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Meinung "Unsere Moral-Elite grenzt viele aus"

Warum blicken so viele mit Hochmut auf jene herab, die einfach nur rechtschaffen leben wollen? Zeit, sich wieder auf wahre Tugenden zu besinnen, fordert der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich
Go green

Go green! "Einer Moral-Aristokratie, die aufmerksamkeitsstark ihre Werte in Szene setzt, stehen Menschen gegenüber, denen es kaum gelingt, sich und ihre Werte sichtbar zu machen", schreibt Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich

In diesem Artikel
Nachhaltig muss man sich leisten können
Die Moral-Elite befeuert Populismus

Vor einem halben Jahrhundert prägte Joseph Beuys die berühmte Formel „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Er rief diese Worte den vielen zu, die sich eingeengt und entfremdet fühlten, um ihnen zu vergegenwärtigen, dass sie große kreative Poten­ziale in sich haben, die es ihnen erlauben, selbst­ bestimmt und frei zu leben. Seine Formel sollte ermutigen und den Menschen zu mehr Selbst­bewusstsein verhelfen. Sie sollte ihnen gar das Gefühl vermitteln, dank ihrer Kreativität seien sie gottähnliche Wesen und könnten die Welt, die Gesellschaft und sich selbst jederzeit verändern. Das passte zum Geist von 1968. Und es passte vor allem in eine Zeit, in der Individualismus für viele zum Ziel wurde.

Doch was als Aufruf zur Emanzipation gedacht war, verkehrte sich in einen Imperativ. Nun war es plötzlich wichtig, möglichst überall individuell und kreativ zu sein, sich zu unterscheiden. Es galt, an­ders als die anderen die Freizeit zu verbringen, an­dere Hobbys und andere Urlaubsziele zu haben. Sich anders zu ernähren, die Kinder anders zu erziehen und sich schließlich auch noch im Beruf selbst zu verwirklichen.

Das sorgt für Stress und Frust. Kulturpessi­mistische Soziologen wie Alain Ehrenberg ge­langen gar zu der Diagnose, zahlreiche Depres­sionen und Burnouts seien Folge davon, dass viele Menschen „erschöpft von der Anstrengung sind, sie selbst werden zu müssen“. Aber die Angst, nicht genügend originell und daher minderwertig zu sein, ist nicht die einzige problematische Folge des Kults um das kreative Individuum. Zu wenig beachtet ist bis­her, was es bedeutet, dass sich dieser Kreativitätsanspruch auch auf den Menschen als mora­lische Person ausgedehnt hat.

Nachhaltig muss man sich leisten können

Das jedoch zeigt sich insbesondere daran, dass und wie allenthalben von Werten die Rede ist. Denn solange über Fragen der Moral in Begriffen von Pflicht, Tugend oder Ideal diskutiert wurde, war klar, dass man etwas Vorgegebenem zu folgen hat. Damit blieb kaum Gestaltungsraum für den Einzelnen. Spricht man jedoch, wie in den letzten Jahrzehn­ten, viel lieber von Werten, dann steht im Gegenteil die Vorstellung im Raum, jeder könne unter diesen nicht nur auswählen, sondern sie auch individuell zur Geltung bringen. Eine Wertethik passt also besser als andere Ethiken in eine Gesellschaft, in der es um Selbstverwirklichung und Kreativität geht.

Das heißt aber auch, dass nicht mehr unbedingt ein moralisches Vorbild ist, wer sich einfach nur maßvoll, ausgleichend, besonnen verhält und einem klassischen Tugendkanon entspricht. Es bedeutet, dass es mehr zählt, sich originell und aufwendig zu einzelnen Werten zu bekennen. Abgesehen davon, dass damit noch nichts darübergesagt ist, welche Werte für das soziale Leben förderlich sind, bringen jedoch nicht alle Menschen dieselben Voraussetzungen mit, um nach Werten zu leben. Vielmehr braucht es tatsächlich kreative Begabung, aber genauso Bildung, freie Zeit und nicht selten materielle Ressourcen, um sich glaubwürdig und stark für einen Wert einzusetzen.

Wer den Wert „Nachhaltigkeit“ konsequent leben will, muss es sich leisten können, das eigene Haus mit zusätzlicher Technik – von Wärmedämmung bis Solarzellen – auszustatten. Außerdem gilt, was auch immer man tut, heutzutage erst dann richtig, wenn es über die sozialen Medien üppig kommuniziert wird. Im Unterschied zu einer Tugend- oder einer Pflichtenethik fällt es bei einer Wertethik also manchen Menschen leichter als anderen, sich als moralisch einwandfrei zu qualifizieren.

Somit aber führt eine Wertethik zu einer neuen Form von Klassengesellschaft: Einer Moral-Aristokratie, die aufmerksamkeitsstark ihre Werte in Szene setzt, stehen Menschen gegenüber, denen es kaum gelingt, sich und ihre Werte sichtbar zu machen. Mögen sie noch so rechtschaffen leben, drohen sie dennoch zu einem Moral-Proletariat zu werden. Als solches aber entwickeln sie früher oder später Ressentiments gegen die Eliten einer wertefreudigen Bekenntniskultur.

Diese Eliten trifft man in Biosupermärkten genauso wie bei Projekten des politischen Kunstaktivismus. Moralaristokraten gibt es nicht nur in linken Milieus, sie finden sich ebenso bei Rechten. Dort wird dann allerdings eher über einen Werteverlust geklagt: Man erklärt sich zu Repräsentanten einer Zeit, in der noch an Werte wie Heimat, Familie oder Nation geglaubt wurde.

Jenen hingegen, die an der Bekenntniskultur nicht teilnehmen und die sich nicht engagieren, wird suggeriert, sie würden falsch oder mangelhaft leben. Umgekehrt erfahren die Moraleliten ihr Tun als sinnerfüllt und gerechtfertigt. Sie können ihr gutes Gewissen genießen und mit wachsendem Hochmut auf die anderen herabblicken.

Die Moral-Elite befeuert Populismus

Diese Zustände erinnern an die Reformationszeit vor 500 Jahren. Damals konnten Reiche viel eher als Arme Ablassbriefe kaufen, Heilsprivilegien erlangen und ihr Selbstwertgefühl steigern. Darin sahen die Protestanten den sozialen Frieden gefährdet. Heute stehen in einer wertethisch orientierten Gesellschaft Menschen, die ihre Werte realisieren, viel besser und strahlender da als Menschen, die das nicht können. Und nun sind die populistischen Strömungen der Gegenwart erste Anzeichen eines Protests derer, die sich von einer selbstgerechten Moralaristokratie schlecht behandelt oder gar unterdrückt fühlen.

Solche Proteste liegen umso näher, als ein Handeln, das Kreativitätsansprüchen unterliegt, auf Dauer noch eine weitere Folge hat. Es passiert dann Ähnliches wie in der Kunst. Als diese in der Moderne vor allem originell sein sollte, führte das nicht nur zu Regelbrüchen, sondern auch zu unverständlichen Extremen. Dagegen wurden traditionelle Eigenschaften von Kunstwerken, etwa die Schönheit, ausdrücklich abgelehnt.

"Unsere Moral-Elite grenzt viele aus"

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Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen GEO

Wenn nun Handlungen heutzutage schon als gut gelten, nur weil ihnen ein innovativer Wert oder eine unkonventionelle Form von Wertbekenntnis zugrunde liegt – dann wird damit vielleicht ebenfalls gerade das herabgewürdigt, was weniger kreative und individualistische Menschen als moralisch richtig empfinden.

Die Moralvorstellungen der wertaristokratischen und der anderen Milieus entfernen sich also immer weiter voneinander. Letzteren bleibt höchstens das Image des Biederen – wie Künstlern, die nur, egal wie gekonnt, Traditionen fortsetzen und sich wenig um einen eigenen Stil scheren. Ist es also nicht höchste Zeit, die Kreativitätsansprüche zu senken und das Handeln verstärkt nach anderen Kriterien zu beurteilen? Der gesellschaftliche Frieden ist andernfalls wirklich in akuter Gefahr!

Wolfgang Ullrich, Jahrgang 1967, ist Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler. Sein Buch „Wahre Meisterwerte – Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ ist bei Wagenbach erschienen.

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