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Erneuerbare Energien Energie-Experte: "Wir brauchen einschneidende und disruptive Veränderungen"

Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
© IMAGO / Eibner
Kohle, Gas, Atom: In der Krise erleben nicht nachhaltige Energieträger ein Comeback. Im Interview erklärt Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme, was jetzt passieren muss – und warum er die Forderung von Fridays for Future nach 100 Milliarden Euro Sondervermögen für das Klima unterstützt

GEO.de: Momentan erlebt die Kohle ein Comeback, Forderungen nach einem Ausstieg aus dem Atomausstieg werden lauter, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder schlägt sogar vor, "im Norden" Gas zu fracken. Gerät die Energiekrise zum energiepolitischen Rollback?

Volker Quaschning: Das sind reine Ablenkungsmanöver vom energiepolitische Totalversagen der letzten 16 Jahre. Bayern ist unter den Flächenländern Schlusslicht beim Ausbau der Windkraft und darum extrem von Erdgas abhängig. Diese fatale Fehlentwicklung wird für die bayerische Wirtschaft immer mehr zum Wettbewerbsnachteil. Um dafür nicht verantwortlich gemacht zu werden, zünden die Verantwortlichen immer neue Nebelkerzen. Die Kernenergie deckt in Deutschland in diesem Jahr rund ein Prozent des Gesamtenergiebedarfs, Fracking würde erst in ein paar Jahren Erträge bringen und Deutschland auch nur zu einem sehr kleinen Teil über einen sehr überschaubaren Zeitraum versorgen können. Beides bringt uns weder über den Winter noch löst es unsere Energieprobleme der Zukunft – und schon gar nicht die der Klimakrise. Es wäre schön, wenn die Union als große Volkspartei endlich ihrer Bedeutung gerecht wird und sinnvolle Konzepte vorschlägt, wie Deutschland seine Energieimportabhängigkeit und das immer weitere Anheizen der Klimakatastrophe schnellstmöglich beenden kann.

Wie gefährlich es war, sich auf Russland zu verlassen und den Ausbau der Erneuerbaren zu verschleppen, zeigt sich jetzt. Ist es überhaupt möglich, den erforderlichen Ausbau im Eiltempo nachzuholen?

Die aktuelle Krise kommt ja nicht überraschend. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben vor der Entwicklung gewarnt. Deutschland war einmal Weltmarktführer bei der Photovoltaik und der Windkraft. 2012 hat die Politik die Solarbranche regelrecht zerschlagen. Nun beziehen wir die Technologie aus China. Gleiches passiert seit 2017 mit der Windkraft. Das war nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland fatal. Mit einem bisschen Weiter-so bei der Energiewende werden wir diese Entwicklung natürlich nicht korrigieren können. Wir haben 30 Jahre gebraucht, damit heute erneuerbare Energien rund 20 Prozent unseres Gesamtenergieaufkommens decken. Die restlichen 80 Prozent müssen wir nun in 15 Jahren schaffen. Das zeigt, dass wir einschneidende und disruptive Veränderungen brauchen. Die Technik ist aber bekannt und erneuerbare Energien sind inzwischen die preiswerteste Art der Energieversorgung. Es liegt vor allem am mangelnden Willen, dass wir nicht in die Hufe gekommen sind. Vielleicht verinnerlichen uns jetzt die extrem hohen Energiepreise auf schmerzhafte Weise, dass wir deutlich schneller werden müssen.

Nach dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr fordert Fridays for Future Deutschland nun ein Sondervermögen in derselben Höhe für Klima und Sicherheit. Warum sollte die Bundesregierung sich dazu durchringen?

Bei den Krisen der letzten drei Jahre hat Deutschland immer nur als Getriebener gehandelt. Das hat nicht immer zu den besten Lösungen geführt und war für unser Land vor allem extrem teuer. Die Klimakrise wird eine ganz andere Dimension erreichen und früher oder später die finanziellen Möglichkeiten Deutschlands weit überschreiten. Die Folge wird massiver Wohlstandsverlust und die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sein. Es gäbe eigentlich nichts Sinnvolleres, als jetzt noch rechtzeitig die schlimmsten Folgen der Klimakrise durch ambitioniertes Handeln zu verhindern. Das bedarf einer enormen Kraftanstrengung und natürlich auch erheblicher finanzieller Mittel. Je schneller die Regierung das verinnerlicht, desto besser ist dies für unser Land.

Sie waren 2019 Gründungsmitglied von Scientists for Future. Haben Sie den Eindruck, dass maßgebliche Politiker*innen auf die Wissenschaft hören?

Wir sehen eine neue Bundesregierung, die durchaus bemüht ist, beim Klimaschutz etwas mehr Tempo an den Tag zu legen. Die letzte Bundesregierung hat nicht einmal diesen Willen erkennen lassen. Zum Einhalten des Pariser Klimaschutzabkommens greifen aber die aktuellen politischen Maßnahmen leider immer noch viel zu kurz. Eigentlich müssten jetzt alle politischen Kräfte den Schulterschluss suchen, um die enormen Herausforderungen zum Erreichen der nötigen Klimaschutzmaßnahmen zu meistern. Stattdessen erleben wir gerade Diskussionen, die an die 1980er-Jahre erinnern. Größere Teile der Politik sind nach wie vor an Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen wenig interessiert.

Mit seiner Frau Cornelia veröffentlichte Volker Quaschning das Buch "Energierevolution jetzt! Mobilität, Wohnen, grüner Strom und Wasserstoff: Was führt uns aus der Klimakrise – und was nicht?"
Mit seiner Frau Cornelia veröffentlichte Volker Quaschning das Buch "Energierevolution jetzt! Mobilität, Wohnen, grüner Strom und Wasserstoff: Was führt uns aus der Klimakrise – und was nicht?"

Gehen Sie am Freitag selbst auf die Straße?

Bei den letzten Klimastreiks war ich immer mit auf der Straße. Diesmal liegt der Termin genau parallel zu Hochschulklausuren, wo wir junge Menschen für die Energiewende fit machen. Darum klappt das bei mir nicht, aber meine Kinder werden mich würdig vertreten. Unabhängig vom Klimastreik werde ich aber, wo immer es geht, meine Stimme erheben, um aufzuklären und wirksame Klimaschutzmaßnahmen einzufordern. Wir sind derzeit auf direktem Weg in den Klimakollaps, der zwangsläufig die Zerstörung unserer Zivilisation noch in diesem Jahrhundert zur Folge haben wird. Alle, die Kinder haben, müssten eigentlich ihr Menschenmögliches unternehmen, um das noch zu verhindern.


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