Fleischkonsum Warum eigentlich eine 200-Prozent-Steuer auf Fleisch nötig wäre

Erstaunlich viele Parteien sind sich plötzlich einig: Fleisch muss höher besteuert werden. Das ist ein guter Anfang. Aber am Ende muss der Preis die Wahrheit sagen
Fleischtheke

Meterweise Fleisch: Muskeln und Organe von Tieren werden heute zu Schleuderpreisen verkauft

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Es ist schon erstaunlich, was Fridays for Future bislang erreicht hat. Plötzlich werden Debatten geführt, die jahre- wenn nicht jahrzehntelang nicht geführt wurden oder ein Nischendasein fristeten. Plötzlich sprechen wir auf höchster politischer Ebene über eine Besteuerung von CO2, das Umweltbundesamt regt eine Extra-Steuer auf SUVs an – und jetzt soll auch noch das Steuerprivileg für Fleischprodukte fallen. Das zumindest fordern jetzt nicht nur Experten der Grünen, sondern sogar von CDU und SPD. Es sei nicht mehr zu erklären, warum Fleisch mit sieben Prozent, Hafermilch aber mit den vollen 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt würde, heißt es aus der Grünen-Fraktion.

Wer zahlt die Folgekosten?

„Endlich“, seufzen Tier- und Umweltschutzverbände auf. Darunter auch der Deutsche Tierschutzbund, der mit seiner Forderung nach einer höheren Besteuerung den Ball nun wieder ins Rollen gebracht hat. Mit dem eingesammelten Geld sollen nach dem Willen der Tierschützer nicht etwa Schlaglöcher oder marode Brücken geflickt werden. Es muss stattdessen direkt dazu dienen, die Haltungsbedingungen in den Ställen zu verbessern.

All das ist richtig. Und überfällig. Es gibt nämlich kein Grundrecht auf billiges Fleisch. Und seit Jahren ist bekannt, dass der Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten (Butter und fettreicher Käse zum Beispiel haben ebenfalls eine verheerende CO2-Bilanz) im Vergleich zu pflanzlicher Ernährung besonders klimaschädlich ist. Ebenfalls seit Jahren ist bekannt, dass die industrielle Tierproduktion auch unser Grundwasser mit Nitrat belastet. Solche "externen" Kosten werden einfach auf alle umgelegt. Im Fall der Erderwärmung also nicht nur auf die Menschheit, sondern auf die ganze Biosphäre.

Es ist also an der Zeit, nach der Steuerdebatte nun auch eine Debatte über den wahren Preis von Produkten in Gang zu bringen.

Fleisch müsste dreimal so teuer sein

Den haben Forscher der Universität Augsburg mal für Fleisch errechnet. Demnach müssten Fleischprodukte aus konventioneller Erzeugung mindestens dreimal so viel Kosten wie heute. Erst dann, so die Wissenschaftler, wären im Preis die Schäden enthalten, die ihre Herstellung verursacht. Die tatsächlichen Kosten der tierischen Produktion dürften allerdings noch weit höher liegen. Denn die Datenlage zu den Folgen von Antibiotikaresistenzen oder dem Einsatz von Pestiziden ist so schlecht, dass die Forscher diese Kostenblöcke komplett ausklammern mussten. Von einer „Marktverzerrung durch die Preisdifferenz, die zwischen den aktuellen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten liegt“, spricht der Autor der Studie.

Versteht sich von selbst, dass das Leid der Tiere auf den Spaltenböden, auf dem Transport und in der CO2-Gondel in überhaupt keiner Rechnung auftaucht.

Im Licht solcher Überlegungen erscheint die Debatte über einen normalen Mehrwertsteuersatz für Fleisch ein bisschen wie die Forderung nach billigen Bahntickets: Klingt gut und tut niemandem weh.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen
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