Kommentar Nach Fehmarnbelt-Urteil: Die Ostsee wird zur Baustelle

Nach der heutigen Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig ist klar: Der Fehmarnbelttunnel wird gebaut. Ein Sieg für die dänischen Fans des Mega-Projekts - und ein Desaster für die Ostsee. Ein Kommentar
Fehmarnbeltquerung

Schneller drunter und drüber: Der Fehmarnbelttunnel verkürzt die Fahrzeiten von Deutschland nach Dänemark - und steht besonders bei Naturschützern in der Kritik

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Wer den sanft abfallenden Sandstrand und das kleine vergessene Kliff neben der Fehmarnsundbrücke kennt, nahe dem Ostseebad Heiligenhafen, wird diesen idyllischen Ort schon in wenigen Monaten nicht wiedererkennen.

Dann wird hier eine riesige Baugrube klaffen. Bagger werden einen hundert Meter breiten Graben in den Untergrund der Ostsee wühlen, Sedimente aufwirbeln, Jahrtausende alte natürliche Strukturen verschwinden lassen. Durch den Fehmarnsund, der das deutsche Festland von der Insel Fehmarn trennt, und durch den 18 Kilometer breiten Fehmarnbelt zwischen Fehmarn und der dänischen Insel Lolland, werden riesige vorgefertigte Tunnelelemente für vier Spuren Auto- und zwei Spuren Eisenbahnverkehr in den Grund der Ostsee eingebuddelt. Auf Fehmarn selbst wird eine oberirdische Trasse die beliebte Ferieninsel in zwei Hälften teilen.

So will es der Staatsvertrag, den die Bundesrepublik Deutschland mit dem Königreich Dänemark im Jahr 2008 abschloss. Und der jetzt, nach der Ablehnung der letzten Klagen durch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, Wirklichkeit wird.

Umsonst hatten Umwelt- und Naturschützer geklagt, dass die ohnehin kranke und gestresste Ostsee (Nährstoff-Einträge aus der Landwirtschaft, Offshore-Windkraft, Militärische Übungen und Sprengungen, Schiffsverkehr) weiter geschwächt und zerstört wird. Unterwasser-Baulärm und eine langanhaltende Eintrübung des Ostseewassers durch die besondere Bauweise des Tunnels werden den Patienten Ostsee nun zusätzlich belasten. (Übrigens aus Kostengründen: Ein Absenktunnel ist rund ein Drittel billiger als ein gebohrter Tunnel.)

Immer wieder haben Naturschützer darauf hingewiesen, dass es sich dabei um einen schwerwiegenden Eingriff in eine ökologisch besonders wertvolle und sensible Unterwasserlandschaft der Ostsee handelt: die Kinderstube der Schweinswale. Umweltrechtlich geschützte Steinriffe, Relikte der letzten Eiszeit – von denen die dänische Planungsfirma einige „übersehen“ hatte – werden unwiderruflich zerstört.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Rechtfertigen die versprochenen Vorteile die Zerstörungen?

Rechtfertigt die Idee eines ungehinderten Warenverkehrs von Skandinavien bis nach Sizilien (die Trasse ist Teil eines EU-Infrastrukturprojekts) all diese irreparablen Zerstörungen? Sind sie für eine Verkürzung der Fahrtzeit zwischen Dänemark und Deutschland von 45 Minuten (mit der Fähre) auf zehn Minuten (mit dem Auto durch den Tunnel) angemessen? Oder, größer gefragt: Sind in den Zeiten der globalen ökologischen Krise solche gigantischen Infrastrukturprojekte - siehe auch BER, Stuttgart 21 oder die Elbvertiefung - heute überhaupt noch vertretbar? Sind sie nicht kolossal vorgestrig?

Solche Fragen muss die Gesellschaft beantworten, die Konsequenzen müssen die Regierungen verantworten. Das Bundesverfassungsgericht jedenfalls hatte darüber nicht zu befinden. Richterschelte wäre unangebracht.

Niemand hatte im Übrigen erwartet, dass das Gericht in letzter Sekunde ein (vor allem auf dänischer Seite) mit Macht betriebenes Projekt stoppt. Auf Lolland wird schon seit Jahren voller Zuversicht gebaut.

Und nun werden auch auf deutscher Seite zügig die Bagger anrollen, die in der Region keiner will. Im Jahr 2029, bei der Tunneleröffnung mit Verkehrsminister, wird niemand mehr an den Sandstrand und das kleine, vergessene Kliff neben der Fehmarnsundbrücke denken. Die werden dann wirklich vergessen sein.