Kolumne "Alles im grünen Bereich" Warum wir eine giftfreie Landwirtschaft brauchen

In der EU werden drei besonders bienenschädliche Neonicotinoide voraussichtlich verboten. Das ist gut so, kann aber nur ein erster Schritt sein. Was wir wirklich brauchen, ist eine Agrarwende, meint GEO.de-Redakteur Peter Carstens
Peter Carstens

In seiner Kolumne "Alles im grünen Bereich" schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

In diesem Artikel
Schäden und Risiken: trägt die Allgemeinheit
Der Plan B hat seine Praxistauglichkeit schon bewiesen
Wie viel gesunde Natur wollen wir in Zukunft?

Es ist still geworden auf unseren Äckern. Der „stumme Frühling“, vor dem die amerikanische Biologin und Umweltaktivistin Rachel Carson schon 1962 gewarnt hatte: Er ist da. Sicher, hier und da singen noch Vögel, schwirren noch Bienen um blühende Weiden am Feldrand. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Artenschwund auf den Feldern verheerend ist.

Als hätte es keine warnenden Stimmen und Alarmsignale gegeben, mussten erst Hobby-Insektenforscher aus Krefeld nachweisen, dass die Katastrophe nicht naht. Sondern schon eingetreten ist: Mehr als 75 Prozent der Insekten sind in Deutschland in den vergangenen 27 Jahren verschwunden. Und mit ihnen auch andere Tiere und Pflanzen, die auf sie als Nahrung angewiesen sind. Feldvögel etwa, wie Kiebitz und Lerche. Ganze Landschaften sind entvölkert.

Verantwortlich für den dramatischen Artenschwund sind - unter anderem – Gifte aus der Landwirtschaft. Auch die drei Neonicotinoide, denen nun ein Verbot im EU-Freiland blüht.

Doch die Begründung für die plötzliche Besorgnis – weil sie bienenschädlich sind – verengt den Blick auf das eigentliche, viel umfassendere Problem. Denn ähnlich wie das viel diskutierte Glyphosat, schaden Neonicotinoide nicht nur Bienen. Sondern auch anderen Insekten und der Bodenfauna. Und schwächen damit unsere Lebensgrundlagen.

Schäden und Risiken: trägt die Allgemeinheit

Während uns Agrarriesen wie Monsanto und Bayer glauben machen wollen, nur mit Pestiziden und Gentechnik sei der Welthunger zu besiegen, sehen wir zu, wie die gigantischen Folgekosten des Chemieeinsatzes auf unseren Äckern ganz selbstverständlich der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Also das Insekten- und Vogelsterben, eine verringerte Bestäubungsleistung, Kosten für Trinkwasserreinigung und Rückstandskontrollen, Schäden durch Pestizidabdrift, Gesundheitskosten und anderes mehr.

All diese Kosten verschweigen die Supermarkt-Schleuderpreise für Lebensmittel.

Aber es geht nicht nur um Kosten – sondern um langfristige Schäden. Die schon eingetretenen und sich abzeichnenden Folgeschäden der giftgestützten Landwirtschaft erinnern an eine riskante Form der Energiegewinnung: die Atomkraft. Was einstmals als Lösung sämtlicher Energieprobleme der Menschheit gepriesen wurde, hat sich heute in ein milliardenschweres, generationenübergreifendes Altlasten-Debakel verwandelt.

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Feld, Pestizide

Rund 200.000 Tonnen Pestizide werden jedes Jahr in der EU verbraucht. 40.000 davon in Deutschland

Der Plan B hat seine Praxistauglichkeit schon bewiesen

Die gute Nachricht ist: Den Ausweg aus diesem kurzschlüssigen Wirtschaften gegen die Natur gibt es bereits. Die ökologische Landwirtschaft hat längst bewiesen, dass sie nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll und möglich ist.

Was wir jetzt brauchen, sind ehrliche Bilanzen: Was kostet uns der massive Gifteinsatz auf dem Acker? Welche Folgen hat die konventionelle Landwirtschaft für Boden, Wasser und Klima? Wer trägt die Kosten? Und ist das gerecht?

Wie viel gesunde Natur wollen wir in Zukunft?

Wir sollten uns darüber unterhalten, welche Landschaften und wie viel gesunde Natur wir wollen, zum Beispiel bis zum Jahr 2050. Und wie wir dahin kommen. Sehr wahrscheinlich wird das Ergebnis der Diskussion sein: Wir brauchen nach der Energie- nun auch eine Agrarwende. Nicht nur Verbote für einzelne, besonders schädliche Pestizide. Sondern einen Ausstiegsplan aus dem massiven Gifteinsatz auf den Äckern. Und eine entschlossene Förderung des ökologischen Landbaus mit konkreten Ausbauzielen.

Wie lang und beschwerlich der Weg dahin ist, zeigt ein Blick auf die Arbeit der Umwelt-Lobby.

Die Gifte, denen jetzt ein Anwendungsverbot im Freiland droht, werden in Gewächshäusern erlaubt bleiben. Und gleichzeitig stehen neue Neonicotinoide vor der Zulassung. Namhafte Forscher sprechen sogar von einem „Pestizid-Karussel“: Immer neue Produkte kämen auf den Markt, nur um ein oder zwei Jahrzehnte später verboten zu werden. Weil die Schäden bekannt werden, die sie anrichten.

Umweltverbände, die sich einmal genauer ansehen wollen, was da eigentlich zugelassen werden soll, standen bislang allerdings vor verschlossenen Türen. Etwa beim federführenden Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Denn nach Auffassung des BVL handelt es sich schon bei der Information, ob überhaupt ein Antrag gestellt wurde, um ein Geschäftsgeheimnis.

Für unser aller gutes Recht auf Transparenz musste das Münchener Umweltinstitut die Zulassungsbehörde bis vor das niedersächsische Verwaltungsgericht zerren.

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