Kommentar Warum bei Corona funktioniert, was bei der Klimakrise versagt

Verbote und Verzichtsapelle galten lange als Tabu. In Zeiten des grassierenden Corona-Virus werden sie plötzlich ausgesprochen - und akzeptiert. Wie kommt das?
Corona

Corona hält die Welt in Atem. Das Virus löst Gegenmaßnahmen in einer Rigorosität aus, die wir beim Klimaschutz vergeblich suchen

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Zurzeit ist in Deutschland ein interessanter Klima-Wandel zu beobachten. Während das neu- und bösartige Coronavirus sich ausbreitet, während wir schonend darauf vorbereitet werden, dass die ersten Fälle in der eigenen Familie auftreten werden –, greifen Politiker zu einem erstaunlichen Vokabular.

Von notwendigem Verzicht ist plötzlich die Rede. Über Verbote wird gar nicht erst diskutiert. Sie werden einfach in Kraft gesetzt. Die Bundeskanzlerin, aus der Unsichtbarkeit aufgetaucht, appelliert als oberste Krisenmanagerin an die Vernunft und Solidarität der Bürger. Es scheint nur eine Frage der Zeit, dass auch hierzulande Konsumtempel verrammelt werden, der Flugverkehr zum Erliegen kommt.

Alles scheint plötzlich möglich. Wenn jetzt ein Gutachten aus dem Robert-Koch-Institut zu dem Schluss käme, dass Tempo 100 auf Autobahnen die Ausbreitung des Virus verlangsamen könnte: Das Limit könnte über Nacht in Kraft treten. Und alle würden sich daran halten.

Was hat Corona, was der Klimawandel nicht hat?

Natürlich fragen sich Klimaschützer nun beleidigt, warum bei Corona der Appell an Vernunft, Gemeinsinn und Solidarität funktioniert. Warum also Verbote und Aufforderungen zum Verzicht plötzlich nicht den Untergang des Abendlandes, mindestens aber der Demokratie bedeuten sollen. Sondern als oberstes Gebot der Stunde mit heroischer Selbstverleugnung abgefeiert werden.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Nüchtern betrachtet, zeigt sich: Corona hat als Bedrohung eine vollkommen andere Qualität als die Klimakrise. Die Virus-Gefahr ist akut und unmittelbar (jeder könnte sich jederzeit anstecken) – und ihre Konsequenzen sind innerhalb von Wochen potenziell tödlich. Und zwar nicht für irgendwelche Pazifik-Insulaner oder Bangladeshis – sondern für jeden von uns. Und seine Angehörigen. Hier in Deutschland. Zudem wird es zwar viele, aber nicht jeden treffen – und vorübergehen.

All das sind genau diejenigen Qualitäten, die der Klimakrise fehlen, um als das wahrgenommen zu werden, was sie ist: als Bedrohung für die menschliche Existenz.

In einem Interview zum Thema Corona-Virus sagte der Philosoph Richard David Precht kürzlich, die Leute hätten mehr Angst um ihr Leben, als um das Überleben der Menschheit. Das ist sicherlich richtig. Wahr ist allerdings auch, dass sie sich eher das Ende der Welt als das Ende einer Wirtschaftsweise vorstellen können, die den Planeten auffrisst. Und das ist vielleicht das merkwürdigere Problem.