Corona- und Klimakrise Wir können auch anders!

Die Corona-Pandemie zeigt: In der Not akzeptiert die Gemeinschaft Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Die Fähigkeit zu Verzicht und Mäßigung werden wir auch im Verlauf der Klimakrise noch brauchen
15.03.2020, Nordrhein-Westfalen, Oberhausen

Mehr Infizierte, weniger Verkehr: Wegen des Coronavirus sind auf den Straßen Deutschlands wesentlich weniger Menschen unterwegs

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Geschlossene Schulen und Kitas, heruntergefahrenes öffentliches Leben, abgesagte Veranstaltungen, Flieger, die am Boden bleiben, Angestellte im Homeoffice: Was vor wenigen Wochen noch undenkbar war, ist heute Realität. Spanien und Frankreich verhängten gar eine Ausgangssperre, weitere Länder werden wohl folgen. Immer mehr Staaten weltweit befinden sich im kontrollierten Ausnahmezustand.

Im Angesicht der Corona-Pandemie erscheint die Einschränkung von persönlichen Freiheiten nicht nur geboten, sondern notwendig. Selbst FDP-Chef Christian Lindner zeigt Verständnis für drastische staatliche Eingriffe und beschwört den Gemeinsinn. In einem Interview sagte er: „Bei einer Menschheitsherausforderung ist auch die Menschheit als Ganzes gefordert. Da kann keiner auf seinen kleinen eigenen Vorteil schauen.“

Lindner verweist damit – absichtlich oder nicht – auf ein anderes globales Problem. Von einer „Menschheitsherausforderung“ hatte nämlich unlängst auch die Bundeskanzlerin gesprochen. Sie meinte damit allerdings die Klimakrise (die zurzeit von der Corona-Berichterstattung komplett überlagert wird).

Man kann sich nun darüber wundern, dass angesichts einer drohenden Katastrophe, deren Auswirkungen die der gegenwärtigen Pandemie um Größenordnungen übertreffen werden, die Bereitschaft zu Einschränkungen jeder Art praktisch nicht existiert. Als ob jeder nur auf seinen kleinen eigenen Vorteil schaute.

Was das Klima anbelangt, kann und muss man die Unterschiede zwischen Corona- und Klimakrise hinsichtlich der Gefahrenwahrnehmung benennen. Man kann auch menetekeln, dass die unbeabsichtigte, abrupte und globale CO2-Reduktion innerhalb von Wochen oder Monaten an ein Ende kommen wird. Nämlich genau dann, wenn Weltwirtschaft und öffentliches Leben wieder zu gewohnter Form auflaufen.

Die gute Nachricht: Wir können Verzicht und Mäßigung

Eines aber sollte Fridays-for-Future-Aktivisten und Forschern Mut machen: Die verwöhnte Gesellschaft zeigt gerade, dass sie angesichts akuter Bedrohungslagen radikale Einschränkungen akzeptieren kann. Unser Gesundheitssystem, eines der besten der Welt, ächzt. Aber die öffentliche Ordnung bricht nicht zusammen. Und lange verpönte Tugenden wie Verzicht und Mäßigung werden plötzlich wieder geschätzt. In der Corona-Pandemie erweist sich die Gesellschaft als solidarisch und kooperativ. Und das ist genau das, was auch in der Klimakrise gefordert ist.

Denn Forscher mahnen, dass zur Eindämmung der Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius Anstrengungen nötig sind, wie die Menschheit sie seit der Mobilmachung im Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat. Um noch einmal Christian Lindner zu zitieren: „Bei einer Menschheitsherausforderung ist auch die Menschheit als Ganzes gefordert. Da kann keiner auf seinen kleinen eigenen Vorteil schauen.“

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Gut möglich, dass die Gefahren der ungebremst voranschreitenden Klimakrise schon bald auch im wohlhabenden Westen sich so drastisch auswirken werden, dass deren Wahrnehmung in der Gesellschaft sich verändert. Hitzestress, Dürren, Lebensmittelknappheit, Krisen und Migration werden nicht nur tropische Regionen, sondern zunehmend auch den globalen Norden treffen. Wenn man dem britischen Nachhaltigkeitsforscher Jem Bendell glauben schenken will, wird die Klimakrise sogar innerhalb weniger Jahrzehnte zum Zusammenbruch ganzer Gesellschaften führen. Nicht irgendwo, sondern auch in Europa.

Doch selbst wenn es jetzt zu spät sein sollte, die Erderwärmung unter der kritischen Zwei-Grad-Grenze zu halten (wofür einiges spricht): Vielleicht sind wir zumindest für den Ernstfall besser gerüstet, als wir dachten.