Unsinniges Touristenritual Steinmännchen werden zur Plage

Für die einen ist es Kunst, für die anderen Meditation: Immer mehr Menschen stapeln Steine in der Natur. Einheimische und Umweltschützer teilen die Begeisterung nicht
Steinmännchen in Cairns, Australien

Keine unberührte Natur: Steinmännchenparade an der Nordostküste Australiens

Steinestapeln liegt im Trend: Kaum ein touristisch erschlossener Wanderweg, der nicht mehr von aufeinandergeschichteten Steinen gesäumt wird. Kein Steinstrand, aus dem nicht hier und da die Werke moderner Turmbauer hervorragen.

An einem der größten spiri­tuellen Tagungszentren der USA kann man Kurse buchen, in Texas Weltmeister darin werden. Am populärsten allerdings ist das Stapeln in der Natur, vor allem seit das Smartphone das Tausendfache Sich-beim-Stapeln-Fotografieren möglich machte.

Wozu die Stein-Arbeit eigentlich gut ist, fragen sich wohl die wenigsten. Für viele ist es einfach schöner Zeitvertreib. Und man kann auf vermeintlich umweltschonende Weise dokumentieren: Ich war hier!

Dass das Steinestapeln ursprünglich einen lebenswichtigen Sinn hatte, wissen wohl die wenigsten: Gerade in unzugänglichen Bergregionen dienten einfache Steinhaufen jahrhundertelang als Orientierungspunkte und Wegmarkierungen. Besonders an Bergpässen, die oft die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellten.

Die Funktionsweise ist denkbar einfach: Drei oder mehr Steine, die geschichtet aufeinander liegen, kommen in der Natur kaum vor – sind also sicher als absichtliche Wegmarkierung erkennbar. Der Vorteil für die Markierer: Sie brauchen für eine sichere Wegweisung weder Schilder noch Farbe und Pinsel.

Steinmännchen führen in die Irre – und schädigen Ökosysteme

Doch in der trivialisierten, touristischen Variante nützt die Bautätigkeit niemandem mehr – im Gegenteil. Werden sie von Wanderern aufgehäuft, die sich selber nicht ganz sicher sind, auf dem richtigen Weg zu sein, führen sie nachfolgende Bergfreunde in die Irre.

Doch auch Biologen mahnen zur Zurückhaltung. Denn nicht nur in den Bergen, auch am Strand können größere Steinbewegungen empfindliche Ökosysteme schädigen. Denn Steine befestigen nicht nur den Strandsand – sie schützen auch Pflanzen und ihre Wurzeln vor Sonneneinstrahlung. Die Vegetation wiederum gibt Insekten und Spinnen Schutz und Nahrung. Fehlen sie, verlieren auch größere Tiere wie Geckos, Eidechsen und Vögel ihre Lebensgrundlage. Auf diesen Zusammenhang wiesen jüngst Forscher der Universität von La Laguna auf Teneriffa hin.

Auf den britischen Bermudainseln dagegen sehen Naturschützer die Habitate einer Eidechsenart bedroht: Die Tiere leben unter größeren Steinen. Auch Mitarbeiter des Zion-Nationalparks in den USA sprechen von „Stein-Graffiti“, die der Umwelt schaden.

Neben Ökosystemen werden immer öfter auch archäologische Denkmäler beschädigt. So berichtete der norwegische Sender NRK, dass Touristen jahrhundertealte Mauern von Rentierzüchtern beschädigen – oder historische Steingräber.

Von der Wildnis zur Kunst-Landschaft

Hinzu kommt der ästhetische Aspekt: Statt „unberührter“ Natur finden Ursprünglichkeit Suchende immer öfter Zeichen von Menschenhand in der Landschaft. Steinhaufen signalisieren: „Wir alle waren schon vor dir hier!“. Eine "Banalisierung der Landschaft" beklagt der Umweltschützer Jaume Adrover von der mallorquinischen Umweltbewegung Terraferida.

Immer öfter sieht man mittlerweile an den Stränden der Balearen Hinweisschilder mit einer alten Outdoor-Weisheit: Der beste Naturbesuch sei der, der keine Spuren hinterlässt. Auch die amerikanische Wandergesellschaft forderte von ihren Mitgliedern unlängst ein Bekenntnis zur „Lass nichts zurück“-Philosophie.