Flugverkehr Massentrend CO2-Kompensation? So ernüchternd sind die Zahlen wirklich

Der deutsche Markführer atmosfair meldet eine Steigerung des Spendenaufkommens um 40 Prozent. Ist das der Durchbruch bei der freiwilligen Kompensation von Flug-Emissionen? Ein Kommentar
Landendes Flugzeug über Rapsfeld

Immer mehr Flugreisende kompensieren ihren Flug. Viele sind es trotzdem nicht

Hitzesommer 2018, Fridays for Future: Zwischenzeitlich eingeschlafen, erlebt die Klimadebatte gerade eine wundersame Renaissance. Allerdings nicht mit der Folge, dass die Deutschen weniger fliegen. Sie fliegen mehr – und mehrheitlich wohl ohne die schwedische Flugscham. Aber sie tun es offenbar zunehmend mit schlechtem Gewissen.

Darauf lassen zumindest aktuelle Zahlen von atmosfair schließen. Die Organisation, in Deutschland Marktführer, sammelt Spenden, um damit Klimaschutzprojekte in ärmeren Ländern zu unterstützen. Bei einer Flugbuchung errechnet eine Software aus den Flugkilometern die persönlichen CO2-Emissionen und bietet im Buchungsprozess eine entsprechende freiwillige Kompensation an. Es ist aber auch möglich, Auto-, Bus- oder Bahnfahrten auszugleichen – oder einfach zu spenden.

Rund 9,5 Millionen Euro hat atmosfair im Jahr 2018 eingesammelt – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent. Und der Trend könne sich sogar noch fortsetzen. Das klingt nicht schlecht. Haben die Deutschen verstanden?

Nicht einmal ein Prozent der Emissionen kompensiert

Etwas nüchterner sehen die absoluten Zahlen aus: Im vergangenen Jahr hat atmosfair rund 460.000 Flüge kompensiert. Das ist weniger als ein Prozent aller Flüge ab Deutschland. Die Organisation geht davon aus, dass die Zahl der kompensierten Flüge sogar dann unter der Ein-Prozent-Marke bleibt, wenn man alle konkurrierenden Anbieter hinzurechnet.

Noch schütterer sehen die Zahlen aus der Vogelperspektive der Airlines aus. Die Lufthansa etwa kooperiert bei der freiwilligen Kompensation mit MyClimate. Die schweizerische Organisation sammelte im Jahr 2017 Ausgleichszahlungen für knapp 16.900 Tonnen CO2 ein. Das waren bei etwas mehr als 30 Millionen Flügen der Airline im selben Jahr nur magere 0,06 Prozent der Gesamtemissionen. Kaum besser dürften andere Airlines dastehen.

Eine Steigerungsrate von 40 Prozent bei atmosfair, dem deutschen Markführer für Kompensationszahlungen, relativiert sich da schnell. Und eine Umkehr des Trends zu immer mehr Flugverkehr ist auch nicht zu erkennen.

Es hilft nichts: Preise müssen die Wahrheit sagen. Das Fliegen muss so teuer werden, dass die Klimaschäden in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zum Preis des Flugtickets stehen. 9,99 Euro für Stuttgart-Nizza – das ist ein Witz auf Kosten des Weltklimas. Das völlig unzeitgemäße Steuerprivileg für Kerosin muss weg und eine CO2-Steuer her.

Und warum sollte es eigentlich nicht möglich sein, zusätzlich eine obligatorische CO2-Kompensation einzuführen? Ein paar Euro extra pro Urlaubsflug sollten selbst bei knapper Urlaubskasse drin sein. Mit einer solchen Abgabe wäre gewährleistet, dass die Fliegerei Geld für lokale, geprüfte Klimaschutzprojekte abwirft. Und das im ganz großen Stil.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen