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333 v. Chr.: Schlacht bei Issos Leseprobe: Angriff auf das Perserreich

Etwa 18 Monate nach seiner Machtübernahme greift Alexander eines der größten Imperien aller Zeiten an: Persien. Bei dem Ort Issos trifft sein Heer auf eine erdrückende Übermacht des Gegners.

Im Herbst des Jahres 333 v. Chr. wird an einer entlegenen Küste des Mittelmeers eine Schlacht geschlagen, die den Lauf der Geschichte ändert. An einem unbedeutenden Fluss nahe einer unbedeutenden Stadt treffen ein makedonisches und ein persisches Heer aufeinander. Nach wenigen grauenhaften Stunden ist das Duell von Issos entschieden.

Ein König – Alexander, der Makedone – erringt den Ruhm eines Halbgottes, der aus dem Olymp in die Menschenwelt hinabgestiegen ist.

Der andere – Dareios, der Perser – wird als Dummkopf und Feigling in die Annalen eingehen, den zu Recht das Verderben ereilt; zudem beginnt ihm an jenem Tag eines der größten Weltreiche aller Zeiten zu entgleiten.

Die Geschichtsschreibung ist nie gerecht, doch selten ist sie so ungerecht wie bei dieser Schlacht. Denn den Unterschied zwischen Halbgott und Feigling macht an jenem Novembertag vor mehr als 2300 Jahren nur wenig aus: ein allzu geschickter Schachzug, unwahrscheinliches Glück im Kampfgetümmel, ein Quantum mehr an Todesverachtung.

Dieser Kampf zeigt, was Alexander zu einem einzigartigen Eroberer machen wird: die für ihn typische Kombination aus listenreicher Planung und tolldreistem Genie, seine Kampfessucht und sein unerschütterlicher Glaube daran, dass unter allen Menschen die Götter gerade ihn zu Großem im Krieg erwählt haben.

Der Krieg gehört so zur klassischen griechischen Kultur wie die Kunst, die Philosophie. Hellas ist traditionell in Hunderte Stadtstaaten zersplittert, die nichtgriechische "Barbaren" ebenso befehden wie ihre griechischen Nachbarn. Makedonien, kulturell und politisch ein Spätankömmling auf dieser Bühne, eint zwar unter der Herrschaft Philipps II. und Alexanders das Universum dieser streitbaren Stadtstaaten mit Gewalt, doch erbt es dessen auswärtige Kriege.

Persien ist der archetypische Feind Griechenlands. Ab 559 v. Chr. zwingt König Kyros II. vom heutigen Iran aus mit Feldzügen viele Völker in sein Reich, das in nur wenigen Dekaden anschwillt: ein Gigant, der uralte Hochkulturen wie die Ägyptens und Mesopotamiens in sich aufsaugt, in dem Städte wie Babylon, Memphis oder Tyros blühen – und auch die stolzen griechischen Stadtstaaten Kleinasiens wie Milet und Ephesos.

Über sie herrscht der Großkönig von den persischen Residenzstädten aus. Mehr als 2500 Kilometer trennen ihn von der kleinasiatischen Mittelmeerküste. Statthalter verwalten deshalb die mehrere Dutzend Provinzen.

Fast so alt wie das persische Großreich ist der griechische Kampf dagegen: 499 v. Chr. erheben sich die unterworfenen hellenischen Städte Kleinasiens erstmals gegen die neuen Herren – vergebens. 490 v. Chr. marschiert ein persisches Heer ins Mutterland selbst, wird aber bei Marathon von den Griechen geschlagen.

Zehn Jahre später siegen die Griechen erneut, wenn auch mit knapper Not: Athen wird vom Großkönig geplündert, viele Heiligtümer der Halbinsel gehen in Flammen auf. Ein Trauma, das über Generationen fortwirkt.

Und selbst danach mischen sich die persischen Könige und Statthalter mit Bestechungsgeldern und Versprechen auf Waffenhilfe beständig in die innergriechischen Fehden ein. (Makedonien steht in diesen Intrigen übrigens oft genug auf persischer Seite.)

Spätestens seit 400 v. Chr. sprechen sich griechische Politiker daher immer wieder für einen Rachekrieg gegen die Perser aus – eine Forderung, die Philipp II. von Makedonien aufnimmt, nachdem er um 340 v. Chr. die meisten griechischen Stadtstaaten unter seine Herrschaft gezwungen hat. Zum einem geht es ihm wohl darum, die griechischen Teile Kleinasiens nach und nach aus dem Perserreich herauszureißen, zum anderen will er vermutlich die kriegerische Energie der soeben unterworfenen Hellenen nach außen lenken.

Schon 336 v. Chr. schickt er 10.000 Soldaten über den Hellespont, die Meerenge zwischen Europa und Asien. Sie erobern mehrere Städte, werden dann von der Armee der dortigen Statthalter zurückgedrängt, können aber einige Stellungen halten.

Doch noch im selben Jahr wird Philipp II. ermordet. Sein Sohn Alexander ist nun König Makedoniens und Anführer der Griechen und erbt den Krieg gegen Persien, den sein Vater begonnen hat.

Leseprobe: Angriff auf das Perserreich

Mit der Lanze in der Hand attackiert Alexander (links) in der Schlacht von Issos den persischen König Dareios III. (im Streitwagen). Der Feldzug wird in der antiken Welt so berühmt, dass Künstler rund 200 Jahre später in Pompeji ein Mosaik mit Schlachtszenen fertigen

Alexander ist da gerade 20 Jahre alt, doch selten ist ein Prinz so gut auf den Thron vorbereitet worden. Er ist ein Jäger, Kämpfer, Reiter, der schon als Jüngling in einer schweren Schlacht die Reiterei angeführt hat. Ein Mann, der sich von den Göttern erwählt wähnt und den Heroen Homers nacheifern will. Ein Herrscher, verzehrt von seiner "Leidenschaft nach Ruhm", wie es der antike Historiker Arrian überliefert. Ein König, dessen Charisma erfahrene Heerführer seiner Armee ebenso verzaubert wie Fußsoldaten aus den rauen Bergen Makedoniens.

Kurzum: ein fürchterlicher Feind. Anfang 334 v. Chr. marschiert er mit seinem Heer zum Hellespont, wo ihn nur noch 1600 Meter Wasser vom persischen Herrschaftsgebiet trennen. Er greift das Weltreich mit nicht einmal 50.000 Bewaffneten an.

Wohl 12.000 makedonische Fußsoldaten folgen ihm sowie 7000 Männer der mit ihm verbündeten Griechenstädte, dazu 7000 Kämpfer aus den Balkanregionen, 5000 in Hellas angeworbene Söldner, zudem leicht bewaffnete Speerwerfer und Bogenschützen – alles zusammen vielleicht 35.000 Infanteristen. Dazu mehr als 7000 Reiter, die adelige Elite der Armee, doch ähnlich bunt zusammengewürfelt wie der Rest.

Diese Armee allerdings ist in den langen Kriegen Makedoniens gedrillt worden

wie keine zweite, und sie ist perfekt bewaffnet. Ihr Herz ist die Phalanx: Beim Kampf marschieren in dieser Schlachtordnung 9000 Makedonen in dichten Reihen auf – zähe, mindestens zwei Jahre lang ausgebildete Männer aus den Bergen.

Jeder dieser mit Bronzehelm, Beinschienen und einem schmalen, am linken Arm geführten Rundschild geschützten Soldaten hält dann in beiden Fäusten einen gut fünf Meter langen, metallgespickten Spieß, die sarissa.

3000 Männer fechten als hypaspistes, speziell bewaffnete Fußsoldaten. Sie tragen größere Schilde als die Kämpfer in der Phalanx, doch da ihre Lanzen deutlich kürzer sind, bleiben sie in der Schlacht beweglicher. Häufig werden sie zum Schutz der ungedeckten Flanken der Phalanx eingesetzt.

Als Tageslohn erhält ein Hypaspist eine Drachme, ein Söldner etwas weniger. Reiter erwarten vermutlich zwei Drachmen am Tag, das Sechsfache eines Arbeiters. Einer Drachme entsprechen 4,37 Gramm Silber – das sind mehr als 200 Kilogramm Kriegslohn pro Tag. Ein einziges Jahr Krieg wird Alexander 73 Tonnen Silber kosten. Als er loszieht, um Persien zu überfallen, schleppt er etwa 1,8 Tonnen Silber im Tross mit, dazu Vorräte für 30 Tage. Er muss siegen und plündern, und er muss schnell siegen und plündern, wenn sich das Heer nicht hinter seinem Rücken auflösen soll.

Der Hellespont ist keine Barriere. Persien kann nicht an allen Grenzen große Verbände stationieren. Eindringlinge werden nicht an der Peripherie blockiert, sondern erst im Inneren von eigens gegen sie aufgestellten Heeren.

So gelangt Alexander unbehelligt ans asiatische Ufer. Dort schleudert er einen Speer ins Land, als Zeichen, so der antike Chronist Diodor, "dass er Asien von den Göttern als eine durch den Speer gewonnene Beute empfange".

Welche Vermessenheit! Ein Kriegszug wird da als einziger großer Raubzug vor aller Augen inszeniert und ganz Asien – dessen genaue Geographie den Griechen unbekannt, dessen gewaltige Dimension ihnen jedoch sehr wohl bewusst ist – zur Beute eines einzigen, von den Göttern erwählten Menschen erklärt. Der junge König eilt denn auch zuerst nach Troja, opfert an den Gräbern der Helden, erhebt sich damit selbst in homerische Sphären, weil er sich als Erbe der Sagengestalten geriert.

Was plant Alexander in diesem Moment? Nach wie vor die Eroberung Kleinasiens, wie sie wohl seinem Vater vorschwebte? Oder bereits mehr, viel mehr?

Die Gesten und die Zeugnisse über seine Ruhmsucht schon in jungen Jahren deuten darauf hin, dass er sich vielleicht jetzt schon zur Eroberung des größten Kontinents, ja vielleicht gar prinzipiell aller Kontinente erkoren glaubt. Dass da einer den Hellespont überschreitet, um den Krieg buchstäblich bis ans Ende der Welt zu tragen.

Ziemlich sicher ist jedoch, dass seine Soldaten in ihm zunächst bloß einen Feldherrn konventionellen Zuschnitts sehen und sich im Leben nicht vorstellen können, wohin er sie führen wird. Und dass auch der ferne Perserkönig Dareios III. den Charakter und die Ziele jenes Eindringlings fatal unterschätzt.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE "Alexander der Große" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 63 - 10/13 - Alexander der Große
GEO EPOCHE Nr. 63
Alexander der Große
Eroberer eines Weltreichs: 356-323 v. Chr.