpassung der Pflanzen an ihren Untergrund maßen die Forscher mit einem Farbmessgerät, einem sogenannten Spektrometer nach. Gleichzeitig ermittelten sie Regionen, in denen der Pflanze intensiv nachgestellt wurde. Das Ergebnis: Überall dort, wo Fritillaria seit alters her besonders begehrt ist, hat sie auch eine besonders raffinierte Anpassung an ihre Umgebung ausgebildet – sich also für das menschliche Auge fast unsichtbar gemacht.

Um den Effekt zu verifizieren, zeigten die Forscher Probanden Fotos der verschiedenen Varianten in ihrer natürlichen Umgebung. Wenig überraschend: Die besonders gut getarnten Exemplare waren schwerer zu entdecken.

Es sei möglich, sagt der an der Studie beteiligte Biologe Martin Stevens von der Universität Exeter, dass Menschen die Evolution von Abwehrstrategien auch bei anderen Pflanzenarten angetrieben haben. „Doch dazu gibt es erstaunlich wenig Forschung.“


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