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Besser leben Warum Manipulation viel besser ist als ihr Ruf

Wir wollen frei entscheiden, geleitet von Vernunft und klarem Geist. Manipulation hat daher einen schlechten Ruf: Sie appelliert an Gefühle und vernebelt die Sinne. Doch manchmal, sagt Alexander Fischer, verführt sie uns zu einem besseren Leben
Manipulation

Manipulation ist nicht immer schlecht, findet Autor Alexander Fischer

Beim Stöbern im Nachlass meines Großvaters kam mir ein Werbeheft von 1960 unter die Augen. Darin heißt es: „Zucker zaubert“. Er mache „kräf­tig, aktiv, vertreibt die Mattigkeit und stärkt die Nerven“. Zucker erhöhe „die Lebensfreude“, sei „erfrischend, nicht füllend“, kurz: Zucker sei ein „reinster Kraftspender der Natur“.

Die Vehemenz, mit der Zucker hier als energietreibendes Wohlfühlmittel angepriesen wird, amüsierte mich.

Wir wissen, wie Werbung wirkt: Sie erwischt uns jenseits rationalen Nach­denkens; sie ist dann gelungen, wenn wir im Laden stehen und nur noch ein Gefühl zum Kauf verleitet – ohne dass wir so genau wüssten, woher und weshalb. Manipulativ wurde ein Ziel in un­ser Handeln eingeschleust, das wir vorher vielleicht gar nicht hatten. Und so richtig bemerkt haben wir diese Mani­pulation auch nicht.

Wie funktioniert das? Sicher nicht so wie die Zuckerwerbung – zu gewollt, zu offensichtlich wird hier versucht, uns dazu zu bringen, mehr auf Zucker zu setzen. Das wirkt wie eine Karikatur und bietet damit die Möglichkeit, den Mechanismus der Manipulation gleich­sam durch ein Brennglas zu sehen: Hier wird in Verbindung mit Begriffen wie Lebensfreude, Leichtigkeit und Natur­nähe versucht, etwas als ein Wohlfühl­produkt darzustellen. Die Kaufentschei­dung als Handlungsoption wird gezielt mit angenehmen Empfindungen ver­bunden und erscheint dadurch attrak­tiver, wodurch sie wiederum mit einer höheren Wahrscheinlichkeit erfolgt – wir werden manipuliert.

Denken wir über Manipulation nach, ist also die Gefühlsebene interessant: Wir werden suggestiv erinnert, wie matt wir oft sind, während wir arbeiten, wie schmackhaft Zucker auf der Zunge zergeht und dass wir es mit einem unent­behrlichen Bioprodukt zu tun haben.

Wir können diese Qualitäten regel­recht spüren. So wird unser Denken ins Fühlen hinübergestupst, und es herrscht nicht mehr die kühl berechnende, kon­trollierende Rationalität.

Wenn wir so genauer beschreiben, wie wir manipulativ beeinflusst werden, stellen sich vielen die Nackenhaare auf.

Manipulation konfrontiert uns mit einer Art Kontrollverlust, indem sie abseits des Radars der Rationalität ihre Wir­kung entfaltet.

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Schere, Stein, Papier?
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Wer "Schnick, Schnack, Schnuck" oder "Schere, Stein, Papier", wie die Entscheidungshilfe auch genannt wird, spielt, geht vermutlich davon aus, dass nur Glück zum Sieg verhilft. Computerwissenschaftler der chinesischen Zhejiang-Universität haben herausgefunden, mit welchen Kniffen man sich einen statistisch signifikanten Vorteil verschaffen – also meist gewinnen – kann. Und so lauten die Siegerregeln

Aber muss sie deswegen gleich un­moralisch sein? Nicht unbedingt.

Über Jahrtausende schien das Licht der Ratio als Sonne, die uns den Weg in Richtung Freiheit und Würde leuchtet. Große Teile der Gesellschaft und unser individuelles Leben wurden durch rationalisiert. Unsere Emotionen hingegen wurden in den Schatten gedrückt, als ob sie uns unfrei machten, quasi tierisch.

Gezielt mit der Empfindungsebene des anderen zu operieren wurde zu et­was Schlechtem – da sind sich nicht nur die meisten Moralphilosophen sicher, auch in unserem alltäglichen Denken hallt dies wider.

Und doch werden gerade jene Saiten in uns vielfältig und planvoll angeschla­gen. Beständig empfinden wir etwas: Wir reagieren emotional auf Klänge, verspüren ein Wohlgefühl bei Berührun­gen und Gerüchen, genießen schöne Anblicke und mögen es, wenn man es uns leicht macht.

Manipulation ist folglich nicht nur eine Form der Beeinflussung, der sich Wirtschaft oder Politik bedienen. Sie spielt sich auch im Zwischenmenschli­chen ab, wo sich individuelle Stärken und Schwächen, Neigungen und Erfah­rungen für sie nutzen lassen. Ob Mani­pulation dann illegitim oder legitim ist, lässt sich, gerade weil wir begrenzt ra­tionale Wesen sind, nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Die ethische Diagnose lautet vielmehr: Es kommt darauf an.

Natürlich ist die Manipulation, mit der Jago Öl in das Feuer von Othellos Eifersucht gießt, bis dieser zum Mord an seiner Gattin Desdemona schreitet, verwerflich. Warum ist das so klar? Weil William Shakespeare die Titelfigur sei­nes „Othello“ als machtlos, unfrei und selbstverloren im dichten Nebel agie­rend zeichnet, als bloßen Spielball Ja­gos, dessen Zwecke zumal egoistisch sind und grausige Folgen haben.

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Wenn wir jedoch allzu schüchterne Verliebte im helfenden Ansinnen aufein­anderstupsen, wenn wir um eine gelieb­te Person werben, nicht so, dass wir sie oder ihn rational argumentierend von unserer Liebenswürdigkeit überzeugen wollen, sondern indem wir abseits des rationalen Radars mit Engelszungen singen – ist das dann dasselbe? Sind wir hier machtlos, unfrei, selbstverloren?

Wenn uns also dem Gefühl nach et­was „nahegelegt“ wird, wenn wir dabei frei in der Wahl bleiben, die Zwecke der Manipulation nicht schädliche, sondern gar positive sind und unsere psychische Ökologie dabei im Gleichgewicht bleibt: ist dann die rationale Kontrolle immer vorzuziehen?

Nicht zwingend: Manipulation trägt, wenn sie innerhalb der Grenzen dieser Maßstäbe bleibt, sogar zu einem guten Leben bei. Sie macht uns vieles leichter, indem sie unbewusste Wege aufzeigt, die Entscheidungsfindung vereinfacht (denken Sie nur an Ihr Bauchgefühl!) und den stressigen Alltagstimmungs­ bezogen moduliert, etwa wenn beruhi­gende Musik um uns herumdudelt.

Gewiss – unsere begrenzte Rationalität macht uns verwundbar. Man kann Manipulation in verwerflicher Manier nutzen, ganz so wie Jago oder jene, die uns verführen, etwas zu kaufen, was wir nicht brauchen.

Aber dies ist keine Notwendigkeit und ein – vernünftig besehen – schlech­ter, vielleicht selbst hochemotionaler Grund, die Manipulation von vornher­ein zu disqualifizieren. Denn es ist zu bezweifeln, dass eine total durchratio­nalisierte Welt, wie sie die Vulkanier in „Star Trek“ aus Sorge vor unzivilisierten Gefühlen zu begründen versuchen, denn wirklich eine bessere wäre. 

Alexander Fischer arbeitet als Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Praktische Philosophie der Universität Basel. Sein Buch „Manipulation. Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung“ ist 2017 bei Suhrkamp erschienen.

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