For Forest Bäume im Stadion: Künstler bringen den Zustand der Wälder auf den Punkt

Im Jahr 1970 fertigte der Österreicher Max Peintner eine Zeichnung an, die den Wald als Attraktion in einem Stadion zeigt. Jetzt haben Künstler das Bild in die Realität übersetzt. Im Interview spricht Galerist Klaus Littmann über ökologische Bedenken und den langen Weg des Projekts
Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur, Zeichnung von Max Peintner

Bereits 1970 entwicklete Max Peintner die Idee, dass der Mensch den Wald eines Tages nur noch bei besonderen Ausstellungen beobachten wir können

Ein großes Stadion, voll besetzte Ränge, doch auf dem Spielfeld läuft weder ein Fußballspiel noch Olympia. Es findet sich dort nicht mehr als ein Mischwald im herbstlichen Kleid. Die Zeichnung "Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur" von Max Peintner zeigt ein Szenario, das wir uns angesichts der aktuellen Klima- und Umweltentwicklungen immer besser vorstellen können: Der Wald als eine Besonder- und nicht mehr natürliche Gegebenheit, die sich nur noch als Ausstellungsstück betrachten und erfahren lässt.

Als der Schweizer Galerist Klaus Littmann diese Zeichnung Ende der 80er-Jahre zum ersten Mal sah, ließ sie ihn nicht mehr los. Er wollte Peitners Arbeit in die Realität übersetzen. Nun ist es ihm gelungen. Das größte bisher in Österreich realisierte Kunstprojekt im öffentlichen Raum heißt For Forest und ist zwischen dem 9. September und 27. Oktober 2019 im Wörthersee Stadion in Klagenfurt zu sehen. Wir haben mit Klaus Littmann über die Kraft der Zeichnung, den langen Weg des Projekts und dessen Rolle in der momentanen Klimadebatte gesprochen.

Herr Littmann, was hat Sie an der Zeichnung von Max Peintner so fasziniert, dass Sie es in die Realität umsetzen wollten?

Ich habe die Zeichnung Ende der 80er-Jahre in einem Buch in Wien erstmalig gesehen. Die meisten Werke von Max Peintner eint der futuristische und utopische Charakter. Doch diese eine Zeichnung hat mich ganz besonders gefesselt. Mir hat der Titel „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ sehr gefallen. Doch am meisten berührt hat mich, dass bereits jemand im Jahr 1970, als die Debatte um das Waldsterben oder gar den Klimawandel noch in den Kinderschuhen steckte, auf den Gedanken kommt, dass wir die Natur eines Tages nur noch in einem zooähnlichen Rahmen erleben werden.

Seit wann planen Sie nun die Umsetzung dieser Idee?

Im ersten Moment wollte ich die Zeichnung eigentlich nur kaufen. Über einen Bekannten bekam ich die Chance Max Peintner in seinem Atelier zu besuchen, der mir dann eröffnete, dass ich zu spät und das Bild inzwischen Teil einer Sammlung in Amerika sei. Aber es hat mich nicht mehr losgelassen. Konkreter wurde es dann vor sechs Jahren, als ich einen amerikanischen Künstler traf, der vorher eine Ausstellung hier in Klagenfurt hatte und mir davon Bilder zeigte. Darauf sah ich im Hintergrund das Stadion, das architektonisch so sehr zu dem Bild passte, was ich mir immer ausgemalt hatte. Hochmodern, bestehend aus Glas, Stahl und Beton. Der Kontrast zwischen Wald und Architektur könnte nicht besser sein.

Ich realisierte gleich, dass dies das richtige Stadion sein könnte, um das Projekt umzusetzen. Mit der Hilfe eines Vereins, der sich für Kunstprojekte im öffentlichen Raum rund um Klagenfurt einsetzt, habe ich dann begonnen viele Gespräche zu führen und konnte herausfinden, dass das Stadion tatsächlich nicht sehr ausgelastet ist. Eines der entscheidenden Gespräche war mit der damaligen Anwärterin und heutigen Bürgermeisterin Frau Mathiaschitz. So kam das Projekt vor drei Jahren zur Abstimmung in den Senat und alle bis auf eine Partei haben zugestimmt, dass ich das Stadion gebührenfrei für die Realisierung meines Projekts nutzen dürfe.

Klaus Littmann

Stellt den Mischwald in die Stadionmitte: der Schweizer Galerist Klaus Littmann

Und wie fühlt es sich an, dass Ihre Idee nach all den Jahren nun Wirklichkeit wird?

Das ist schon verrückt. Als jetzt die ersten Bäume im Stadion angekommen und gepflanzt wurden, hatte ich meine Emotionen zugegebenermaßen nicht ganz unter Kontrolle. Auf der anderen Seite war es auch beruhigend, denn ich hatte eine Idee, wie das Projekt am Ende aussehen soll, aber zwischen Vorstellung und Realität herrscht bekanntlich nicht immer Einklang. Ich hatte eine unbekannte Komponente und zwar die Proportion der Bäume zur Architektur. Als der erste Baum dann in die Senkrechte gehoben wurde, wusste ich, es wird gut, vielleicht sogar besser als gedacht.

Was sagt Max Peintner selbst dazu?

Wir sind natürlich in Kontakt und er hat mich hier in Klagenfurt schon öfter besucht. Mir ist es wichtig, dass er das Projekt autorisiert, obwohl er mir komplett freie Hand lässt. Ich versuche, seine Ideen und Wünsche natürlich mit einzubeziehen.

In Zeiten von Waldsterben 2.0 und Fridays for Future scheint Ihre Installation genau den heutigen Zeitgeist zu treffen. War das Absicht oder Glück?

Bei vielen Projekten hatte ich eher den Gedanken: Ah, da warst du zu früh oder zu spät dran. Und nun ausgerechnet bei diesem Projekt, das mich seit 30 Jahre beschäftigt, gelingt praktisch die Punktlandung. Das ist fast unheimlich.

Für die Anordnung der verschiedenen Bäume haben Sie den bekannten Gartenarchitekten Enzo Enea gewinnen können. Was muss alles beachtet werden, wenn man Bäume in einem Stadion pflanzt?

Es ist das erste Projekt, das ich mit einer lebenden Materie umsetze. Und da ist es wichtig, jemanden an meiner Seite zu haben, der sich mit dieser Materie bestens auskennt. Während ich noch an Großbaumverpflanzungen dachte, sagte mir Enzo Enea, dass ein Projekt dieser Größenordnung nur mit sogenannten verschulten Bäumen möglich sei. Das sind Bäume, die immer in Ballen gehalten und alle paar Jahre umgepflanzt werden.

Bäume im Stadion von Klagenfurt

Die fertige Installation von Klaus Littmann lässt sich auch spätabends besuchen

Woher stammen diese verschulten Bäume, die nun im Wörthersee Stadion stehen werden?

Der Wunsch von Max Peintner und mir war es, einen Mischwald zu pflanzen, so wie er früher überall zu finden war, aber heutzutage nur noch marginal vorhanden ist, da auch in Österreich inzwischen Monokulturen dominieren. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass die verwendeten Bäume aus Österreich stammen. Das Team von Enzo hat mit Baumschulen in ganz Österreich gesprochen, aber die hatten schlicht keine Bäume in der Größenordnung, wie wir sie benötigen. Wir mussten unsere Suche also auf das europäische Umland ausweiten.

Die Bäume kommen nun aus drei verschiedenen Standorten: Italien, Belgien und Deutschland. Natürlich war es für mich nicht einfach, zu entscheiden, ob das ökologisch vertretbar ist. Ich kann ja nicht auf der einen Seite ein Projekt machen, das auch den Klimawandel thematisiert und auf der anderen so handeln, dass man sich ökologisch nur an den Kopf greifen kann. Ich habe dann ganz genau berechnen lassen: Wie viele Fahrzeuge und wie viele Fahrten wären es gewesen, wenn wir alle Bäume bei den Baumschulen innerhalb Österreichs gefunden hätten. Um dann eine Basis für eine Vergleichsrechnung zu haben für das europäische Modell. Zum Glück fällt die Bilanz positiv für die jetzige Variante aus, da weniger Fahrten insgesamt machen müssen. Eine weitere Bedingung meinerseits war: Es darf keine Leerfahrten geben.

Und was passiert mit dem Wald nach dem Ende des Projekts?

Wir haben ein Grundstück in Klagenfurt gefunden, auf dem wir den gesamten Wald, so wie er im Stadion steht, permanent verpflanzen werden. Dort wird er dann hoffentlich noch ein paar Jahrhunderte CO2 binden.

Was sollte bestenfalls in den Köpfen der Besucher passieren, die Ihr Kunstprojekt besuchen?

Mein Wunsch wäre es, dass die Besucher sich Zeit nehmen und hinterfragen, was genau sie dort sehen, was das für sie bedeutet und welchen Bezug sie selbst zum Wald haben, wie die Gesellschaft und sie persönlich damit umgehen. Bestenfalls bleibt dieses Bild hängen und jeder einzelne reflektiert langfristig seinen Umgang mit der Natur, was er so vielleicht nicht getan hätte.

Ich gebe zu, es ist ein radikales Bild, aber die sind manchmal von Nöten und ich bin davon überzeugt, dass es um die Welt gehen wird

Ihre persönliche Meinung: Wird die Zeichnung von Max Peintner in naher Zukunft Realität?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass es soweit kommt.

Peter Wohlleben
Naturschutz
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